Machtkampf um Enthüllungs-Plattform Es wird einsam um den Chef von Wikileaks

Erst geriet Julian Assange in eine schwedische Sex-Affäre, jetzt üben Mitarbeiter Kritik an seinem Führungsstil: Um die Plattform Wikileaks ist ein Machtkampf entbrannt.

Von Gunnar Herrmann

Bei der Enthüllungs-Webseite Wikileaks ist ein Kampf um die künftige Führung des Projekts entbrannt. Personen aus dem Umfeld der Redaktion übten am Wochenende heftige Kritik am Gründer Julian Assange. Daniel Domscheit-Berg, bislang unter dem Pseudonym Daniel Schmitt als deutscher Sprecher von Wikileaks bekannt, erklärte in einem Interview mit dem Spiegel seinen Abschied von dem Projekt. Zwischen ihm und Assange sei es zu einem Zerwürfnis gekommen. Birgitta Jonsdottir, eine isländische Abgeordnete mit engen Kontakten zu Wikileaks, sagte der Süddeutschen Zeitung, sie habe Verständnis für diesen Schritt und unterstütze Schmitts Kritik.

Wikileaks-Gründer Julian Assange sah sich am Wochenende heftiger Kritik ausgesetzt - um die künftige Führung der Plattform ist ein heftiger Streit entbrannt.

(Foto: Reuters)

Wikileaks hatte unter anderem mit der Veröffentlichung von 77.000 geheimen US-Dokumenten über den Afghanistankrieg weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Julian Assange, der australische Gründer des Projekts, war dadurch über Nacht berühmt geworden. Er hatte mehrfach erklärt, er fühle sich durch Geheimdienste bedroht. Im August suchte er Zuflucht in Schweden, doch auch dort bekam er bald Probleme, allerdings eher privater Natur: Zwei Frauen, mit denen Assange während seines Aufenthalts offenbar intim geworden war, bezichtigten ihn der sexuellen Belästigung und Vergewaltigung. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Die hitzigen öffentlichen Debatten um das Liebesleben des Gründers führten bei Wikileaks zu internen Spannungen. Sowohl der bislang als "Schmitt" bekannte Domscheit-Berg, als auch Jonsdottir hatten Assange vorgeschlagen, er solle sich zurückziehen, bis die Affäre überstanden sei. Assange habe dies als Angriff auf seine Person verstanden, sagte Domscheit-Berg nun dem Spiegel. Mit ihm verlässt nun einer der bekanntesten Mitarbeiter das Projekt. Zudem ist die Unterstützung der deutschen Internet-Szene für die Webseite besonders wichtig, unter anderem arbeitet sie eng mit dem Hamburger Chaos Computer Club zusammen. Domscheit-Berg sagte, er sei nicht der einzige, der unzufrieden sei. "Da gibt es eine Menge Unmut, und einige werden wie ich aussteigen."

Kritiker bemängeln nicht nur Assanges Verhalten in der schwedischen Sexaffäre. Sie meinen außerdem, dass Wikileaks sich zuletzt zu sehr auf Afghanistan konzentriert und dabei andere Enthüllungen vernachlässigt habe. Und es geht um den Führungsstil: So hatte Assange den deutschen Sprecher wegen seiner Kritik bereits vor einem Monat von Wikileaks suspendiert und ihm seine Email-Adresse gesperrt. Eine Grundidee von Wikileaks sei aber, dass es keine Hierarchien gebe, sagte Jonsdottir. "Es ist darum seltsam, dass eine Person eine andere einfach so suspendieren kann." Sie fügte hinzu: "Wir dürfen nicht zu viel Macht in die Hand eines Einzelnen legen." Es gebe bei Wikileaks Mängel in den Strukturen und in der Transparenz. Sie plädiere darum für ein baldiges Treffen aller "Kernpersonen" des Projekts, um nötige Veränderungen zu diskutieren.