Krieg im Netz Staaten verwandeln das Internet in ein Schlachtfeld

IT-Sicherheit Krieg im Netz

Der Raum, der uns alle umgibt: Die Kriege im 21. Jahrhundert werden auch im Netz ausgetragen - mit potenziell tödlichen Konsequenzen.

(Foto: Joshua Sortino/Unsplash)

Hacker und Geheimdienste bedrohen kritische Infrastruktur und Atomreaktoren. Bald könnte die digitale Aufrüstung Menschenleben kosten.

Von Georg Mascolo

Die Lage muss ernst sein, wenn jemand wie Robert Hannigan um ein bisschen Frieden bittet. Hannigan ist der Exchef des mächtigsten britischen Geheimdienstes Ihrer Majestät, des "Government Communications Headquarter", kurz GCHQ. Der Abhörgigant ist der engste Partner der amerikanischen NSA. Nun sagte Hannigan dem Magazin Wired, dass es mit dem Internet so nicht weitergehen könne: "Wir müssen nach einer Art Rüstungskontrolle für den Cyberraum suchen, wir brauchen eine internationale Vereinbarung darüber, was erlaubt ist und was nicht."

Es sei "höchste Zeit" für Regeln. Dies war auch die Botschaft, mit der UN-Generalsekretär António Guterres zur diesjährigen Sicherheitskonferenz in München anreiste. Konferenzchef Wolfgang Ischinger stimmte sofort zu. Und gerade erst veröffentlichten mehr als 30 Hightech-Konzerne eine Art "digitaler Genfer Konvention".

IT-Sicherheit Die Geschichte eines Cyber-Angriffs
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Es war eine der schwersten Attacken auf das hoch gesicherte Netz des Bundes, die es je gab. Sicherheitsbehörden haben die Vorgänge nun aufgearbeitet - mit beunruhigendem Ergebnis.   Von Georg Mascolo, Ronen Steinke und Hakan Tanriverdi

Man werde keinem Staat bei einer Cyberattacke gegen "unschuldige Zivilisten oder Firmen, woher auch immer" helfen, heißt es in der von Branchenriesen wie Microsoft oder Facebook unterschriebenen Deklaration. Wir kennen keine Staaten, ist die Botschaft. Sondern nur Kunden. Zu den Unternehmen kommen die Diplomaten. Solche wie der unermüdliche Karsten Geier im Auswärtigen Amt, der schon als Chef einer eigens eingesetzten Expertengruppe der UN versuchte, für ein wenig Ordnung im Internet zu sorgen.

Das Internet wurde militarisiert

Was also besagt es über den Zustand des Netzes, wenn so viele beginnen, sich so vernehmlich Sorgen zu machen? Nichts Gutes vermutlich. In den vergangenen Monaten ist auch für Laien erkennbar geworden, in welchem Umfang die bedeutsamste Technologie unserer Tage kompromittiert und militarisiert wurde. Viren, Würmer und Hacker tauchen nun in beinahe jeder Nachrichtensendung auf. Krankenhäuser und Weltkonzerne gingen vom Netz. Hacker arbeiteten sich im eigentlich streng geschützten Regierungsnetz bis zum Russland-Referat des Auswärtigen Amtes vor.

Und doch scheinen dies nur Scharmützel zu sein, gemessen an dem, was möglich zu sein scheint. Russische Hacker, so sagen es die US-Geheimdienste, sollen tief in amerikanische und europäische Steuerungssysteme von Wasser- und Elektrizitätswerken, ja sogar von Atomreaktoren, eingedrungen sein. Auf Knopfdruck könne alles lahmgelegt werden. Es ist ein neuer Typus von Waffe: Es muss nichts mehr in die Luft gejagt werden. Es reicht, die Funktionsfähigkeit einer bedeutsamen Infrastruktur zu unterbrechen.

Was in solchen Meldungen stets fehlt, ist der Hinweis, dass die amerikanische NSA und der britische Partner GCHQ (und wer weiß, wer sonst noch) mindestens ebenso tief in die Netze eingedrungen sind. Das Internet ist eine amerikanische Erfindung, die NSA dominiert die Überwachung und Sabotage, so wie Facebook, Google und Apple die kommerzielle Seite beherrschen. Schließlich wurde jahrelang daran gearbeitet. "Praktikanten gesucht, die Dinge kaputt machen wollen", hieß einmal eine Stellenausschreibung einer NSA-Spezialeinheit für Computereinbrüche.

Barack Obama warnte vor einem "Rüstungswettlauf im Netz"

Die bisherigen Attacken sind also vermutlich nicht mehr als Wetterleuchten, denn noch sind wir in der sogenannten Phase 0, dem Eindringen und Ausspähen, dem Implantieren von Zugängen und Schadsoftware. Es ist die Vorbereitung auf das, was bei der NSA die "Phase 3" genannt wird: das "Dominieren" eines Netzwerks, die Möglichkeit, die Kontrolle zu übernehmen, zu manipulieren und zu zerstören. Es braucht nur den Druck auf eine Taste des Keyboards.

