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Mozilla-Geschäftsführer Mark Surman:"Komplett auf Facebook zu verzichten, beeinflusst mein Privatleben"

Google entwickelt den wichtigsten Browser der Welt, und es entwickelt das wichtigste Betriebssystem der Welt - Android. Aber ist Android überhaupt noch Open-Source-Software, oder hat es sich längst in ein geschlossenes System verwandelt?

Im Kern ist Android quelloffen. Sie können es nutzen, um Ihr eigenes Betriebssystem darauf aufzubauen, so wie wir es mit Firefox OS versucht haben. Das ist gut. Aber das hat nichts mit dem Android zu tun, wie Sie es als Nutzer kennen. Der Code besteht aus eng verknüpften Daten und Diensten. Wenn ich an Android denke, denke ich an Google Maps, an Google-Accounts und den Play Store mit seinem App-Ökosystem. Das sind alles proprietäre Dienste, die Google über den quelloffenen Code gestülpt hat. Ist Android dann noch ein Open-Source-Betriebssystem? Natürlich nicht.

Sie haben Firefox OS erwähnt, Ihr eigenes Betriebssystem. Warum sind Sie damit gescheitert? Hat Google nur versucht, sich Konkurrenz vom Leib zu halten, oder haben Sie selbst auch Fehler gemacht?

Mit Sicherheit haben wir eine Menge Fehler gemacht. Microsoft, Nokia und Blackberry würden vermutlich das Gleiche sagen. Es gibt viele Unternehmen, die gern im Markt für mobile Betriebssysteme mitspielen würden. Trotzdem sind nur Google und Apple übriggeblieben. Firefox OS hatte seine Schwächen, aber so oder so hatte es von Anfang an keine Chance. Wir leben in einer Welt, in der Hard- und Software eng miteinander verbunden sind. Wer Geld in App-Stores ausgibt und Käufe an seinen Account knüpft, der wechselt nicht mehr. Deshalb ist es schwer vorstellbar, dass irgendjemand den Smartphone-Markt aufmischt. Wir waren weit davon entfernt, auch nur ansatzweise zu konkurrieren. Es liegt einfach zu viel Macht in zu wenigen Händen.

Es gibt noch ein anderes Unternehmen, das viel Macht in seinen Händen hält: Ist Facebook eine noch größere Bedrohung für das Netz als Google?

Ich würde sagen, dass Facebook zumindest die lautere Bedrohung ist. Es hat einfach so große Auswirkungen auf unser Sozialleben. Ein Beispiel: Vergangenes Jahr wollte ich eine Weihnachtsfeier für meine Familie organisieren. Ich habe versucht, alle per E-Mail einzuladen ... Da sehen Sie es, Sie lachen. Das ist so ungewöhnlich, dass ich den Satz nicht mal beenden muss. Dabei wollte ich doch nur verhindern, dass Facebook von meiner Veranstaltung erfährt. Sie sammeln schon so viele Daten, da sollten wie sie nicht mit noch mehr Informationen füttern.

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Autofahren darf man nur mit Führerschein, aber Surfen geht auch ohne Facebook-Konto.

Das stimmt, aber ganz so einfach ist es nicht. Ich nutze den Google-Konkurrenten DuckDuckGo für 80 Prozent meiner Suchanfragen, und der einzige, den das betrifft, bin ich. Aber wenn ich versuche, komplett auf Facebook, Instagram und Whatsapp zu verzichten, beeinflusst das mein Privatleben. Auf Ihre Frage würde ich vermutlich so antworten: Google bedroht das freie Netz, Facebook bedroht die Demokratie und den sozialen Frieden.

Was kann ich tun, wenn mir das freie Netz am Herzen liegt und mich die Macht der Tech-Giganten beunruhigt?

Nutzen Sie Alternativen, wann immer Sie können. Es gibt immer mehr Dienste und Produkte, bei denen Sie eine Wahl haben. Das Populäre ist nicht immer das Beste. Halten Sie Ausschau nach unabhängigen Entwicklern und Open-Source-Software, und geben Sie diesen Alternativen den Vorzug. Und seien Sie ein kritischer, fordernder Nutzer der großen Plattformen. Erwarten Sie, dass die Unternehmen Ihre Interessen berücksichtigen. Und wenn Sie es nicht tun, dann verbünden Sie sich mit anderen und sagen Sie ihnen die Meinung. Unternehmen reagieren auf Druck von ihren Kunden und Nutzern. Wir müssen so laut werden, dass sie uns nicht überhören können.

Viele Menschen haben gehofft, dass das Internet die Welt demokratischer machen und jedem eine Stimme geben könnte. Mittlerweile scheint das Netz eher für Desinformation und Hass zu stehen. Glauben Sie immer noch, dass die Chancen die Risiken überwiegen?

Das Internet gibt uns großartige Möglichkeiten und Freiheiten. Das ist unglaublich wertvoll, diese Freiheiten müssen wir schützen. Aber wir müssen realistisch sein: Wenn die Menschheit online geht, dann spiegeln sich die Probleme der Menschheit im Netz. Um diese Probleme müssen wir uns kümmern. Wir müssen uns mit Propaganda beschäftigen, mit Desinformationskampagnen, Hass und Rassismus. Die Antwort kann aber nicht sein, die Freiheit einzuschränken. Die Antwort ist, eine ausgewogene, integrative und gerechte Gesellschaft aufzubauen.

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