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Krankheiten durch Technik:"Space Invaders Handgelenk"

Mit neuen Sportarten im Angebot der Konsole wuchs die Symptomatik in den Folgejahren rasch an. Dokumentiert sind eine ausgerenkte Kniescheibe, die den Namen "Wii-Knie" hervorbrachte, eine angerissene Achilles-Sehne, Schulter- und Handgelenkschmerzen durch virtuelles Kegeln, ein angebrochener Mittelfußknochen nach dem Sturz vom fünf Zentimeter hohen Nintendo-Gleichgewichtsboard, sowie Kopfverletzungen durch Fäuste begeisterter Mitspieler.

Sonys Playstation ging ebenfalls in die Annalen ein, unter anderem als das South African Medical Journal die "neue Epidemie" der "Playstation-Daumen" ausrief. Die "Text-Tendinitis", mitunter auch als SMS- oder Mobilfunk-Daumen bezeichnet, kam in die Welt, nachdem das Verfassen von Handy-Kurznachrichten zu einem Freizeitvergnügen junger Menschen wurde und der Mitteilungsdrang die Daumen schmerzen ließ. Eine neuere Ausprägung von Mobilfunkschäden ist der "PDA-Nagel": Dermatologen beschrieben dieses Phänomen vor einem Jahr als Verformung des Daumennagels, hervorgerufen durch fortgesetztes Tippen auf dem Personal Digital Assistant vom Typ Blackberry.

Offenbar nehmen die Gefahren überhaupt kein Ende. Doch ein genauer Blick in die Fallbeschreibungen offenbart, dass in den meisten Fällen die Anekdote über wissenschaftliche Exaktheit dominiert. Das "Space-Invaders Handgelenk" hatte jener spielfreudige Medizinstudent lediglich an sich selbst beobachtet und ohne Konsultation eines Facharztes beschrieben. Auch die "Wiiitis" hat der spanische Autor erstmals anhand seiner eigenen Erlebnisse geschildert.

Die 35-jährige Konsolenspielerin, an der zum ersten Mal die "Nintendinitis" diagnostiziert wurde, suchte von sich aus keinen Arzt auf, sondern war zufällig Gast im Haus des Autors. Den "Nintendo-Nacken" verdankt die Medizin der Beobachtung eines kanadischen Radiologen am eigenen Sohn: "Der Schmerz muss stark gewesen sein, denn er ließ den Gameboy liegen und zog es vor, mit der Barbie seiner Schwester zu spielen."

Verwunderlicher noch ist die Genese der angeblich in Südafrika grassierenden "Epidemie" der "Playstation-Daumen". Sie wurde durch eine Siebtklässlerin festgestellt, die für ein Schulprojekt 120 Mitschüler befragt und 15 Fälle von schmerzenden Spielerdaumen gezählt hatte. In der elften Klasse wiederholte sie das Projekt und konstatierte ebenfalls im South African Medical Journal, nun sei "die neue Epidemie" der "Mobilfunk-Daumen" ausgebrochen.

Wie verbreitet die Beschwerden tatsächlich sind, ist schwer zu sagen. Glaubt man dem US-amerikanischen National Electronic Injury Surveillance System, das Fälle aus den Notaufnahmen großer Krankenhäuser hochrechnet, verletzten sich 2009 mehr als 32000 Amerikaner im Umgang mit einem Computer oder elektronischem Spielzeug. Zu knapp einem Drittel waren die Blessuren unmittelbare Folge des Spielens. Epidemische Ausmaße sind das nicht. Zum Vergleich: Mehr als 31000 US-Amerikaner stürzten im gleichen Jahr von einer Leiter, etwa 68000 stießen unsanft mit Fernsehgeräten zusammen.

Volker Ewerbeck, Ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie in Heidelberg, sagt, in seinem Berufsalltag spielten Technik-assozierte Beschwerden keine Rolle. Seine Mitarbeiterin Benita Kuni schließt allerdings für die Zukunft "neue epidemiologische Dimensionen" nicht aus. Schließlich nutzen immer mehr Menschen elektronische Geräte. Kritisch sieht sie, dass sich immer jüngere Menschen ohne Hilfestellung "wiederkehrenden Bewegungsabläufen aussetzen" und damit Muskeln und Sehnen überlasten.

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