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Militär:Wie künstliche Intelligenz den Krieg verändert

siko illu stefan dimitrov

Künstliche Intelligenz gilt als die vierte industrielle Revolution. Sie verändert viele Wirtschafts- und Lebensbereiche noch einmal grundlegend.

Selbstlernende Algorithmen können Waffensysteme und damit das globale Machtgefüge verändern. Doch der Technologie wohnt ein Dilemma inne.

Am 9. März 1949 präsentierte Claude E. Shannon bei der Jahrestagung des Instituts der Radioingenieure in New York ein Papier zur Programmierung eines Computers zum Schachspielen. Zwar habe dies wohl keine praktische Bedeutung, aber die Frage sei theoretisch von Interesse und könne dazu beitragen, ähnlich gelagerte Probleme von größerer Wichtigkeit zu lösen, schrieb Shannon, der als "Vater des Informationszeitalters" bekannt wurde. Er sprach noch von "mechanisiertem Denken", das etwa dazu beitragen könnte, Maschinen zu entwickeln, "um strategische Entscheidungen in vereinfachten militärischen Operationen zu treffen".

Computer werden heute zur Planung und Ausführung von Militäroperationen genutzt, bei der Analyse von Aufklärungsdaten wie beim Waffenrechner eines Panzers. Shannons Prognose erwies sich aber als zu optimistisch: Strategische und auch taktische Entscheidungen treffen beim Militär bis heute weitgehend Menschen.

Künstliche Intelligenz gilt als vierte industrielle Revolution

Konsterniert stellte der damalige Google-Chef Eric Schmidt 2016 beim Besuch der Operationszentrale der US-Luftwaffe auf dem Stützpunkt al-Udeid in Katar fest, dass Soldaten die Luftbetankung Dutzender Kampfjets von Hand mit Markern, Magneten und farbigen Plastikkarten an einem Whiteboard planten. Von einer übergreifenden, systematischen Nutzung der neuen Möglichkeiten, die rapide wachsende Rechenleistung oder maschinelles Lernen bieten, sind auch die Hightech-Streitkräfte der USA weit entfernt.

Künstliche Intelligenz (KI), wie das mechanisierte Denken seit 1955 genannt wird, gilt heute als vierte industrielle Revolution. Sie verändert viele Wirtschafts- und Lebensbereiche noch einmal grundlegend. Auch die militärischen Machtverhältnisse und die geopolitische Konstellation wird sie nicht unberührt lassen.

China verkündete im Juli 2017 einen staatlichen Entwicklungsplan für künstliche Intelligenz einer neuen Generation, in dem es heißt, die "führenden Industrieländer betrachten die Entwicklung künstlicher Intelligenz als wichtige Strategie zur Steigerung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit und zum Schutz der nationalen Sicherheit". Als Ziel setzt sich Peking, bis 2030 die globale Führung bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz zu erringen.

Die USA könnten ihren Vorsprung in wenigen Jahren verspielt haben

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte im September 2017 vor Schülern: "Künstliche Intelligenz ist die Zukunft, nicht nur für Russland, sondern für die gesamte Menschheit." Sie berge kolossale Möglichkeiten, aber auch Bedrohungen, die schwierig vorherzusagen seien. Eines jedoch prophezeite er: "Wer in der Sphäre der künstlichen Intelligenz führend ist, der wird der Herrscher der Welt sein."

Noch sind das die USA - aber der Chor der Warner wird lauter, die fürchten, dass das immer noch mächtigste Land der Welt seinen Vorsprung in wenigen Jahren verspielen könnte. Der frühere Verteidigungsminister Jim Mattis schrieb im Mai 2018 einen Brandbrief an Präsident Donald Trump, in dem er eine nationale KI-Strategie forderte. Er legte einen Artikel von Henry Kissinger bei, der mit den Worten schließt: "Wenn wir diese Anstrengungen nicht bald beginnen, werden wir bald feststellen, dass wir zu spät begonnen haben." Entwicklungen bezüglich künstlicher Intelligenz könnten "nicht losgelöst von der aufkommenden strategischen Konkurrenz mit China und der breiteren geopolitischen Landschaft" betrachtet werden, warnte eine US-Regierungskommission. Von einem neuen Wettrüsten zwischen den USA und China ist oft die Rede.

Allerdings ist künstliche Intelligenz kein Waffensystem wie eine Rakete und auch nicht auf militärische Nutzung beschränkt, wie etwa die Tarnkappen-Technologie. Vielmehr handelt es sich um eine Enabling-Technologie wie den Verbrennungsmotor für ein breites Spektrum ziviler und militärischer Anwendungen - aber um eine, die zu gravierenden Veränderungen der militärischen Fähigkeiten führen kann und somit zu Verschiebungen der Machtbalance. Die öffentliche Debatte fokussiert sich auf autonome Waffensysteme, von Kritikern "Killerroboter" genannt. Denkbar ist jedoch viel mehr - von der Manipulation der öffentlichen Meinung über die Festlegung von Wartungsintervallen von Waffen bis zur Bilderkennung durch Sensoren oder der Koordinierung von Drohnenschwärmen.

Im Golfkrieg 1990 zeigte sich, dass ein Informationsvorsprung auf dem Schlachtfeld mindestens ebenso wertvoll ist wie überlegene Feuerkraft und zahlenmäßige Überlegenheit. Computer und elektronische Sensoren erlaubten es dem US-Militär, binnen Wochen die Streitmacht Saddam Husseins mit mehr als 4500 Panzern zu zerstören. Wenige Jahre später entwickelte das US-Militär die Doktrin der netzwerkzentrierten Kriegsführung, die Informationsüberlegenheit ins Zentrum stellte.

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