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Hacker früher und heute:Alles für alle - und Assange gegen alle

Ein Aktivist mit einem Plakat von Jullian Assange im April 2019.

(Foto: AFP)

Julian Assange ist der einzige Anarchist, der im 21. Jahrhundert Weltpolitik gemacht hat. In London muss er vor Gericht - und mit ihm die Ideen der Hacker-Kultur.

80c11049faebf441d524fb3c4cd5351c: Diese Zeichenkombination tippt die amerikanische Soldatin Chelsea Manning am 8. März 2010 in einen Chat. Es ist ein sogenannter Hashwert, die verschlüsselte Form eines Passworts. Manning will eine weitere Tür öffnen im Computersystem der Armee, aus dem sie interne Dokumente an Wikileaks weiterleitet. Aber sie kann den Hash nicht knacken, hofft auf ihren Chatpartner, und laut US-Justizministerium heißt der Julian Assange. Doch auch der Wikileaks-Gründer und sein Team schaffen es nicht, den Hash zu entschlüsseln.

Ausgerechnet der Moment, in dem Assanges Hacker-Künste versagen, wird ihm zum Verhängnis.

An diesem Donnerstag steht das bekannteste Gesicht, das die Hacker-Kultur hervorgebracht hat, in London vor Gericht. Es geht um Assanges Auslieferung an seinen Erzfeind, die Vereinigten Staaten von Amerika. Der Vorwurf: Spionage als Komplize von Manning. Das stellt, je nach Sichtweise, nicht nur die Pressefreiheit in Frage. Verhandelt wird auch die Grundüberzeugung einer immer einflussreicher gewordenen Subkultur: dass alle Information aus dunklen Computerspeichern befreit und jegliches Herrschaftswissen beseitigt werden muss. Alles für alle. Assange ist der einzige Anarchist, der im 21. Jahrhundert Weltpolitik gemacht hat.

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Der Wikileaks-Gründer muss sich jetzt auch wegen Entgegennahme und Veröffentlichung geheimer Informationen verantworten. Seine Handlungen hätten einen "schweren Schaden" für die USA riskiert, heißt es.

Der Begriff "Hacker" kommt erstmals in den 1950ern in den USA auf und hat mit politischen Ideen erst einmal wenig zu tun. In den Universitäten stehen die ersten Großrechner, die noch mit Lochkarten programmiert werden. Die frühen Hacker wollen nicht in fremde Computersysteme eindringen - von denen gibt es ja noch kaum welche. Sie wollen die Funktionen der Computer erweitern. Das Wort "Hack" bedeutet zunächst, dass ein technisches Problem gelöst wird. Im "Tech Model Railroad Club", einem Modeleisenbahnverein am Massachusetts Institute of Technology, tüfteln die ersten Hacker entsprechend daran, Schaltungen von Gleisen zu verbessern.

Später löst Chiptechnologie den Transistorrechner ab, Computer werden kleiner und für Privatpersonen erschwinglicher. Aber weil es bis in die 1980er noch keine grafischen Benutzeroberflächen gibt, wie heute in Windows oder im Smartphone, müssen die Besitzer zumindest ein wenig programmieren können. Bis heute stellen Filme Hacking als übermenschliche Fähigkeit dar. Als Röntgenblick, der wahrnimmt, was sich unter den glatten Oberflächen der Geräte und in nanometergroßen Chip-Teilen abspielt. Die Historikerin Julia Gül Erdogan sieht das anders. Sie sagt: "Ziel der frühen Hacker war, die Computertechnologie zu entmystifizieren. Sie wollten ihre neuen Maschinen verstehen und beherrschen." Erdogan promoviert am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam zu Hackerkulturen in der BRD und DDR.

1984 formuliert der US-Journalist Steven Levy im Vorwort seines Buchs "Hackers" die so genannte "Hacker-Ethik". Darin geht es ihm vor allem um freien Zugang zu Computern und Wissen. Und um Misstrauen gegen Autoritäten. Es ist der Geist, der Assange antreibt, seit er Anfang der Neunziger von seiner Heimat Australien aus in Militärnetzwerke eindringt. Ein Geist, der irgendwann in seinem ganz persönlichen Hass auf außenpolitische "Falken" wie Hillary Clinton mündet.

Schon früh entdecken manche in der Szene den Computer als politisches Werkzeug. Seit den 1980ern fordert die Freie-Software-Bewegung, dass Menschen jederzeit die Kontrolle über die von ihnen genutzten Programme haben müssen, und sie jederzeit verändern dürfen. Anderen Hackern wird klar, dass sich mit ihrem Wissen Geld verdienen lässt. Bill Gates hackt als Student an Uni-Rechnern, auch Steve Jobs und Steve Wozniak manipulieren Telefonschaltungen, indem sie Pfeiftöne in einer bestimmten Frequenz über die Leitung schicken (Phreaking). Ihre Firmen Microsoft und Apple machen sich später auf den Weg, die Welt zu erobern.

Der Hacker an sich ist also schon immer eine ambivalente Figur. Ein Systemstörer, der das System besser macht. Der "Penetrationstest", ein Angriff auf ein Netzwerk, um Schwächen in der Abwehr zu finden, bedeutet heute für jene Hacker den Lebensunterhalt, die sich dann vornehm "IT-Sicherheitsexperten" nennen. Doch gerade, weil der Hacker und sein Werk meist unsichtbar bleiben, beflügelt er kollektive Fantasien. Die Penetration von Computersystemen durch düstere Mächte ist Teil der Popkultur.

