Süddeutsche Zeitung

Mobile World Congress:Schnelles Internet auf dem Smartphone - für alle

  • Auf dem Mobile World Congress in Barcelona werden die neuesten Smartphones vorgestellt - doch eigentlich reden alle über eine andere Neuerung: 5G.
  • Mit der fünften Generation mobiler Datenübertragung sollen Internetgeschwindigkeiten von bis zu 20 Gigabit pro Sekunde möglich werden.
  • Die Technik soll 2020 starten und gilt als Voraussetzung für selbstfahrende Autos und andere Anwendungen des Internets der Dinge.

Es ist Showtime in Barcelona, und die Hersteller liefern. Schicke schnelle Smartphones mit starken Kameras allenthalben, Windows-Computer, die gleichzeitig als Tablet dienen können und so weiter. Alles wie im vergangenen Jahr beim Mobile World Congress, dem größten Branchentreffen der Welt. Nur eben noch ein wenig schöner, schneller, schärfer.

Das wirklich Neue dagegen ist zwar unsichtbar, es ist aber das Gesprächsthema auf der ganzen Messe. "Das ist nicht bloß eine neue Technologie", sagt Christoph Bach vom Netzwerkausrüster Ericsson, "das ist ein game changer", eine Technik also, die vieles ändert. Er spricht von 5G, also der kommenden Technik der Datenübertragung in mobilen Netzwerken. 5G heißt so, weil es sich dabei um die fünfte Generation dieser Technik handelt. Um das Jahr 2020 herum werden vermutlich die ersten Netze mit dieser Technik verfügbar sein.

Mobile Datenübertragung, das gibt's doch aber längst? Das Besondere an 5G ist nicht, dass es gewaltig viel mehr Daten übertragen kann als die derzeitig genutzten Techniken von 2G bis 4G. 15, 20 Gigabit pro Sekunde - alles kein Problem. So lassen sich auch entlegene Gebiete mit superschnellem Internet versorgen, ohne dass dafür Glasfaser verlegt werden muss. In afrikanischen Ländern könnten durch die größere Reichweite dieser Technik mit einem Schlag zehnmal mehr Menschen mit Internet versorgt werden als bisher, weltweit kämen dadurch zwei Milliarden neuer Internetnutzer dazu.

5G ist eine Revolution

Es ist auch nicht das Tolle an 5G, dass riesige Mengen kleiner und kleinster Geräte auf einmal eingebunden werden können. Und die Überlegenheit von 5G gründet auch nicht bloß darauf, dass die damit verbundenen Geräte bei Bedarf quasi verzögerungsfrei mit dem Netz und untereinander kommunizieren können.

Das Neue und das Besondere ist: 5G kann das alles auf einmal.

Damit wird 5G zur Voraussetzung für eine wichtige Entwicklung in der Technik, die sich gerade anbahnt: das Internet der Dinge. Dabei geht es weniger um die immer wieder gerne zitierten vernetzten Kühlschränke und Toaster. Es geht viel eher um Dinge, die das Leben wirklich verändern werden. Um Sensoren, die etwa in der Kleidung stecken und eine ganze Reihe von Vitalwerten - Puls, Blutdruck, Hautschweiß und so weiter - übertragen können, wie Stéphane Richard sagt, der Chef des französischen Telekommunikationsanbieters Orange. "Das ist eine Revolution, keine Evolution", sagt er.

Für den normalen Mobilfunkkunden heißt das etwa, dass kein Unterschied mehr spürbar sein werde zwischen einer schnellen kabelgebundenen und einer drahtlosen Internetverbindung, sagt Rami Rahim, der Chef von Juniper Networks, dem zweitgrößten Netzwerkausrüster der Welt. Auch unterwegs könne man beispielsweise eintauchen in virtuelle Welten.

Mobilfunkanbieter müssen sich umstellen

Solche Entwicklungen haben es aber an sich, dass sie Altes, Überkommenes hinwegfegen können. Erwischen könnte es zum Beispiel die Mobilfunkanbieter, sagt Rahim. Denn die müssten ihre veralteten Systeme umstellen: 5G setzt voll und ganz darauf, dass der Datenverkehr mit flexibel gestaltbaren Rechenzentren gesteuert wird, in der Cloud, wie es in der Fachsprache heißt. Aber was bedeutet das konkret?

