Künstliche Intelligenz Wenn Computer zu Poeten werden

Ross Goodwin beschreibt sich als "Künstler, nicht als Dichter". Er ist Absolvent der New York University und des MIT, er beriet die Obama-Administration. Derzeit erforscht er Künstliche Intelligenzen bei Google.

(Foto: Thereforefilms)

Wie bringt man Maschinen bei, Gedichte zu schreiben? Niemand weiß das besser als Ross Goodwin, der für Google kreative KI entwickelt. Ein Gespräch über die schöpferische Kraft der Technologie.

Interview von Michael Moorstedt

Ross Goodwin lässt Computerprogramme Gedichte und Filmdrehbücher schreiben. Als "Creative Technologist" arbeitet er für Google am Zusammenspiel von Kunst und künstlicher Intelligenz (KI). Ein Gespräch über computerisierte Sprache, menschliche Kreativität und fiktive und reale Gefahren der KI.

SZ: Der KI-Pionier Kai-Fu Lee schrieb kürzlich, künstliche Intelligenz diene dazu, den Menschen von monotonen Aufgaben zu befreien, damit er sich auf seine wahre Bestimmung konzentrieren könne. Und die sei Kreativität. Warum wollen Sie nun ausgerechnet mit Technologie kreativ werden?

Ross Goodwin: Ich sehe das anders. Schon normale Computer befreien uns von Monotonie. Der Nutzen von KI besteht darin, unsere Fähigkeiten zu verbessern. Etwa, ein Motiv in einem Bild zu erkennen. Oder ein Gedicht darüber zu schreiben. Es geht nicht um monotone Aufgaben, sondern um Aspekte unserer Erfahrung, die in Maschinensprache übersetzt werden.

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Sie lassen Computer Gedichte schreiben - ist das schwieriger, als bildende Kunst mit ihnen zu machen?

Man muss sich auf andere Muster konzentrieren, die Resultate sind gleichermaßen abstrakt. Das liegt daran, wie wir Programme arbeiten lassen. Die Maschine baut sich ihr eigenes Modell von dem Subjekt, das sie verstehen soll. Wir programmieren sie nicht, ein Gedicht zu schreiben, sondern zu lernen, wie man Gedichte schreibt.

Sie benutzen dazu eine Technik, die sich "Long Short Term Memory Recurrent Neural Network" nennt. Können Sie erklären, was sich in der Maschine abspielt?

Letztlich sagt das Programm immer wieder neu voraus, mit welcher Wahrscheinlichkeit welcher Buchstabe auf den vorhergehenden folgt. Es hat nichts mit menschlicher Linguistik zu tun. Die Maschine weiß nicht, was ein Wort ist. Sie weiß, was ein Buchstabe ist und sie hat sich beigebracht, was Wörter sind, indem sie Buchstabenmuster betrachtet. Eine Maschine denkt nicht wie wir, sie macht nichts so wie wir - noch nicht jedenfalls. Wir können nicht unsere Terminologie benutzen, um zu beschreiben, was die Maschine tut.

Eines der bekanntesten KI-Kunstwerke ist Googles Programm "Deep Dream", das in herkömmlichen Bildern groteske Muster wie Augäpfel oder Hundeschnauzen entdeckt. Viele Menschen nannten diese Technik "halluzinierende Computer".

Das ist eine ziemlich gute Analogie. Wir sagen: halluzinieren, um zu beschreiben, was mit unserem Hirn passiert, wenn wir auf einem LSD-Trip sind. Etwas Ähnliches geht auch im Computer vor: Er generiert neue Daten, die nicht da sind.

Was ist Ihre Aufgabe als Googles "Creative Technologist"?

Googles "Artists and Machine Intelligence"-Programm ist das Resultat von "Deep Dream". Wir wollen Künstler mit KI konfrontieren und Computerwissenschaftler mit Kunst. Das Problem ist doch, dass wir KI im echten Leben mit der KI in der Science Fiction vergleichen. Dort läuft es meist darauf hinaus, dass die Maschinen uns alle umbringen. Was im echten Leben passiert, wird wahrscheinlich keine so tolle Geschichte sein, aber unser gesamtes Dasein beeinflussen. Wir müssen alle Aspekte von KI verstehen: Wozu sie fähig ist, warum sie anders ist als wir. Damit wir besser und effektiver mit ihr arbeiten können.

Sie sagen, KI werde menschliche Kreativität verbessern.

Es sind noch immer die Menschen, die diese KI-Kunst machen. Die Maschinen erschaffen Kunst nicht aus sich selbst heraus. Sie sind nur Erweiterungen unseres Selbst. Die Geschichte der Technik war schon immer eine von Verbesserung, nicht von Verdrängung. Es geht darum, wie wir Maschinen wahrnehmen.

