Musikindustrie im Streaming-Zeitalter Mit dem Strom

"Ich wollte meine Musik nicht mehr wie bisher veröffentlichen", sagt Beyoncé Knowles über ihr letztes Album.

(Foto: Sony Music)

Was kommt nach iTunes? Weil digitale Verkäufe CDs nicht ersetzen können, wollen Künstler und Musikindustrie zukünftig Streaming auf Internetplattformen besser für ihren Vertrieb nutzen. Wie die Zukunft aussehen könnte, hat Beyoncé vorgemacht.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Lucian Grainge, 54, hat kürzlich ein paar wunderbare Sätze gesagt. Der Chef von Universal Music, einem der drei großen Konzerne der Musikindustrie, jammert nicht über sinkende Umsätze, er beklagt sich nicht über Piraterie, er sagt einfach: "Musik gibt es seit tausend Jahren, und es wird sie auch die nächsten tausend Jahren geben. Die Menschen lieben Rhythmus, genau deshalb gibt es eine Zukunft."

Natürlich ist diese Aussage trivial - und doch ist es schön, dass sich da mal ein Verantwortlicher hoffnungsfroh äußert über eine Branche, die es nun wahrlich nicht leicht hatte in den vergangenen 15 Jahren.

Freilich lieben die Menschen Rhythmus. Doch sie mögen es auch, wenn sie möglichst wenig dafür bezahlen müssen. Die Frage lautet deshalb, wie sich Geld verdienen lässt mit dem Transport dieses Rhythmus' vom Künstler zum Kunden. Apple sucht nach einer Antwort: Das Unternehmen will die Labels auffordern, ihr Material zunächst exklusiv bei iTunes zu veröffentlichen und erst später bei Streamingdiensten bereitzustellen.

Apple schwebt offenbar das in der Filmindustrie übliche Modell vor: erst im Kino, dann auf DVD und im Bezahl-Fernsehen, am Ende steht das frei empfangbare Fernsehen. Dass diese Strategie überaus erfolgreich sein kann, zeigte die überraschende Veröffentlichung des Albums "Beyoncé" der Sängerin Beyoncé Knowles im vergangenen Dezember. Die Produktion wurde geheim gehalten, die Künstlerin und Columbia Records nutzten dazu den digitalen Speicherdienst box.com. Das Album wurde nicht beworben und war eine Woche lang exklusiv für knapp 16 Dollar bei iTunes erhältlich, verkaufte sich blendend.

Amazon verweigert sich

In die CD-Läden kam es erst ein paar Tage später, es schadete den iTunes-Zahlen sicherlich nicht, dass sich etwa Amazon und Target aufgrund der Verzögerung weigerten, das Album zu vertreiben. Danach stellte Knowles zwei der 14 Lieder bei Spotify zur Verfügung und präsentierte auf ihrem Youtube-Kanal 30-Sekunden-Teaser zu jedem Song. "Ich wollte meine Musik nicht mehr wie bisher veröffentlichen", sagte Knowles: "Ich wollte das Album herausbringen, wenn es fertig ist - direkt von mir zu meinen Fans."

Auch dieser Satz klingt wunderbar, hat aber natürlich einen ernsten wirtschaftlichen Hintergrund. Zwischen 1999 und 2011 sind die Umsätze der Musikindustrie weltweit von 28 Milliarden Dollar auf 16,5 Milliarden gesunken, erst im Jahr 2012 sind sie erstmals wieder gestiegen, wenn auch nur um 0,2 Prozent. Einer der Gründe für das Aufhalten des Abwärtstrends ist der iTunes-Store, über den in den USA etwa 80 Prozent aller Download-Verkäufe abgewickelt werden. Ein anderer: die steigende Beliebtheit der Streamingdienste. Die jedoch sorgen dafür, dass die Umsätze mit dem Verkauf digitaler Musik im vergangenen Jahr zum ersten Mal gesunken sind. Anfang dieses Jahres sank die Zahl der verkauften Downloads gar um zwölf Prozent. Dagegen stieg die Anzahl der gestreamten Lieder im vergangenen Jahr um 32 Prozent auf 118,1 Milliarden. Die Menschen wollen Musik hören, aber nicht mehr unbedingt besitzen. Das kann Apple nicht gefallen.

"Wir haben gedacht, dass die Erlöse aus den Verkäufen digitaler Downloads irgendwie die verlorenen Umsätze mit physischen Tonträgern würden ersetzen können", sagt Larry Miller. Er ist Professor für Musikökonomie an der New York University: "Womit vor ein paar Jahren kaum jemand gerechnet hat: Dass diese Umsätze aus Download-Verkäufen derart zurückgehen würden, wie es dieses Jahr passiert ist." Dabei würden sich Streamingdienste erst in der Entwicklungsphase befinden.