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Microsoft im Wohnzimmer:Sturm aufs Sofa

Microsoft-Gründer Bill Gates zeigt in Las Vegas auf der "Consumer Electronics Show" (CES) seine Visionen - die den Softwarekonzern durch seine Spielkonsole den Platz im Wohnzimmer sichern sollen

Thorsten Riedl

Auf Knopfdruck verwandelt sich die Tapete in ein riesiges Display. Darauf erscheint wie aus dem Nichts das Cockpit eines Rennwagens - ein Computerspiel, möglich geworden durch eine elektronische Wand im Schlafzimmer.

Bill Gates bei seiner Rede auf der CES

(Foto: Foto: Reuters)

Plötzlich wird das Spiel unterbrochen. Eine Nachricht taucht auf: "Ich hole Großmutter ab." Bill Gates lacht und meint, nun müsse das virtuelle Autorennen aber einem seriösen Hintergrund weichen. Per Fernbedienung schaltet er zu einem klassischen Tapetenmuster - auf der in einem Bilderrahmen ein kleines Video vom Hund der Oma läuft.

Der Gründer des Softwarekonzerns Microsoft ist in seinem Element. Im Ballsaal des Venetian-Hotels in Las Vegas, der die Ausmaße eines Fußballfeldes hat, darf der Vordenker der Technologiebranche seine jüngsten Visionen mit dem Publikum teilen. Zum zehnten Mal spricht Gates nun auf der Consumer Electronics Show (CES), der größten Messe für Unterhaltungselektronik. Sein Thema dieses Mal: das vernetzte Heim - in dessen Mittelpunkt strebt Microsoft mit einer Reihe von Produkten.

Die Technologiekonzerne zeigen Präsenz

Den etablierten Herstellern von Unterhaltungselektronik wie Philips oder Sony steht mit Technologiekonzernen wie Microsoft neue Konkurrenz ins Haus. Firmen, die aus der IT bekannt sind, suchen ihren Platz im Wohnzimmer der Konsumenten. Denn obschon sich das Wachstum der Heimelektronikbranche deutlich verlangsamt, liegt es im Schnitt noch immer über dem des IT-Sektors.

Die Präsenz der Technologiefirmen ist in Las Vegas deutlich: Von fünf Hauptvorträgen der CES werden drei von Chefs von Technologie-, und nicht von Medienkonzernen gehalten. Unternehmen wie der Computerbauer Dell präsentieren auf der CES Rechner, die schick genug für den Platz vor dem Sofa sind.

IBM hat nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder Standfläche auf der Messe gemietet. Mit Microsoft bringt der weltweit größte IT-Konzern Hewlett-Packard einen Netzcomputer in die Wohnzimmer.

Zwei Jahre Musik nonstop

Solche auch als Server bezeichneten Computer haben bislang ihren Dienst in Rechenzentren im Unternehmen verrichtet. Künftig soll sich der Media-Smart-Server um alle digitalen Belange im Heim der Konsumenten kümmern.

Der Server speichert automatisch digitale Daten wie Fotos, Videos, Dokumente oder Musik. "Mit dem Gerät lassen sich buchstäblich Terabytes an Informationen sichern", sagt Gates. Ein Terabyte entspricht 1000 Gigabytes - oder umgerechnet zwei Jahren Nonstop-Musik in digitaler Qualität.

Auf Wunsch kann auf den Server von allen PCs im heimischen Netz zugegriffen werden - oder über das Internet von außerhalb. Natürlich mit Sicherheitsvorkehrungen gegen Missbrauch, betont Gates.

Internet-Fernsehen mit der X-Box 360

Im Zentrum der Strategie von Microsoft steht ein unscheinbares Produkte: die Xbox 360. Vor etwas mehr als zwölf Monaten hat der weltweit größte Softwarehersteller die zweite Generation seiner Videospielkonsolen gestartet.

Auf der CES haben Gates und Robbie Bach, Leiter der Microsoft-Sparte für Unterhaltung, eine Reihe zusätzlicher Funktionen für die Xbox 360 gezeigt, die eines deutlich machen: Microsoft will mehr als nur spielen. Dem Konzern geht es um den Einstieg in einen Milliarden-Dollar-Markt.

So wird es ab Ende des Jahres zunächst in den USA möglich sein, mit der Spielkonsole Videos aus dem Internet zu laden. Gegen Bezahlung erhalten die Xbox-360-Nutzer Fernsehserien oder Musikvideos auf das Gerät und können diese auf dem Fernseher schauen. Daneben können die Spieler bald auch Internetfernsehen direkt über die Fernbedienung der Xbox 360 schauen.

Bislang war dazu ein spezielles Zusatzgerät für den Fernseher notwendig. In diesen Genuss kommen bald auch deutsche Zuschauer: Die Deutsche Telekom nutzt die IPTV-Lösung von Microsoft.

© sueddeutsche.de
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