Dem Kritiker und Pulitzerpreisträger Jerry Saltz wurden KI-Kunstwerke vorgelegt. "Schlechtes Album-Cover aus den Siebzigern" war noch eines seiner netteren Urteile. Er sagte, er vermisse "Würde, Horror und Originalität".

Er hat die falsche Perspektive. Wenn man KI-Kunst macht, die keine interessanten Gedanken hervorruft, ist das natürlich schlechte Kunst. Aber es geht nicht nur um das Resultat. Wenn ich einen Computer anhand eines Bildes automatisch ein Gedicht generieren lasse, ist das Gedicht allein nicht das Kunstwerk, sondern die Maschine. Ich bin der Künstler. Die Maschine hilft mir, etwas zu schaffen, zu dem ich nicht fähig bin, etwa ein Gedicht innerhalb eines Sekundenbruchteils zu schreiben. Wenn man das Gedicht unabhängig davon betrachtet, dass die Maschine unendlich viele Gedichte anhand eines Bildes willkürlich schreiben kann, dann ist es natürlich nicht so "gut" wie etwas, das ein Mensch schreibt. Ich schreibe meine Gedichte mit einer neuen Art von Stift, einer sehr komplizierten Schreibmaschine. So erst wird es künstlerisch interessant.

Einer der Kritikpunkte ist, dass KI-Kunst keine "Seele" habe. Schon Walter Benjamin sorgte sich um das Verschwinden der Aura. Warum stoßen wir auf dieses antitechnische Konzept von Kunst?

Es ist seltsam, Kunst beinhaltet ja immer Technologie. Was passiert, wenn man dem Pianisten sein Instrument, dem Maler seinen Pinsel wegnimmt? Fotografie, die eine Maschine zwangsweise voraussetzt, wird als Kunst betrachtet. Hier wird versucht, den Werkzeugeinsatz gegen den Wert eines Kunstwerks aufzurechnen. Dabei ist so gut wie jede Kunst technisch produziert.

Es gibt Unterschiede zwischen der Fotokamera und einem neuronalen Netzwerk.

Ich finde das eigentlich eine gute Analogie. Die Erfindung des Fotoapparats hat die fotorealistische Wiedergabe einer Szene für jedermann verfügbar gemacht. Damals haben die Menschen gedacht, dass die Fotografie die Malerei zerstören würde. In Wahrheit hat sie die Malerei befreit. Was sagt uns das darüber, wie wir Maschinen in der Kunst einsetzen sollten?

Einer KI haben Sie die Drehbücher von Science-Fiction-Filmen vorgelegt. Daraus hat das Programm ein eigenes Skript erstellt. Es hört sich absurd an. Ist das eine Fehlfunktion der Software oder Absicht?

Beides. Die Maschine hat begrenzten Speicherplatz. Es fällt ihr daher schwer, ganze Absätze zu schreiben. Deshalb verliert sie sich nach ein paar Sätzen und geht zum nächsten Thema über. Hier haben wir wieder den Unterschied von Mensch und Maschine. Dieser KI-Dadaismus ist also nicht sehr überraschend. Wir wollten ja auch auf diesen Unterschied hinweisen. Vielleicht weist er uns ja auch auf unseren eigenen Umgang mit Sprache und Film hin, vielleicht auf unsere eigene Limitierung.

Für einen Film haben Sie Algorithmen mit Dialogen aus Achtzigerjahre-Serien gefüttert. Kann KI-Kunst je Neues erschaffen, wenn sie sich auf Vergangenes bezieht?

Das ist ein ziemlich ignorantes Argument. Kognitionswissenschaftler sind sich schon lange einig, dass eine der fundamentalsten Formen von Kreativität darin besteht, Dinge, die bereits existieren, neu zu kombinieren. Wir Menschen sind doch auch nichts anderes als denkende Maschinen, die die Welt betrachten und Daten interpretieren.

Bevor Sie Kunst gemacht haben, arbeiteten Sie als Redenschreiber für die Obama-Regierung - haben Sie versucht, KIs politische Reden als Vorlage zu geben?

Ja, aber es funktioniert nicht sehr gut. Es gibt zu viele Eigennamen, sie verwirren das Netzwerk.

Wenn KI versucht, Muster aus Quellen herauszuarbeiten, besteht dann nicht doch die Gefahr von Standardisierung, wenn man sie auf Kunst und Kultur anwendet?

Das ist eine der realistischeren Gefahren, der wir durch KI ausgesetzt sind. Eine kulturelle Befangenheit in den Datensätzen, mit denen wir KIs trainieren, die dann wichtige Entscheidungen treffen. Darüber sollten wird uns tatsächlich Sorgen machen. Genau darum geht es auch in Googles Programm. Wir müssen mehr Menschen auf diese Gefahr aufmerksam machen. Und das geht leichter durch Kunstwerke als durch IT-Fachaufsätze.

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