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Hasskommentare:Soziale Netzwerke müssen reguliert werden

Gar nicht sozial, Medien auch nicht. Auf Facebook und Co. verfallen die Sitten.

(Foto: AFP)

Die hämischen und hasserfüllten Reaktionen im Netz auf die Tötung des CDU-Politikers Walter Lübcke sind erschütternd. An "sozialen Medien", die sich mit Hasskommentaren füllen, ist nichts sozial.

Die Gebilde, für die sich der Begriff "soziale Medien" etabliert hat, bedeuten eine einzige Überforderung. Sie überfordern Betreiber, Nutzer, Politik, Justiz und die Gesellschaft als Ganzes. Bevor es sie gab, war es den allermeisten Menschen nur möglich, via Medien Nachrichten zu empfangen. Nun kann jeder selbst senden. Wozu dies immer wieder führt, hat sich nach dem Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erneut gezeigt.

Auch falls sich nun tatsächlich erweisen sollte, dass hier eine sogenannte "Beziehungstat", also ein Verbrechen mit privatem und nicht politischem Hintergrund vorliegt: Entsetzlich war, was vor und nach der Tat bei Twitter und Facebook zu lesen war. Zahllos sind die Einträge und die "Likes", mit denen dem Mann direkt oder indirekt der Tod gewünscht wurde, ebenso zahllos die Einträge, die Genugtuung äußern. "Sozial" ist daran nichts, und auch "Medien" sind dies keineswegs: Medien selektieren, bearbeiten und stellen mit Bedacht zusammen, was sie sodann aussenden. Bei den "sozialen Medien" wird nichts kuratiert. Jeder posaunt hinaus, was er gerade für posaunenswert hält.

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Schleichende Gewöhnung an Ungeheuerlichkeiten

In diesen digitalen Netzwerken - um anderes handelt es sich nicht - findet man zwar auch unendlich viel Anregendes, Witziges, positiv Überraschendes. Aber ist ihr Nutzen wirklich größer als der Schaden, den sie dadurch anrichten, dass sie Dingen wie Vorurteilen, Demagogie, Niedertracht und Hass quasi jede Minute von Neuem eine Bühne errichten? "Der Kasper von Kassel macht es nicht mehr lange", stand neulich, vor der Tat, bei Facebook - einer dieser Sätze, die so perfide wie raffiniert sind: Jeder weiß, was gemeint ist, aber kein Staatsanwalt kann etwas nachweisen, abgesehen davon, dass die Flut an solchen Sätzen ohnehin von niemandem eingedämmt werden kann. Die Folge ist eine schleichende Gewöhnung an Ungeheuerlichkeiten, ein allgemeiner Verlust an Respekt und Zivilität sowie ein Klima, in dem Anschläge auf Regierungspräsidenten, Bürgermeister oder auch einen Bundestagsabgeordneten der AfD immer wieder erschrecken, jedoch kaum erstaunen.

Die Versuchung, die von den digitalen Netzwerken ausgeht, ist so groß, dass jede Idee, ihr etwas entgegenzusetzen, ein Wert an sich ist. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz und die Upload-Filter-Regel mögen beide voller Mängel sein; zu harmlos das eine, zu drastisch das andere. Doch wenigstens folgen sie dem Prinzip "Versuch und Irrtum". Zudem sind sie eine Aufforderung an alle, deren Lebensgefühl das Internet prägt: Wer bessere Ideen hat, die Freiheit sowie den Respekt vor den Meinungen und auch den Leistungen anderer zu trainieren - her damit. Bei Facebook gibt es die Gruppe #ichbinhier, mittlerweile bestehend aus 45 000 Mitgliedern. Sie greifen mit Kommentaren in Hassdebatten ein, liken sich massenweise gegenseitig und nutzen so den Algorithmus, der ja Beiträge mit wenigen Likes nach unten durchreicht; in diesem Fall die Hassbeiträge.

Eine solche Gruppe rettet die Demokratie zwar nicht. Doch sie zeigt, dass sie die Dimension des Problems begriffen hat - im Gegensatz zu jenen, die die sozialen Kosten ihres Geschäftsmodells in Kauf nehmen oder für die der Tod eines Menschen nur ein Bestandteil ihrer Nummernrevue beim Scrollen ist, zwischen #GNTM, #nahlesruecktritt, #Özil #Hochzeit, et cetera.

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In sozialen Netzwerken finde man unendlich Anregendes, Witziges, Überraschendes - doch werde auch Vorurteilen, Demagogie, Niedertracht und Hass eine Bühne gegeben, kommentiert SZ-Autor Detlef Esslinger. "Sozial ist daran nichts".