Microsoft:Von einem Monopol zum anderen

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Der amerikanische Softwarekonzern versucht, seine Vorherrschaft vom PC-Markt auf das Internet auszudehnen.

Walter Ludsteck

(SZ vom 23.10.2001) - Der Gerichtsstreit zwischen der amerikanischen Justiz und der Microsoft Corporation um die Kartellrechtsverstöße des Unternehmen war noch in vollem Gange, da bereitete dieses scheinbar ungerührt den nächsten Coup vor. Der von Bill Gates, dem reichsten Mann der Welt, gegründete Konzern entwickelte unter dem Namen . Net (Dotnet gesprochen) eine neue Software-Architektur, die das ganze Internet umfassen sollte.

Microsoft: Die Finanzmacht und Marktmacht aus dem Monopol der PC-Betriebssysteme nutzt Bill Gates zur Eroberung neuer Märkte.

Die Finanzmacht und Marktmacht aus dem Monopol der PC-Betriebssysteme nutzt Bill Gates zur Eroberung neuer Märkte.

(Foto: Foto: Reuters)

Wer zu dieser Zeit nach der Strategie hinter .Net fragte, bekam nur vage Antworten. Microsoft machte sich klein, wollte den Gerichten nicht noch zusätzliche Angriffsflächen bieten. Jetzt, nachdem die Regierung George Bush die Gefahr einer Zerschlagung des Unternehmens abgewendet hat, geht Gates wieder in die Offensive. Das Ziel wird nun klar: So wie heute nahezu alle PC-Anwender auf Microsoft angewiesen sind, sollen künftig alle Internet-Nutzer einen Obulus an den Konzern abliefern.

Neue Streitfälle

Als Herzstück des .Net-Konzeptes sieht Microsoft Windows XP. Dieses Betriebsystem für Personalcomputer, das am Donnerstag mit großen Pomp auf den Markt gebracht wird, ist jüngster Spross der Windows- Software, die in rund 95 Prozent aller PC arbeitet und dem Konzern riesige, stetige Einnahmen verschafft. XP bildet nach Angaben von Microsoft die am weitesten gehende Neuerung seit Windows 95 und kombiniert die Merkmale der professionellen Windows-Linie (2000 und NT) mit den Multimedia- und Spiele- Eigenschaften der Konsumenten-Serie (Win Me und 98).

Doch Windows XP (die Abkürzung steht für eXPerience, also "Erfahrung" und soll das "neue Computing-Erlebnis" ausdrücken) ist für Microsoft mehr als nur die Fortschreibung des klassischen PC-Betriebssystems. Es soll im Rahmen der .Net-Strategie als "zentrale Informations-Drehscheibe für Internet-Services" dienen. Unter Ausnutzung des Windows-Monopols will der Konzern damit weitere Marktsegmente erobern - und zugleich seine Stellung als Online-Dienstleister verstärken.

Dabei wendet Microsoft die selbe Methode an, die schon beim Einstieg in den Sektor Internet-Browser erfolgreich war - mit Windows, an dem fast niemand vorbeikommt, werden neue Funktionen gebündelt. Auf diese Weise und mit einigen unlauteren Tricks hat der Konzern vor etlichen Jahren den Konkurrenten Netscape aus dem Browsermarkt gedrängt - was schließlich den immer noch dauernden, aber durch die Bush-Entscheidung entschärften Kartellprozess gegen Microsoft ausgelöst hat.

Nun kommt es bei der Software zum Abspielen von Musik und Videos aus dem Internet zu einem ähnlichen Zweikampf. Microsoft kombiniert XP mit seinem Programm "Media Player" und nimmt damit den "Real Player" der US-Firma Real Networks Inc aufs Korn. Hat der Fall Netscape die amerikanische Justiz alarmiert, so wird die Entwicklung bei Audio/Video-Software inzwischen von der EU unter die Lupe genommen.

