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"Kalter" Browserkrieg:Firefox zwischen den Fronten

Im Netz ist eine Diskussion entbrannt: Welche Zukunft hat der Firefox-Browser? In Google hat das Open-Source-Projekt einen mächtigen Partner, der aber mit seinem eigenen Browser Chrome zugleich Konkurrent ist. Es läuft alles auf einen kalten Browserkrieg hinaus, in dem Firefox der lachende Dritte sein könnte.

Kilian Haller

Firefox ist der beliebteste Browser in Deutschland - im Dezember 2011 ist jeder zweite Deutsche mit dem Browser der Mozilla-Stiftung unterwegs. Dennoch wird im Netz dieser Tage über die Zukunft des Open-Source-Projekts diskutiert. Nicht selten kommt die Frage auf: Ist der Firefox zum Untergang verdammt?

Firefox zwischen den Fronten

Auch zwischen den Großmächten Internet Explorer und Chrome hat der Firefox realistische Überlebenschancen.

(Foto: Julian Stratenschulte, sueddeutsche.de)

Der Grund für die düsteren Prophezeiungen: Die Popularität des Firefox ist im weltweiten Maßstab lange nicht so hoch wie in Deutschland. Global gesehen surft jeder vierte Internet-Nutzer mit dem Open-Source-Browser. Bisher hatte das noch für Rang zwei hinter dem Internet Explorer (etwa 40 Prozent) gereicht, doch im Dezember zählte der Internet-Analyseservice Statcounter erstmals mehr installierte Chrome- als Firefox-Browser.

In fast allen Medienberichten hieß es folglich: "Google Chrome überholt den Firefox". Das ist zwar richtig, lässt den Firefox aber fälschlicherweise als großen Verlierer dastehen. Die Bilanz des Open-Source-Programms lässt sich je nach Statistik auch anders lesen: Zwei von vier verschiedenen Studien zeigen, dass der Firefox seit Markteinführung von Chrome an Anteilen gewonnen hat.

Als eine der aussagekräftigsten Erhebungen gilt allerdings die von Statcounter - und die konstatiert einen Verlust von etwa fünf Prozent für den Firefox. Nach dieser Analyse konnte Chrome aber vor allem deshalb Marktanteile gewinnen, weil Nutzer dem Internet Explorer den Rücken kehren: Der Microsoft-Browser führt zwar den Markt an, verlor aber seit der Einführung des Chrome satte zwölf Prozent. Dies hat in Europa auch damit zu tun, dass Microsoft den Windows-Nutzern nach einer Entscheidung der EU-Kommission seit 2010 die Möglichkeit geben muss, von vorneherein einen Konkurrenz-Browser zu wählen.

Google zahlt 300 Millionen Dollar an Mozilla

Dennoch gibt es Gründe, warum die Firefox-Verantwortlichen sich Sorgen machen könnten: 84 Prozent der Einnahmen des Unternehmens kamen zuletzt vom Konkurrenten - von Google. In den vergangenen Monaten kühlte das Verhältnis zwischen Mozilla und Google aber immer mehr ab; Google stellte die Entwicklung seiner Toolbar für den Firefox ein, Mozilla brachte eine auf den Google-Konkurrenten Bing optimierte Version des Browsers heraus. Dies führte zu Spekulationen, dass die Partnerschaft nach dem Auslaufen des Kontrakts im Dezember 2011 nicht fortgesetzt werden würde.

Nur wenige Beobachter wie der Journalist Thorsten Kleinz widerstanden der Verlockung, das Ende der Partnerschaft oder sogar des Firefox zu prophezeien. Er sollte recht behalten. Am 20. Dezember verkündete Mozilla, dass weiter Geld von Google fließen wird - und zwar der dreifache Betrag.

Klar ist jedoch: Google verschenkt die geschätzten 300 Millionen Dollar pro Jahr nicht - als Gegenleistung wird der Browser mit Google als Standard-Startseite und -Suchmaschine angezeigt. Dieser prominente Platz ist für den Suchmaschinen-Giganten sehr wertvoll, denn dem Werbenetzwerk Chitika zufolge wird jede zehnte Google-Suche über diese Firefox-Bedienelemente ausgeführt.

