Life is Strange: Before the Storm Chloe pöbelt und prügelt sich durch die Pubertät

Vor zwei Jahren begeisterte "Life is Strange" Spieler und Rezensenten. Der Nachfolger ist eher Punkrock als Melancholie.

Von Philipp Bovermann

Dass das Leben merkwürdig ist, merkt man meist erst mit Eintritt in die Pubertät. Irgendwann gewöhnt man sich daran und wird selber merkwürdig. Das Computerspiel "Life is Strange" erzählt von dieser Lebensepisode, aber ob es eine "Coming of Age"-Geschichte ist oder die Metapher für eine beginnende Geistesstörung, hängt von einer Entscheidung ab, die der Spieler ganz am Ende trifft.

Dort steht die 18-jährige Max, Fotografiestudentin im ersten Semester, an einer Klippe. Unter ihr zerstört gerade ein Wirbelsturm das amerikanische Provinznest Arcadia Bay, in dem sie aufgewachsen ist. Max kann durch die Zeit reisen und hat dabei wohl ein paar Dinge durcheinandergebracht, die sich zu einem gewaltigen Tornado zusammengeballt haben.

Sie könnte nun alle Basteleien an der Zeit und somit den gesamten Spielverlauf rückgängig machen, dann wäre Arcadia Bay gerettet. Aber dann wäre auch ihre besten Freundin Chloe wieder tot. Also: Erwachsen sein und die Welt retten? Oder auf die Welt pfeifen und den Sturm einen Sturm sein lassen?

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"Life is Strange" erschien vor zwei Jahren in fünf Episoden, es begeisterte Fans von Adventure Games und gewann zahlreiche Awards. Jetzt ist die erste Episode des Nachfolgers da, "Life is Strange: Before the Storm", ein Prequel also. Dieses Mal schlüpft der Spieler in die Rolle von Chloe. Die ist gerade ziemlich einsam, denn Max ist im fernen Seattle und meldet sich nicht. Aber dann nimmt eine gewisse Rachel sie mit in den Park, um, oh glückliche Jugend, den Unterricht zu schwänzen und sich mit Rotwein zu betrinken.

Chloe zerstört ganz altmodisch die Nasen von Leuten, die ihr blöd kommen

Allerdings weiß der Spieler aus dem ersten Teil, was wenige Jahre später mit Rachel passieren wird. Es ist, soviel sei verraten, nichts Erfreuliches. Thema des Spiels ist also erneut das Schicksal und die Frage, ob wir es beeinflussen können. "Life is Strange" hatte sich dafür eine clevere Spielmechanik einfallen lassen. Max konnte die Zeit zurückspulen und somit die Entscheidungen korrigieren, die der Spieler ständig fällen muss. Denn in der Welt von "Life is Strange" hatte, wie im richtigen Leben ja leider auch, alles Konsequenzen.

Man sah sich ständig versucht und manchmal genötigt, das gerade Gesagte und Getane ungeschehen zu machen. Die Zeitreiserei war also eigentlich eine Metapher für die Reflexion, in der man sich, zumal im Teenageralter, verlaufen kann. "Before the Storm" verzichtet auf diese Superpower. Sie hätte auch nicht gut zur Figur von Chloe gepasst. Während die introvertierte Fotografin Max ihren eigenen Verstand und damit irgendwie auch die Welt sabotierte, im Bemühen, Verantwortung zu übernehmen, zerstört Chloe lieber ganz altmodisch die Nasen von Leuten, die ihr blöd kommen.

Auf der Spielebene trägt sie ihre Auseinandersetzungen in Rededuellen aus. Wie beim legendären Beleidigungsfechten in den "Monkey Island"-Spielen ("Du kämpfst wie eine Kuh!") muss der Spieler aus mehreren Antwortmöglichkeiten die smarteste wählen, um dem Gegner rhetorisch die Hose runterzuziehen - und zwar unter Zeitdruck, was "Before the Storm" natürlich ein ganz anderes Spielgefühl gibt.

Der Vorgänger war Melancholie und Alt-J, "Before The Storm" ist Punk

"Life is Strange" vermittelte das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben in Arcadia Bay. Irgendwie war sie das ja auch, solange man die rechte Maustaste gedrückt hielt. Es schien ewig das Frühabendlicht jener Stunde, die Fotografen die goldene nennen, eine sanfte Melancholie raschelte in den Bäumen, dazu Musik von Bands, die nach The xx oder alt-J klangen, irgendwann lagen tote Wale am Strand, und das Spiel wurde düsterer.

"Before the Storm" hingegen beginnt mit einem Punkkonzert, auf dem Chloe, so der Spieler will, zweihundert Dollar klaut und jemandem einen Tritt verpasst, bevor Rachel auftaucht und sie vor dem Kerl rettet. Beide Mädchen haben ein Problem mit ihren Vätern. Der eine ist tot, der andere geht fremd, das verbindet sie.

Ohne Max' Fähigkeit zur Zeitreise kommt den zu treffenden Entscheidungen paradoxerweise weniger Gewicht zu. Da der Spieler sie nun nicht mehr korrigieren kann, aber andererseits weiß, dass das Spiel schon trotzdem irgendwie weitergehen wird und es kein "Game over" gibt, ist es nun eher eine Frage von Lust und Laune, welche Option er wählt.

Jede ist sozusagen die "beste aller möglichen Welten". Das ist schön für Chloe, deren Kopf immer in einem funktionierenden Universum steckt und in nur einem gleichzeitig, aber etwas fad für den Spieler. Das lässt sich ausnahmsweise sogar mal empirisch feststellen. Am Ende jeder Episode zeigen Prozentangaben, für welche der alternativen Handlungsoptionen sich andere Spieler überall auf der Welt entschieden haben.

Die stärkste Szene ist eine Parodie auf sich selbst

Das gab es auch schon in "Life is Strange", dort waren die Werte meist erstaunlich ausgeglichen. "Before the Storm" haben noch nicht so viele Leute gespielt, sicher ergeben sich auch deshalb eindeutigere Tendenzen, aber bisweilen sind die Handlungsoptionen nun mal keine, und das weiß der Spieler. Als die beiden Mädchen auf einem fahrenden Güterzug sitzen, sagt Rachel "Hier sind wir! Spring!", worauf uns das Spiel vor die Wahl "Springen" oder "Nicht springen" stellt. 95 Prozent der Leute sind gesprungen, klar, soll das Spiel etwa nicht weitergehen? Sterben kann Chloe sowieso nicht - während wir mit Max buchstäblich durch tausend Tode gegangen sind.

Die Entwickler scheinen diese Probleme geahnt zu haben, an einer Stelle parodieren sie wohl deshalb ihr Spielprinzip. Die zwei obligatorischen Schulnerds laden Chloe zu einer Partie eines Pen & Paper-Rollenspiels ein. Dabei stellt die Spielleiterin sie immer wieder vor die Wahl, wie es weitergeht, was sie tun und was sie antworten will. Sogar eins der besagten Rededuelle gibt es. Chloe winkt ab, als man ihr das Prinzip erklärt, sie wisse schon, wie das funktioniert. Dann geht's los, ein Orkkönig möchte bezwungen sein. Es spricht nicht für "Before the Storm", dass es die vielleicht stärkste Szene dieser ersten Episode ist.

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