Einschneidendes Erlebnis für die Bundesrepublik: der sogenannte KGB-Hack

Hacker in fiktiven Werken sind heute vor allem düster, wie Elliot Alderson (Rami Malek), der in Mr Robot als zerrissener Drogensüchtiger einen übermächtigen Konzern sabotiert. Dank Beratern aus der Szene gehört die Serie zu den wenigen Darstellungen, mit der Fachleute zufrieden sind: mit digitalen Angriffstechniken, die wirklich existieren, und ohne quietschbunte Visualisierungen von Computerviren. Assange selbst inspirierte vermutlich die Figur des sexfixierten Transparenz-Gurus Andreas Wolf in Jonathan Franzens Roman "Unschuld", und James Bonds Gegenspieler in "Skyfall".

Die Wege zum Hacking sind unterschiedlich, Beau Woods beschreibt seinen so: "Im College machen Leute manchmal Dinge, die nerven, und dann willst du einfach deren Computer plattmachen." Der US-Amerikaner arbeitet für Think Tanks und seine NGO "i am the cavalry", die Hacker mit dem Rest der Gesellschaft zusammenbringen soll. Den schwarzen Kapuzenpulli, versichert er beim Treffen auf der Digitalkonferenz SXSW in Austin, trage er nur ironisch. Seine Spezialität sei es gewesen, fremde CD-Rom-Laufwerke unvermittelt aus der Ferne aufgehen zu lassen.

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Die frühere Army-Nachrichtenanalystin war in Beugehaft, weil sie sich weigert, gegen Wikileaks auszusagen. Lange dürfte sie nicht frei sein.

In Deutschland profiliert sich seit den 1980er Jahren der Chaos Computer Club (CCC) als Expertengruppe. Einschneidendes Erlebnis für die Bundesrepublik ist der sogenannte KGB-Hack, der 1989 publik wurde: Eine Gruppe aus Hannover verkaufte damals Informationen von US-amerikanischen Servern an den sowjetischen Geheimdienst. Eine Fernsehsendung sprach vom "größten Spionagefall seit Guillaume", auch wenn die verkauften Informationen alles andere als brisant waren. In der öffentlichen Wahrnehmung verbänden sich jedoch seither die Ängste vor einer vernetzten Welt mit den Praktiken von Hackern, erklärt Historikerin Erdogan.

Dagegen verblassen die Aktionen der "White Hats", jener Hacker der hellen Seite also, die im Gegensatz zu kriminellen "Black Hats" niemandem schaden wollen. Beim BTX-Hack 1984 konnten CCC-Mitglieder auf die Hamburger Sparkasse zugreifen und sie theoretisch um etwa 135 000 Mark erleichtern. Theoretisch, denn der CCC hielt das Hacken weitgehend in legalen Bahnen und betonte die gesellschaftliche Verantwortung der Szene. Die Mitglieder kommen aus linksalternativem Milieu, aus der Bürgerrechts- und Friedensbewegung, die eigentlich als technikkritisch gelten. Sie fürchten aber den Überwachungsstaat und wenden sich zum Beispiel gegen das Fernmeldemonopol der Bundespost, sagt Erdogan.

Auch in der DDR wird gehackt. Während 1986 in Westdeutschland schon mehr als drei Millionen Heimcomputer und Konsolen verkauft wurden, waren sie im sozialistischen Deutschland selten. Die importierte Westtechnologie war teuer, DDR-Modelle gab es nur wenige. Der größte und bekannteste Club war der im Haus der jungen Talente in Ostberlin. Dort gab es 1987 zwei Commodore 64 und einen Atari 130 XL. Die Stasi habe die Treffen überwacht, sagt Erdogan. In der DDR sei private Online-Kommunikation nicht möglich gewesen.

Für Beau Woods lösen Hacker eine Urangst der Industriegesellschaft aus

Im 21. Jahrhundert werden Staatsferne und Idealismus der Kultur auf die Probe gestellt. Erpresser-Software, die die Computer der Opfer lahmlegt, bis die zahlen, wird immer lukrativer. Facebook und Google bieten den besten Experten astronomische Summen, um ihre Produkte zu schützen. Zur wichtigsten Hackerkonferenz, der Black Hat in Las Vegas, bringen NSA-Agenten eine Enigma-Maschine der Wehrmacht mit. Sie wollten Hacker über ihre Liebe zur Ver- und Entschlüsselung ködern und anwerben.

Für Beau Woods lösen Hacker eine Urangst der Industriegesellschaft aus. Sie seien die Gegenspieler der etablierten Helden der Moderne: "Wissenschaftler und Ingenieure zähmen die Natur, vor der die Menschen immer Angst hatten. Der König der Assyrer soll vor Tausenden Jahren auch in die Wildnis gegangen sein und Löwen getötet haben, weil die Menschen töteten." So hätten später Ingenieure Straßen durch die Natur gebaut und mit Maschinen Ordnung über sie gebracht. "Jetzt aber gibt es Menschen, Hacker, die die Maschinen der Ingenieure beliebig manipulieren können, sie ihren Willen ausführen lassen." Das irritiere die Menschen. Woods sagt, andere sähen ihn so: "Die Zauberer haben das Smartphone geschaffen, aber du übertriffst sie noch, weil du in das, was sie erschaffen haben, einbrechen kannst."

Wer solche Fähigkeiten hat, kann sich ein bisschen Arroganz leisten. Die Pointe am Ende des wegweisenden "Hacker-Manifests" von 1986 lautet: "Mein Verbrechen ist, dass ich smarter bin als ihr, was ihr mir nie verzeihen werdet." Ein Satz wie eine Autobiographie von Julian Assange.

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