Merkel-Podcast Realer Ärger um die virtuelle Kanzlerin

Seit zwei Monaten hat Angela Merkel einen eigenen Internet-Podcast, nun wird das bisherige Produktionsteam ausgewechselt - und keiner weiß so genau, warum.

Von Christoph Schwennicke

Im virtuellen Raum der Blogs und Blogger und freischaffenden Leitartikler hat die virtuelle Kanzlerin schon ihren festen Platz. Der sogenannte Podcast von Bundeskanzlerin Angela Merkel, also die samstägliche Videobotschaft via Internet (herunterladbar auf ipods und andere mobile Bespaßungsgeräte), wird leidenschaftlich bemeint.

Unter blog.juber.de findet etwa ein René, alles in allem sei der Podcast "nicht so schlecht wie es jetzt den Anschein macht". Schließlich bekomme "man die Informationen von der Bundeskanzlerin aus erster Hand", und da dürfe "ein bisschen Propaganda" schon sein.

Diese Informationen aus erster Hand respektive erstem Mund sind von reduzierter Komplexität. Mit den historischen Worten: "Jetzt geht es los", startete die Bundeskanzlerin als erster Regierungschef des Globus in die neue mediale Welt - und teilte den Podcastern mit, dass die Fußballweltmeisterschaft beginne.

In ihrem bisher achten und jüngsten Wort zum Samstag lässt die oberste Deutsche ihr Volk an folgendem Wissen teilhaben: "Sommerzeit ist Reisezeit, und viele von Ihnen werden in diesen Wochen unterwegs sein an ihrem Urlaubsort."

Mit teilnahmsvoller Miene setzt sie hinzu: "Leider verbringen viele von Ihnen manche Zeiten auch im Stau." Bald aber nicht mehr, wie wir dann erleichtert lernen, weil die Regierung Bauten wie Autobahnen in ihrer Planung und Bewilligung beschleunigt - man also demnächst erst ab dem Brenner oder dem Tauerntunnel im Stau steht.

Die Bundesregierung ist mit der Nutzung der digitalen Kanzlerin bisher ganz zufrieden. Vergangene Woche vermeldete ein Regierungssprecher zwischen 10.000 und 35.000 Zugriffe auf das Internet-Video, was allerdings gegen 230.000 bei der Premiere schwer abfiel. Normal, wie die Betroffenen sagen und die Experten bestätigen.

Inzwischen ist die Frist eines Ausschreibungsverfahrens für die weitere Produktion des Kanzler-Podcasts abgelaufen, an dem sich auch dessen geistiger Vater, Wolfgang Stock, beteiligt hat. Aber es schälte sich schon vorab heraus: Stock wird den Zuschlag für die Weiterführung nicht bekommen.

Er wurde der Firma Evisco in München erteilt, vorläufig bis Ende des Jahres. Stock, Journalist, Merkel-Biograf und heute selbstständiger PR-Unternehmer, hatte zunächst den Auftrag für vier der Sendungen bekommen, dann noch einmal vier. Parallel dazu lief das Auschreibungs- und Auswahlverfahren.

Und nun, so heißt es, sei nach einem klar nachvollziehbaren Punktesystem nicht Stock, sondern Evisco zum Zug gekommen.

Diese Entscheidung konnte Berliner Flohhusten-Hörer etwas stutzig machen. Immerhin war mit Wolfgang Stock - Merkel-Buchautor und früherer Parlamentsjournalist - ein Bewerber unterlegen, dessen große Nähe zur Kanzlerin verbürgt ist. Seine Homepage führt aus, dass "Prof. Dr. Wolfgang Stock" seit Jahren "publizistischer Beobachter der deutschen Politik" sei und überdies als Universitätsprofessor für Journalistik "die Meta-Ebene der politischen Kommunikation und des Agenda Setting" beherrsche.

Im Abspann der Kanzlerinnen-Ansprache taucht außerdem die Merkel-Vertraute Eva Christiansen auf. Es handelt sich um Merkels vormalige Sprecherin, eine enge Vertraute der Bundeskanzlerin und wichtige Wegbegleiterin ins Kanzleramt.

Sie ist derzeit politisch nicht aktiv, weil sie beinahe zeitgleich mit der Regierungsübernahme ein Kind bekommen und sich in eine Mutterzeit verabschiedet hat. In Berlin wird mit einer gewissen Spannung erwartet, wann und in welcher Weise Christiansen wieder in Merkels Team eingebaut wird.

"Wirtschaftliche Gründe"

Deren Regierungssprecher wurde der einstige Stoiber-Sprecher Ulrich Wilhelm.

Christiansen sowie die Berliner Fotografin Laurence Chaperon standen Stock konzeptionell zur Seite. Chaperon war diejenige Fotografin, der es am Wahlabend als Einziger gelungen war, Fotos in der CDU-Zentrale zu schießen - exklusive Bilder der Zeitgeschichte, auf denen das ganze Entsetzen der Unionsgranden über das schlechte Abschneiden zu sehen ist.

Warum nun haben die engen Vertrauten der Kanzlerin den Zuschlag für die Podcast-Produktion nicht bekommen? Aus dem Bundespresseamt ist zu hören, "wirtschaftliche Gründe" hätten den Ausschlag gegeben.

Zwischen 5000 und 6000 Euro soll eine Sendung bisher gekostet haben. Befürworter Stocks machen geltend, dass es für mehr Geld auch mehr Qualität gegeben habe.

Der Vergleich wird schon bald fürs ganze Internet-Volk möglich sein. Am 27. August wird Merkel wieder im Netz sein. Präsentiert vom neuen Produktionsteam Evisco.