"Ich glaube, dass Firefox immer noch eine starke Verhandlungsposition hat", erklärte Wikipedia-Gründer Jimmy Wales kürzlich. Der Hintergrund: Google ist zwar mächtig, hat aber selbst im Suchmaschinensegment noch Konkurrenten. Hauptgegner ist der Suchdienst Bing, den Microsoft mit großzügigen finanziellen Mitteln ausstattet, um Googles Vormachtstellung bedrohen zu können. Unter den Firefox-Usern greifen 94 Prozent auf Google zurück - beim Internet Explorer sind es nur 74 Prozent.

Gute Zukunftsaussichten für den Firefox

Der kleine Firefox könnte sich als Zünglein an der Waage erweisen, wenn Microsoft zum Großangriff auf das Suchmaschinengeschäft blasen sollte. Die Chancen dafür, dass die Nonprofit-Stiftung aus der Konstellation profitiert, sind größer, als dass sie zwischen den Großmächten zerquetscht werden könnte.

Auch dürfte der Mozilla-Stiftung nicht so schnell die Luft ausgehen: Sie hat in den vergangenen Jahren einen ordentlichen Kapitalstock aufgebaut. 2006 konnte die Stiftung bis zu 47 Millionen Dollar zur Seite legen, 2007 waren es 42 Millionen. Dadurch ist die Partnerschaft mit Google zwar wichtig; überlebensnotwendig ist sie allerdings nicht.

Dass kleinere Browser sich am Markt halten können, hat das norwegische Unternehmen Opera gezeigt. Die ehemals kostenpflichtige Software hält sich bei ungefähr zwei Prozent Marktanteil - und dass, obwohl mit Apples Safari noch ein weiterer Browser mit ungleich größerer Unterstützung im Rennen ist. Das ist keine starke Stellung, reicht aber offensichtlich zum Überleben - zumal die Norweger für ihr Innovationspotenzial in neuen Märkten und Nischen bekannt sind: Bei den auf Handys installierten Browsern führt Opera den Markt mit 22 Prozent an.

Wurde in der Vergangenheit voreilig das Zeitalter der nativen Apps ausgerufen, zeigt sich gerade bei stationären Endgeräten, dass der Browser und mit ihm das Web eine immer zentralere Rolle einnimmt. Gerade Google versucht, mit browserbasierten Anwendungen Desktop-Programme wie Microsofts Office-Serie alt aussehen zu lassen. Die Google-Dienste Mail und Docs zum Beispiel werden perfekt auf Chrome abgestimmt; anderen Browsern kann Google sogar die Benutzung verwehren (so sind die neuen Google-Dienste laut c't mit Opera nicht mehr zu erreichen).

Dennoch profitiert Google von der "sanften Konkurrenz" mit Mozilla. Denn mangelnder Wettbewerb wirkte sich in der Vergangenheit stets nachteilig auf die Weiterentwicklung der Software aus: Mitte der Neunziger hatte der Netscape Navigator ein Quasimonopol mit 80 Prozent Marktanteil - 2003 waren es nur noch vier Prozent. Die Entwicklung des Browsers war in wichtigen Aspekten zum Stillstand gekommen und Microsofts Internet Explorer konnte - auch aufgrund der Windows-Integration - innerhalb von nur acht Jahren von drei auf 95 Prozent Marktanteil kommen.

Doch auch dem Internet Explorer geht es nicht mehr so gut wie früher: Als der Firefox startete, war Microsofts Marktanteil fast doppelt so hoch wie heute. Entwicklungsstillstand war hier ebenfalls ein Problem - Sicherheitslücken ein weiteres. Je populärer ein Browser auf dem Markt ist, desto attraktiver wird er auch für Angreifer.

Google macht seinen Gewinn nicht mit Chrome; das Geld verdient der Konzern über Werbeanzeigen, die bei den vielen Google-Diensten eingeblendet werden. Das bedeutet: So lange die Firefox-Nutzer ihre Suchanfragen, Mails, Textverarbeitungs-Aufgaben bei Google erledigen, profitiert der Konzern vom kleinen Konkurrenten.

Da auch viele Nutzer des Internet Explorers auf Google-Dienste zurückgreifen, ist im Moment also allenfalls ein kalter Browserkrieg im Gange. Sollte der Firefox-Browser allerdings den Google-Diensten einmal nicht mehr ausreichend Nutzer bescheren, könnte der Konflikt am Ende doch noch eskalieren.

© sueddeutsche.de/gal
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