Der frühere BND-Chef Gerhard Schindler hat die Gefahr vor Abgeordneten des Bundestages einmal so beschrieben: Wer Cyberspionage könne, der könne auch Cybersabotage. Den "Horrorvorstellungen" - dieses Wort benutzte Schindler wirklich - seien keine Grenzen gesetzt: Talsperren, Flughäfen, der Finanzverkehr. Der ehemalige Fallschirmjäger beschrieb den Krieg der Zukunft.

Die nächste Auseinandersetzung, so glauben viele beim Militär, wird nicht zuerst zu Wasser, zu Land oder in der Luft ausgetragen. Sondern in den Leitungen. Barack Obama gehörte zu jenen Politikern, die das Risiko lange ignorierten, um dann mit großen Sorgen aus dem Amt zu scheiden. Bei seinem Abschiedsbesuch in Berlin sprach er von dem drohenden "Rüstungswettlauf im Netz" und mahnte politische Lösungen an.

Trumps Sicherheitsberater hat eine Vorliebe fürs Schießen - auch digital

Jetzt sitzt ein anderer im Weißen Haus und zu seinem neuen Nationalen Sicherheitsberater hat er ausgerechnet John Bolton gewählt, einen Mann, der eine Vorliebe für das Schießen hat, auch im digitalen Raum. Der NSA empfahl er einmal, als Zielübung Wikileaks vom Netz zu nehmen. Auf russische, iranische, nordkoreanische Hacker-Attacken solle "unverhältnismäßig", reagiert werden, also mit voller Wucht zurückgeschlagen werden. Milde verführe nur zu mehr Angriffen. Amerika soll endlich zeigen, was es kann.

IT-Sicherheit Diplomatie in Zeiten des Hackings
IT-Sicherheit

Diplomatie in Zeiten des Hackings

Die Bundesregierung sprach mit Russland über Cyber-Sicherheit - während mutmaßlich russische Hacker das Auswärtige Amt infiltrierten.   Von Hakan Tanriverdi

So also steht es nun um das Internet. Manche erinnert es an ein Schlachtfeld am Vorabend des Krieges. Riesige Potenziale für Zerstörung wurden aufgebaut und warten auf ihren Einsatz. Aber kaum jemand hat Angst davor. Digitale Waffen kann man nicht sehen, sie werden auf keiner Militärparade vorgeführt. Was sie tatsächlich anrichten können, gilt als Staatsgeheimnis. Niemand geht gegen diese Bedrohung auf die Straße, dabei wären die Bürger die Betroffenen von vielen Auseinandersetzungen. Ganz so wie der moderne Bombenkrieg den Zivilisten zum Opfer gemacht hat.

Lange hofften Militärtheoretiker, dass es so schlimm nicht kommen werde. Mit der Cyberbedrohung sei es doch so ähnlich wie mit den Nuklearwaffen: Weil man sich gegenseitig Schreckliches antun könne, würde auf ihren Einsatz verzichtet. Tatsächlich aber werden solche Mittel ständig eingesetzt, nie mit voller Wucht, aber dafür von immer mehr Staaten. Cyberattacken rangieren irgendwo zwischen Spionage und Krieg. Es gibt keine klaren Linien, keinen definierten Casus Belli.

Der NSA sind einige ihrer Cyberwaffen gestohlen worden

In den USA wurde lange und ohne Ergebnis darüber diskutiert, ob die von den dortigen Geheimdiensten behauptete Beeinflussung der Wahlen durch Russland so etwas wie ein kriegerischer Akt gewesen sei. Braucht es einen physischen Akt der Zerstörung - oder reicht auch ein psychologischer? Bolton fand, dass sogar die mutmaßlich von Nordkoreas Machthaber befohlene Attacke auf Sony (Kim soll sich maßlos über eine filmische Parodie über ihn namens "The Interview" geärgert haben) "mindestens Staatsterrorismus" sei. Vielleicht auch mehr.

Bei den UN debattierten sie jahrelang Szenarien: Ist das Manipulieren einer Ampelanlage in Berlin ein kriegerischer Akt? Eher nein, selbst wenn es Tote gäbe. Eine Attacke auf die Wasserversorgung? Eher ja. Wenn man denn wüsste, woher die Angriffe so genau kommen, die Zuordnung ist schwer. Auch weil einige Waffen inzwischen vagabundieren. Der NSA sind auf bisher ungeklärten Wegen einige ihrer hoch gefährlichen Cyberwaffen gestohlen worden. Sie wurden, zumindest zeitweise, von einer Gruppe namens "Shadow Brokers" zum Kauf angeboten. Im Silicon Valley war das Entsetzen groß. Es ist, als wären dem US-Militär ein paar Cruise Missiles abhandengekommen, erklärte ein hochrangiger Manager.

Hannigans Appell erinnert an den deprimierenden Status quo: hoch gefährliche Waffen überall, aber nirgendwo sind Normen, Regeln oder eine Abrüstungsvereinbarung in Sicht. Der Appell des früheren Geheimdienst-Chefs scheint aber zugleich ein hoffnungsvolles Indiz dafür zu sein, dass die Sache selbst denjenigen über den Kopf gewachsen ist, die sich als Sieger einer jeden Auseinandersetzung wähnten. Die Erkenntnis wächst, dass es in einem Kampfgebiet, in dem die eigenen Bürger leben, lieben und arbeiten, keinen Gewinner geben kann, sondern nur Verlierer.