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Magic Leap:Das kann die sagenumwobene Augmented-Reality-Brille

Magic Leap AR-Brille

Jahrelang kannte man von Magic Leap nur ein paar Youtube-Videos - doch die reichten, um einen gewaltigen Hype zu entfachen.

(Foto: PR)

Ein paar spektakuläre Youtube-Videos reichten, um große Hoffnungen zu schüren und Milliarden einzusammeln. Jetzt verschickt Magic Leap die ersten Testexemplare. War der Hype gerechtfertigt?

Durch die Holzdielen einer ganz normalen Turnhalle bricht plötzlich von unten ein Wal. Wasser spritzt in die Luft, dann fällt er wieder zu Boden, taucht scheinbar darin ein und ist verschwunden. So wie in diesem kurzen Video, das es vor einigen Jahren im Netz verbreitete, stellt sich das Start-up "Magic Leap" wohl den "magischen Sprung" vor, den es im Namen trägt. Tatsächlich laufen nun kleine, leicht durchsichtige Cartoon-Ritter auf dem Boden herum und behacken sich mit Schwertern. Auf dem Sofa brüllt ein Mini-T-Rex.

Zu sehen sind sie mithilfe einer Brille, die ihre Umgebung erfasst, die digitalen Figuren darin einfügt und sie entsprechend auf die Linsen projiziert. Im Grunde genommen schaut man also durch zwei winzige, durchsichtige Bildschirme, die sich im Inneren der Brillengläser befinden.

Die Technologie heißt Augmented Reality (AR), eine um digitale Inhalte erweiterte Realität. Bislang wird sie hauptsächlich für Arbeitszwecke eingesetzt. Chirurgen erhalten so Informationen zu den Organen eingeblendet, die sie betrachten, Arbeiter in Fabriken sehen, wo welches Bauteil hinkommt. Wo Menschen ihre Freizeit verbringen, sieht man Brillen wie die "Google Glasses" oder die "HoloLens" von Microsoft allerdings selten.

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"Magic Leap" galt einmal als heißer Anwärter, das ändern zu können. Firmengründer Rony Abovitz versprach "ein Internet der Präsenz und der Erfahrung". Das klang hübsch und ein bisschen mystisch, ebenso wie die Idee, den visuellen Kortex des Gehirns direkt durch "photonische Lichtfeld-Technologie" ansteuern zu wollen. Zu deren genauer Funktionsweise schwieg er sich nobel aus. Stattdessen tauchte aus den Nebeln der Geheimniskrämerei um das Start-up aus Florida im Jahr 2016 ein Video auf. Es zeigte, laut dem damaligen Titel, einen "ganz normalen Tag im Büro von Magic Leap".

Ein Mitarbeiter, aus dessen Gesichtsfeld die Betrachter das Geschehen verfolgen, checkt darin mit dem Wischen seiner Hand erst die holografisch über seinem Schreibtisch schwebenden E-Mails. Dann startet er ein Spiel namens "Dr. Grordbort" - und ballert wenig später auf Roboter, die durch Wände brechen. Alles in feinster Grafik, fast lebensecht.

"Das ist ein Spiel, das wir zurzeit im Büro spielen", behauptete "Magic Leap". Der gesunde Menschenverstand warnte, dass das unmöglich auch nur ansatzweise so gut funktionieren und so cool aussehen konnte, aber große Teile der Tech-Community ließen sich von Rony Abovitz gerne verlocken. Investoren von Alibaba über Google bis Axel Springer stellten rund 2,3 Milliarden Dollar zur Verfügung.

Nachdem Facebook sich 2014 den VR-Pionier "Oculus" unter den Nagel gerissen hatte, wollten sie beim Thema AR nicht auch noch zu spät kommen. Also setzten die Investoren auf den Anbieter, der am lautesten auf sich aufmerksam machte. Aber kann die Technik wirklich leisten , was die Firma verspricht? Während, durch die Linsen der "Magic Leap One" betrachtet, die kleinen Ritter und Dinosaurier über den Boden und das Sofa wackeln, breitet sich Ernüchterung aus. An den Rändern des Gesichtsfelds, jenseits unsichtbarer Kanten, an denen die viereckigen, digitalen Linsen enden, verschwinden die Hologramme einfach.