Ein Beispiel: Ein Mobilfunkanbieter versorgt ein Gebiet, in dem ein Fußballstadion steht. Ist ein Spiel, braucht man dort viel Leistung im Mobilnetz. Aber wenn nicht, läge die Kapazität brach, die vielleicht woanders gebraucht würde. Wird das Rechenzentrum per Software verwaltet, müssen keine Netzwerkgeräte mühsam umprogrammiert werden. Alles läuft über gewöhnliche Server.

5G ist nicht nur eine Sache der Technik

Und natürlich geht es bei 5G auch und ganz besonders um selbstfahrende Autos. Die rollenden Computer, zu denen Autos mehr und mehr mutieren, stellen mit die höchsten Anforderungen an die Netztechnik. Sie brauchen eine breite Datenautobahn, aber kritische Informationen - Achtung: Eis hinter der Kurve - sollen auch möglichst verzögerungsfrei übertragen werden. "Die EU ist sehr aktiv bei 5G und beim Internet der Dinge", sagt Enrico Salvatori, der Europachef des US-Chipherstellers Qualcomm. Denn besonders der europäischen Politik sitzt die Autoindustrie im Nacken. Ohne 5G, das ist den Herstellern schon einige Zeit klar, können sie ihre Zukunftsvisionen vom selbstfahrenden Auto vergessen. Besonders die Länder, die eine starke Autoindustrie haben, übten daher viel Druck aus: "Deutschland, Frankreich, Italien, die sind alle sehr fordernd", sagt Salvatori.

In anderen Ländern dagegen, in den USA etwa, wo demnächst ein großer 5G-Versuch mit vielen Tausend Testkunden stattfinden wird, geht es eher darum, möglichst viele Daten zu übertragen. Ähnliches gilt für Asien. In Südkorea sollen die Olympischen Spiele in Pyeongchang per 5G versorgt werden - obwohl bis dahin die Standards für die neue Netzwerktechnik noch nicht final verabschiedet sein werden.

Aber auch bei der Entwicklung des Standards, der global einheitlich sein soll, baut sich mehr und mehr Druck auf. Qualcomm etwa hat eine Initiative gestartet, die zum Ziel hat, den Standard schneller zu verabschieden, schon 2019, nicht erst 2020. Natürlich nicht ganz uneigennützig. Denn damit die passenden Chips entwickelt und hergestellt werden können, müsse eben erst einmal bekannt sein, was sie leisten sollen, sagt Salvatori.

Das Netz muss modernisiert und aufgerüstet werden

Aber ist 5G tatsächlich nur eine Sache der Technik? "Nein", sagt Sandra Rivera, die beim Chiphersteller Intel den Bereich Netzwerk-Plattformen leitet, zwar müsse erst einmal das Netz stehen, bevor man an Anwendungen denken könne. Aber: "5G ist weniger ein Technikproblem als ein Problem der Geschäftsmodelle." Also: Wie sollen die Anbieter künftig ihr Geld verdienen? Orange-Chef Stéphane Richard spricht von 200 Milliarden Euro, die in den nächsten paar Jahren weltweit investiert werden müssten, um 5G einzuführen. Nur wenn Aussicht besteht, das Geld wieder hereinzubekommen, werden sie gewillt sein, diese riesigen Investitionen zu schultern. Das Netz muss modernisiert und aufgerüstet werden, es braucht Rechenzentren, die mit den Datenmengen fertigwerden, die all die vielen Sensoren liefern.

"Bisher wird die Netzabdeckung über Haushalte gemessen", sagt Ericsson-Mann Bach. Doch wenn Maschinen mit Maschinen kommunizierten, gehe es darum, Flächen abzudecken. Und auf einem Quadratkilometer, sagt Sandra Rivera von Intel, könnten Millionen solcher Sensoren im Einsatz sein.

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SZ vom 01.03.2017/csi
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