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Japan nach dem Erdbeben:Texten, twittern, überleben

Im japanischen Erdbebengebiet wird ein großer Teil der Nothilfe über soziale Netzwerke im Internet organisiert - von der Kleiderspende bis zum Notfalleinsatz.

Mit dem großen Tohoku-Erdbeben brachen viele Mobiltelefon-Verbindungen zusammen, nicht nur entlang der Sanriku-Küste, sondern auch in Tokio. Kurztexte dagegen konnte man teilweise noch verschicken, und auf soziale Medien wie Twitter, Facebook, Mixi und Google hatten manche Überlebende im Tsunami-Gebiet ebenfalls Zugang - wenn sie Batterien hatten. Damit begann ein bisher beispielloses Networking, das bis heute anhält.

A woman looks at her mobile phone as she rests at an evacuation centre for people affected by the March 11 earthquake and tsunami in Ishinomaki

Frau im japanischen Ishinomaki: Beispielloses Networking, das bis heute anhält.

(Foto: REUTERS)

Vermutlich haben einige Handys Leben gerettet. In Japan erhält man meist einige Sekunden vor starken Erdstößen eine Erdbebenwarnung aufs Handy; auch die Tsunami-Warnungen werden übers Mobilnetz verbreitet. Nach der Katastrophe fanden viele ihre Angehörigen über die sozialen Medien und über die Katastrophen-Message-Boards der Telefongesellschaften wieder.

Letztere stehen Handy-Abonnenten im Falle eines Desasters für 200-Zeichen-Nachrichten zur Verfügung. Auf diesen elektronischen Anschlagbrettern kann man notieren, wo man ist und wie es einem geht. Jeder kann diese auf dem Mobiltelefon oder Computer einsehen.

Schon in den ersten Stunden nach dem Tsunami fragten Tausende Japaner auf Twitter, Mixi und anderen sozialen Medien, wie sie helfen könnten. Aus der Tohoku-Region kamen präzise Angaben, was gebraucht wird, zu Beginn vor allem Lebensmittel, Wolldecken, Trinkwasser und Medikamente - aber auch Trockeneis zur Konservierung der Toten.

Auch nach Ärzten und Pflegepersonal wurde über die sozialen Medien gerufen. Wer solche Meldungen empfing, multiplizierte sie übers Web, gab Adressen an, wo man sich melden konnte, oder wo man beispielsweise in Kyoto Reissäcke anliefern könne, die von Freiwilligen ins Erdbebengebiet gebracht werden.

Online-Börsen für die Nothilfe

Aus den Notunterkünften kam schon nach wenigen Tagen der Wunsch nach Kinder- und Schulbüchern. Eine Frau in Osaka erfuhr über Twitter, die Kinder im Tsunami-Gebiet bräuchten Schulranzen. Jetzt näht sie Ersatz. Eine Fabrik in der Präfektur Chiba hörte ebenfalls davon. Nun verbreitet sie übers Internet, man könne ihr alte Schulranzen schicken, die Fabrik werde sie umsonst reparieren und verteilen.

Die Hilfsbereitschaft der Japaner ist nicht neu. Neu ist, dass die sozialen Medien es möglich machen, Zehntausende Hilfsangebote zu den Bedürftigen zu bringen. Computer-Geeks, die meisten weitab vom Erdbebengebiet, haben Online-Börsen für diese Nothilfe aufgezogen.

In der Präfektur Iwate kommunizieren die Behörden, weil ihre Computer-Server und damit ihre Websites in den Fluten des Tsunami verschwunden sind, über Twitter und Facebook mit ihren Bürgern. Die sozialen Medien helfen überdies, Traumata zu verarbeiten und Geld zu sammeln.

Quakebook für einen guten Zweck

Twitter-Nutzer " OurManInAbiko", ein Englischlehrer in einem Vorort von Tokio, hat über Twitter Erlebnisberichte aus dem Katastrophen-Gebiet gesammelt. Daraus ist in wenigen Tagen ein Buch entstanden: " 2:46-Quakebook", an dem auch Yoko Ono mitgearbeitet hat. Dieses Quakebook soll zuerst als E-Book, später auch in Print verkauft werden. Alle Erlöse gehen ans japanische Rote Kreuz.

Über Blogs und Twitter erfahren die Japaner auch, was ihre Medien verschweigen. Vorletztes Wochenende berichtete das japanische Fernsehen ausführlich über die Anti-AKW-Demos in Deutschland, erwähnte die Demo japanischer AKW-Gegner in Tokio aber mit keinem Wort.

Besonders wichtig sind die sozialen Medien für Leute mit speziellen Bedürfnissen. Allein in der Präfektur Fukushima waren 607 Taubstumme registriert, 512 haben überlebt, doch die meisten wurden ihrem Umfeld entrissen. Nun haben eine Zeichensprache-Lehrerin und ein Computer-Geek, die sich über Twitter gefunden haben, einen Live-Übersetzungsdienst für TV-Nachrichten aufgezogen.