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Navigation in Moskau:Rund um den Kreml spielt das GPS verrückt

Auf dem Roten Platz haben Smartphones immer wieder Probleme mit der Orientierung.

(Foto: AP)

"Plötzlich war ich in einem ganz anderen Viertel", sagt sogar Putins Sprecher. Ein Störsender verwirrt Ortungssysteme in Moskaus Zentrum. Aber wofür ist er da?

Touristen haben es leicht in der russischen Hauptstadt. Das Wichtigste ist in der Mitte: Den Kreml und den Roten Platz findet man auch, ohne kyrillische Buchstaben lesen zu können. Alles Weitere ist dann in konzentrischen Kreisen darum herum verteilt, da kann sich eigentlich keiner richtig verirren. Bis jetzt.

Denn wer sich auf die Navigation im Mobiltelefon verlässt, könnte neuerdings Probleme kriegen. Im Juni fiel Fußgängern und Autofahrern zum ersten Mal auf, dass sie teleportiert wurden, zumindest virtuell. Gerade noch waren sie im Moskauer Zentrum unterwegs, plötzlich zeigten ihre Navigationsgeräte den Flughafen Wnukowo als Standort an; der liegt 30 Kilometer südwestlich am Stadtrand.

Seitdem tritt das Phänomen immer wieder auf, meist für mehrere Stunden und meist in der Nähe des Kremls. Besonders ärgerlich ist das für Taxifahrer und ihre Kunden. Denn die finden in Moskau normalerweise per App und satellitengestützter GPS-Navigation zueinander. Taxis bekamen falsche Bestellungen zum Flughafen, während vor den Kreml-Mauern genervte Kunden vergeblich warteten. Gäste, die in der Stadtmitte unterwegs waren, beschwerten sich, wenn das Taxameter eine Fahrt zum Flughafen in Rechnung stellte.

Ein Mitarbeiter der Firma Yandex beschloss deshalb, der Sache auf den Grund zu gehen. Bei Internetsuche und Navigation liegt das Unternehmen in Russland deutlich vor Google. Außerdem betreibt Yandex den größten Taxi-Dienst des Landes. Der Technologie-Chef Grigorij Bakunow nahm sich also einen Vormittag Zeit, packte unterschiedliche GPS-Geräte in seinen Rucksack und fuhr einen Vormittag mit dem Segway durch das oktoberkalte Moskau.

Kämpft der Kreml mit dem Sender gegen Drohnen?

Irgendwo im Kreml funke ein Sender ein starkes Signal, das vorgebe, von einem Navigationssatelliten zu stammen, fasste Bakunow später seine Ergebnisse zusammen. IT-Experten sprechen von "Spoofing", wenn Hacker vortäuschen, jemand ganz anderes zu sein, sich sozusagen elektronisch verkleiden. Einen solchen Sender für falsche Satelliten-Signale könne man heute schon fertig kaufen, schrieb Bakunow. Er frage sich nur, warum der Kreml diesen einsetze?

Am plausibelsten erscheint ihm die Erklärung, der Sicherheitsdienst wolle verhindern, dass Drohnen über das Zentrum der Macht fliegen und möglicherweise Videoaufnahmen machen. Verboten ist das sowieso, aber wenn so ein ferngesteuertes Fluggerät erst einmal in der Luft ist, kriegt man es nicht so schnell eingefangen. Alle modernen Drohnen seien mit GPS ausgerüstet und hätten die Koordinaten von Orten gespeichert, an denen sie nicht aufsteigen dürften - allem voran Flughäfen, beeilte sich ein Yandex-Vertreter klarzustellen. Dies sei aber lediglich eine mögliche Erklärung. Russische Journalisten berichteten, das Phänomen sei auch schon bei Reisen des Präsidenten in andere Städte aufgetreten.

Wladimir Putins Sprecher Dmitrij Peskow gab sich ahnungslos und verwies auf den stets verschwiegenen Sicherheitsdienst der Regierung. Er könne lediglich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass Navigationsgeräte manchmal verrücktspielten, das sei ihm erst kürzlich passiert: "Plötzlich war ich in einem ganz anderen Viertel."

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