2300 Dollar, aber bislang nur wenige Inhalte

Das ist auch der größte Kritikpunkt an Microsofts "HoloLens". Die Ingenieure von "Magic Leap" haben es nicht geschafft, das holografische Sichtfeld entscheidend zu erweitern. Stattdessen haben sie zu einem Trick gegriffen: Während die digitalen Linsen der "HoloLens" von Microsoft in eine durchgehende Glasfront eingelassen sind, besitzt die "Magic Leap One" richtige, kreisrunde Brillengläser. Man guckt also wie durch zwei Bullaugen in die Welt, gewissermaßen mit Scheuklappen. So fällt weniger auf, dass es einen Bereich außerhalb der Illusion gibt. Ein "magischer Sprung" ist all das jedoch nicht.

Dahinter steckt auch eine designtechnische Botschaft. Die "HoloLens" erinnert an eine Schutzbrille und damit an die profane Arbeitswelt. Die "Magic Leap One" hingegen könnte als Requisit für einen coolen Untergrund-Rebellen in einem Science Fiction-Film dienen. Ohne die getönte Glasfront sind allerdings die Kameras und Sensoren, über die sich die Brille im Raum orientiert, außen am Brillengestell sichtbar.

Wird man mit ihr angeschaut, hat man das Gefühl, gescannt oder gar gefilmt zu werden. Träger der "Google Glass", der ersten Generation von Datenbrillen, mussten sich daher gelegentlich als glassholes beschimpfen lassen. Die "Magic Leap One" richtet sich offenbar an Menschen, denen das egal ist. Laut Abovitz ist sie sowieso nicht dafür konzipiert, im Alltag auf der Straße getragen zu werden.

Was die Magic Leap der Holo Lens voraus hat

Aber wofür ist sie dann eigentlich gedacht? Die Demo-Anwendungen geben darauf bislang keinen klaren Hinweis. Im App-Store findet man das Spiel "Dr. Grordbort's Invaders", das sie bei "Magic Leap" angeblich schon vor Jahren im Büro zockten, allerdings mit dem Vermerk "Coming Soon". Ansonsten ist dort noch nicht viel los. Die "Magic Leap One" wird vorerst nur in einer 2300 US-Dollar teuren Vorab-Version an Entwickler ausgeliefert, die nun die Inhalte liefern sollen.

Eines der ersten Modelle weltweit landete am Wochenende beim Unternehmen "Holo-Light" in der Nähe von München, das Anwendungsen für AR entwickelt. Dessen Mitarbeiter ließen es nicht nur Pressevertreter ausprobieren, sondern konnten sich die Brille auch schon selbst etwas näher anschauen - und haben dabei einiges entdeckt, was ihnen gefallen hat. Ein Software-Entwickler erzählt, besonders angetan sei er davon gewesen, wie gut die Brille Hände erkennt. In einem der mitgelieferten Programmierwerkzeuge für Entwickler habe er sich sogar einzelne Finger und Gelenke anzeigen lassen können.

Bei der "HoloLens" funktioniert das nur in Ansätzen und auch nur durch eine Software-Erweiterung, die nicht von Microsoft selbst stammt. Um mit den Hologrammen zu interagieren, macht man dort "Mausklicks" in die Luft, indem man mit Daumen und Zeigefinger eine Art Klickgeste ausführt. Mit der "Magic Leap One" hingegen könnte man, sobald es die entsprechenden Anwendungen gibt, mit zehn Fingern auf einer virtuellen Tastatur schreiben und Objekte richtig greifen. Virtuell anfassen lässt sie sich also nun, die um digitale Magie "erweiterte Realität". Zum Greifen nah ist sie deshalb aber noch lange nicht.