Doch die neuen mit XP gekoppelten Funktionen haben noch weitere Unternehmen verstört. So bezichtigte der Kodak-Konzern Microsoft der Wettbewerbsbehinderung, weil das Gates-Unternehmen seine eigene Bildverarbeitungs-Programme mit XP kombiniert hat. Inzwischen haben sich beide Unternehmen jedoch über die Präsentation ihrer Software für digitale Fotos auf dem Bildschirm geeinigt. Nach wie vor auf Konfrontationskurs sind jedoch Microsoft und AOL Time Warner. Beide Unternehmen konkurrieren mit den Marken Microsoft Network MSN und AOL schon lange bei den Online-Diensten. Nun setzt der Softwarehersteller diesen Wettbewerb auf anderer Ebene fort - durch die Einbindung des MSN-Programmes für Instant-Messaging in XP. Das verzerrt nach Meinung von AOL den Wettbewerb. Außerdem ist zwischen den beiden Unternehmen ein heftiger Streit um die Platzierung der jeweiligen Onlinedienst-Symbole (die den direkten Zugang zu den Diensten erlauben) durch die PC-Hersteller entbrannt.

Geht es bei diesen Fällen um einzelne Marktsegmente und Konkurrenten, so könnte eine andere, mit der Einführung von XP verknüpfte Funktion wesentlich breitere und schwerer wiegende Auswirkungen haben. Für Microsoft- Online-Dienste, die unter XP in Anspruch genommen werden, fordert der Softwarekonzern unter dem Stichwort Passport eine Registrierung mit Namen, Adresse und Kreditkartennummer. Diese persönlichen Daten werden von Microsoft verwaltet und sowohl für die eigenen Dienstleistungen verwendet als auch gegenüber externen Internet-Service-Anbietern (wie Online-Shops) als Konzept für eine sichere Kundenbeziehung vermarktet. Die XP-Anwender werden dabei mit der Bequemlichkeit gelockt. Wer bei Passport registriert ist, kann mit einem einzigen Anmeldenamen und Kennwort auf die Angebote aller Dienstleister zugreifen, die sich der Passport-Bewegung angeschlossen haben. Die weiteren Kundendaten erhalten diese von Microsoft. Den Online-Anbietern macht der Softwarekonzern Passsport mit dem Hinweis schmackhaft, dass sie kein eigenes System der Kundenverifizierung mehr benötigen. Und natürlich reizt das Kundenpotenzial zig Millionen künftiger XP-Anwender.

Microsoft verschafft sich damit eine Schlüsselposition bei den Kundenbeziehungen des elektronischen Handels und schlüpft zugleich in eine neue Rolle. Dass der Konzern nämlich die Kundendaten nicht ganz uneigennützig sammelt und zur Verfügung stellt, sondern, wie Kritiker befürchten, dafür irgendwann einmal Gebühren von den Online-Anbietern erheben wird, liegt nahe. Damit wird Passport zu einem Projekt, das nicht nur die Computerbranche betrifft, sondern die ganze Internetwirtschaft.

Auf vielen Wegen

Da absehbar ist, dass der PC seine dominierende Stellung als Tor zum Internet verlieren wird, schließt das .Net-Konzept alle weiteren Zugangsinstrumente ein. Microsoft versucht deshalb, seine Betriebssysteme in der ganzen Gerätepalette zu etablieren. Für die kleinen Westentaschencomputer (PDA) wurde unlängst das neue System Pocket PC lanciert, für Mobiltelefone gibt es die Stinger-Software, mit der Xbox steigt der Konzern Anfang November in den riesigen und wegen der jugendlichen Kunden besonders interessanten Markt der - internetfähigen - Spielekonsolen ein und auch bei Set-Top-Boxen für das digitale Fernsehen mischt Microsoft mit. Nicht überall hat der Konzern dabei Erfolg. Bei Handys spielt Stinger bisher eine Statistenrolle und auch die Erwartungen im Fernsehsektor haben sich nicht erfüllt.

Nun richtet Microsoft jedoch die einzelnen Produktfamilien an einem übergeordneten, ehrgeizigen Ziel aus. Die Internet-Programme sollen unabhängig vom eingesetzten Gerät nahtlos zusammenwirken und auch automatisch bestimmte Anwendungen verknüpfen - alles auf Grundlage der .Net-Architektur. Schafft es Microsoft, dieses Konzept durchzusetzen, bestimmt es die Basistechnologie der Internet-Abläufe und sitzt zugleich an den Zugängen zum Netz. Was vor nicht allzu langer Zeit - wegen der sprunghaften und chaotischen Entwicklung sowie der riesigen Dimensionen des Internets - noch undenkbar schien, nämlich dass es einzelnen Unternehmen gelingen könnte, das Internet oder wichtige Bereiche davon zu beherrschen, nimmt damit konkrete Gestalt an.

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