bedeckt München 19°

Kurzfilm "Noah":Ein Bild von vielen Bildschirmen

Screenshot aus dem Film Noah

Youtube-Screenshot aus dem Film Noah

(Foto: Screenshot: YouTube)

Soziale Netzwerke prägen unseren Alltag, aber in Filmen werden sie größtenteils ausgespart: zu langweilig zum Abfilmen. "Noah" ist einer der ersten Versuche, dieses Prinzip zu durchbrechen. Der gesamte Film spielt im Browser oder auf dem Smartphone-Bildschirm.

Von Hakan Tanriverdi

Noah will wissen, ob seine Freundin gerade mit ihm Schluss gemacht hat. Er öffnet ihr Facebook-Profil, dort liest er die Info: "In einer Beziehung mit Dir". Noah markiert den Satz, erzählt seinem Freund Kanye via Facebook-Chat die Neuigkeit, schaut wieder auf den Satz, lädt die Seite neu, klickt sich hektisch im Bildschirm herum, aber: der Beziehungsstatus ist unverändert, laut Facebook sind die beiden noch immer ein Paar. Noch.

Die Szene ist aus dem gleichnamigen Kurzfilm "Noah". Der Film dauert 17 Minuten und ist einer der bisher interessantesten Versuche, zu zeigen, wie sehr sich das Leben mittlerweile über soziale Netzwerke abspielt, gerade für Jugendliche. Bis dato hat die Filmindustrie noch keine überzeugende Art und Weise gefunden, dem Publikum genau das zu vermitteln. Einerseits spielen soziale Netzwerke eine unbestreitbar wichtige Rolle, europaweit verbringen 40 Prozent aller Jugendlichen mindestens zwei Stunden pro Schultag auf Seiten wie Facebook. Aber andererseits findet dieser Alltag in den Filmen nur selten statt, er wird einfach ausgespart. In US-Serien wie "Girls" oder in Filmen wie "The Bling Ring" von Sofia Coppola wird zwar angedeutet, wie sehr der Alltag mittlerweile durch soziale Netzwerke und die diesem Medium eigene Kommunikation definiert wird. Aber mehr auch nicht. Anscheinend ist es zu langweilig, Menschen zu filmen, wie sie auf Bildschirme starren. "Noah" hingegen erklärt diese Herangehensweise zum Prinzip.

Der gesamte Kurzfilm findet auf einem Bildschirm statt. Der Zuschauer guckt, zusammen mit Noah, entweder auf den Bildschirm eines Laptops oder den eines Smartphones. Noah selbst sieht man nur, wenn er mit seiner Freundin ein Telefonat per Skype führt und in einem kleinen Fenster unten rechts eingeblendet wird.

Alle Bereiche, die Noah anguckt, werden vergrößert dargestellt: Chatfenster, Browserleisten, Profilfotos und so weiter. Stillstand gibt es nicht, ständig klickt er sich ein neues Fenster auf. Noah ist gleichermaßen hibbelig und gelangweilt. "Noah ist alles egal, es sei denn, seine Sinne werden beschäftigt", sagen die Filmemacher Patrick Cederberg (23) und Walter Woodman (22). Tatsächlich kann der Protagonist keine zwei Sekunden still halten, ständig wartet er auf Aktionen, Reaktionen, Signale.

Das kann eine Antwort sein, ein Skype-Anruf aber auch ein Pornofilm, der im Hintergrund mitläuft, während er mit seiner Freundin telefoniert. Er hört nicht richtig hin, spielt ein Spiel, während sie mit ihm redet und ihm sagt, dass sie sich Sorgen um die Zukunft macht. Seine Aufmerksamkeitsspanne ist kurz, erst als er das Gefühl hat, dass seine Freundin ihn verlassen wird, konzentriert er sich voll und ganz auf sie - in diesem Moment bricht die Verbindung ab und Noah aktualisiert sekündlich das Facebook-Profil seiner Noch-Freundin.

Den Film fertigzustellen, habe insgesamt ein Jahr gedauert, sagen die beiden Macher Cederberg und Woodman. Die Produktionskosten lagen bei gerade einmal 300 US-Dollar. Den Film haben die Macher gedreht, weil sie unzufrieden waren, wie Menschen im Film Smartphones und Laptops nutzen: "Ich fühle mich beleidigt davon, wie Menschen im Film Smartphones und Laptops nutzen", sagt Cederberg. Mit Noah hätten sie versucht, eine Präsentationsform zu finden, die sich ehrlich anfühle. Darum habe es auch am längsten gedauert, die gefälschten Facebook-Profile einzurichten, knapp zwei Monate.

Der Film wurde auf dem Toronto Film Festival gezeigt, die Version auf Youtube wurde bis dato knapp 700.000-mal angeklickt.

Der Film sei eine Rückschau auf ihr eigenes Leben und wie sie das Internet genutzt haben, als sie 18 Jahre alt waren - samt Stalking, sich in fremde Profile einzuloggen und zu klicken, Texte zu markieren, ein sinnlosen Klick nach dem anderen zu setzen.

"Wir dachten, es war insgesamt an der Zeit für eine ehrliche Version von "The Social Network".", sagen Cederberg und Woodman. The Social Network, das ist der Film über Facebook aus dem Jahr 2010, in dem erstaunlich wenig Facebook zu sehen ist. Dafür gibt es viel Machtkämpfe, Nerds und den richtigen Geschäftssinn. Klassisches Hollywood-Kino eben.

© Süddeutsche.de/bavo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite