Kriege und soziale Medien "Illusion der perfekten Information"

Was ist los in entfernten Krisengebieten? Infos liefern Posts auf Twitter oder Facebook. Konflikt-Forscherin Anita Gohdes erklärt auf der Republica, warum das wichtig ist - und wo Gefahren lauern.

Von Mirjam Hauck, Berlin

Die sozialen Medien sind überall. Aber welches Bild vermitteln sie aus Kriegs- und Krisengebieten und wie beeinflussen sie die Konflikte? Anita Gohdes ist Politikwissenschaftlerin an der Uni Mannheim, Mitarbeiterin der Human Rights Data Analysis Group, und forscht zu diesem Thema.

SZ.de: Von Gräueltaten aus Kriegsgebieten erfährt die Welt inzwischen vor allem über soziale Medien wie Twitter. Sind wir dank dieser neuen Quellen immer besser informiert?

Anita Gohdes: Ja, das sind wir. Neu ist aber auch, dass soziale Medien die Illusion der perfekten Information vermitteln können. Allein die Fülle der Daten wirkt glaubwürdig - im Gegensatz zu klassischen Medien, von denen man grundsätzlich weiß, dass sie selektiv berichten. Eine Zeitung mit Sitz oder einem Korrespondenten in der Hauptstadt schreibt vor allem über Ereignisse aus der Hauptstadt und berichtet eher selten von den Geschehnissen aus einem weit entfernten Dorf. Aber: Die Daten aus den sozialen Medien sind auch nicht perfekt.

Welche Probleme ergeben sich daraus?

Klassische Medien nutzen die Daten inzwischen gerne als Grundlage für interaktive Karten. Sie werden dann optisch sehr schön aufbereitet und sollen dem Nutzer ein vollständiges, quasi perfektes Bild vermitteln. Unter den Tisch fallen dabei aber die Schwachstellen. Oft wird nicht deutlich, dass die Datengrundlage selektiv ist und somit Lücken nicht visualisiert werden können. Das ist besonders problematisch, wenn es um Kriegsgebiete oder - oft vertuschte - Gewalt geht. Da sind die Macher manchmal im Big-Data-Rausch - auch wenn es nach wie vor dunkle Flecken gibt, über die wir nichts wissen.

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Die Fülle an Daten allein bringt uns also nicht weiter?

Die Daten bilden jedenfalls auch nicht die ganze Wirklichkeit ab. Wie in allen Medien sind auch in sozialen Medien manche Menschen und Ereignisse sichtbarer als andere. Wenn ein bekannter Dissident auf einem Marktplatz erschossen wird, gibt es mehr Bilder, als wenn ein Unbekannter getötet wird. Das hat Einfluss darauf, was wir von Konflikten erfahren.

Dennoch werden Gräueltaten heute sichtbarer - es muss nur eine zweite Person mit dem Smartphone vor Ort sein, um zu dokumentieren, was gerade passiert. Besonders in Ländern mit zensierter Presse ist das unglaublich wichtig. Die sozialen Medien haben die Informationen, die wir in "Echtzeit" bekommen, grundlegend verändert.

Sie arbeiten für die Human Rights Data Analysis Group, die beispielsweise Daten zum Syrienkrieg zusammenträgt. Was ist die Motivation?

Daten schaffen Empathie, sie sorgen dafür, dass kein Mensch vergessen wird. Sie sind wichtig für die Arbeit von Wahrheitskommissionen wie in Peru, Osttimor oder Guatemala. Außerdem können uns genaue Daten helfen, Konflikte besser zu verstehen: Ob die Gewalt zu- oder abnimmt, und welche Täter für die meisten Kriegsgräuel verantwortlich sind. Dafür brauchen wir Daten aus vielen Quellen, die verifiziert und miteinander verglichen werden können. Wenn das gegeben ist, können wir schätzen, wie hoch die Anzahl der Toten ist, die nicht dokumentiert wurden.

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Was muss bei der Auswertung der Daten beachtet werden?

Wichtig ist natürlich, die Richtigkeit der Namen der Toten zu überprüfen - wenn etwa viele gleich oder unecht klingen. In der Regel ist das aber nicht schwierig. Problematischer ist, dass uns jede Quelle nur einen Teil der Ereignisse vermittelt. Deshalb müssen wir vor allem bei Daten aus sozialen Medien immer berücksichtigen, welches Motiv und welche Möglichkeiten der Informant hat und welchen Ausschnitt der Realität er liefert.