Jeff Jarvis über Google:"Pizza Hawaii für alle"

sueddeutsche.de: Aber nur weil alle ein Gericht essen, heißt es doch nicht, dass es auch mir gut schmeckt?

Jarvis: Nein, das ist in der Tat eine dünne Datengrundlage für den Gast. Aber für das Restaurant ist es sehr hilfreich, Daten zu sammeln. Es kann sie nutzen, um die Rezepte zu verbessern oder auch um Weinempfehlungen auf der Karte zu geben: "70 Prozent der Gäste, die Gericht A bestellt haben, haben dazu Wein B getrunken" oder "Wein C ist der beliebteste Wein". Restaurants haben das Wissen, aber sie teilen es normalerweise nicht mit ihren Gästen. Wenn sie ihr Wissen teilen, werden die Gäste Teil einer Gemeinschaft, die gerne dabei hilft, die Produkte zu verbessern.

sueddeutsche.de: Sollten Restaurants dann nicht gleich eine angeschlossene Internetcommunity haben?

Jarvis: Ja, das ist eine gute Idee. Dort könnten dann beispielsweise Empfehlungen für andere gute Restaurants stehen.

sueddeutsche.de: Die Konkurrenz würde das sicherlich freuen.

Jarvis: Niemand geht jeden Abend in dasselbe Restaurant. Vielmehr lassen sich über Empfehlungen Netzwerke gründen, die allen Beteiligten nützen.

sueddeutsche.de: Sie empfehlen das Datensammeln für eine erfolgreiche Business-Strategie. Dabei ist es gerade der Hunger nach Informationen, der Google den Vorwurf der Datenkrake einbringt.

Jarvis: Das Wort Datenschutz wird heutzutage viel zu häufig genutzt, um Angst zu schüren. Diese Regulierungswut ist vielleicht auch ein sehr deutsches Problem. Viele junge Leute sind heute Mitglied in Netzwerken wie Facebook oder StudiVZ. Sie machen Dinge öffentlich, die man früher nie gesagt hätte, aber das ist ihre Art gesellig zu sein. Man kann im Internet nur andere Woody-Allen-Fans finden, wenn man offenbart, das man diese Filme selber gerne mag. Das Problem ist nicht die Datensammelwut, das Problem ist die Kontrolle. Es gibt Dinge, die ich nicht offenlegen möchte, wie mein Sexleben oder meine dunkelsten Geheimnisse, und das werde ich dann auch nicht erzählen, weder hier noch im Internet.

sueddeutsche.de: Es stört sie also nicht, wenn ein Unternehmen wie Google über einige Ihrer Lebensumstände Bescheid weiß?

Jarvis: Nein, ich finde das sogar gut. So bekomme ich für mich nur relevante Werbung angezeigt. Und wenn ich bei Google nach Pizza suche, bekommen ich Pizzerien in meiner Nähe angezeigt. Ich finde das großartig. Solange ich weiß, welche Daten Google hat und solange das Unternehmen damit nichts Böses anstellt, hat es mein Vertrauen. Und bislang habe ich noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.

sueddeutsche.de: Googles Erfolgsstory kann also nichts trüben?

Jarvis: Google kann ernste Probleme bekommen, wenn es das Vertrauen der Nutzer verliert oder zu groß wird oder wenn es wie viele Medienhäuser nicht mehr erkennt, wie neue Technologien die Welt verändern.

Jeff Jarvis gehört zu den profiliertesten Journalismusexperten und Medienvisionären der USA. Er ist Autor des Buches "What Would Google Do?", das auf Deutsch im Frühjahr 2009 bei Heyne erscheint. Er schreibt in seinem Blog Buzzmachine.com über Medien- und Technologiethemen sowie eine "Neue Medien"-Kolumne für die britische Tageszeitung The Guardian.

© sueddeutsche.de/bön/cmat
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