Japan: Die Katastrophe und das Web Vernetzt in Trauer und Furcht

Sie schildern die Lage vor Ort, vergleichen Radioaktivitätswerte oder suchen Vermisste: Das Web wird für die Bewohner Japans in der Katastrophe zum Sammel- und Trauerort.

Von Johannes Kuhn

Weil sie den Beglaubigungen der Regierung nicht trauen, wollen es die Bewohner von Tokio selber wissen: Auf einer Facebook-Seite informieren sie sich gegenseitig, wie hoch die Strahlungswerte sind, die sie in ihrem jeweiligen Stadtteil gemessen haben.

Japan in der Krise: Fototicker

Verwüstung ohne Ende

Die Gruppe "Radioactive Now" ist nur ein Beispiel für die vielen verschiedenen Formen, in denen das Internet in der Japan-Krise genutzt wird. Über Twitter, Facebook und Co. diskutieren Nutzer im Land und weltweit über die Ereignisse, trauern Menschen um die Opfer, schildern Augenzeugen ihre Eindrücke oder laden YouTube-Videos vom Moment des Erdbebens hoch.

Via Twitter können Menschen in der verwüsteten Region auch Hilfsnachrichten absenden. Botschaften, die mit dem Schlagwort #j_j_helpme versendet wurden, werden direkt an die Einsatzkräfte weitergeleitet. Die eingehenden Nachrichten zeigen, dass in vielen Gegenden vor allem Wasser und Lebensmittel knapp werden, da Rettungskräfte einige Siedlungen und Kleinstädte nur über die Luft erreichen.

Bei Google können Menschen Vermisste in den Katastrophengebieten angeben oder Informationen über deren Verbleib veröffentlichen. Auf der Seite sind bislang bereits 150.000 Einträge eingegangen. Auch das Internationale Rote Kreuz bietet eine Plattform an, auf der durch das Unglück getrennte Familienangehörige einander wiederfinden können.

Über Twitter beschreiben neben vielen japanischen Nutzern auch Ausländer, die im Land sind, ihre Eindrücke. Der anfänglichen Trauer weicht nun langsam Pragmatismus. "Die Hauptdebatte auf Twitter in Japan ist derzeit, ob man heute zur Arbeit gehen sollte", schreibt die in Tokio lebende Amerikanerin Sandra Barron auf dem Microbloggingdienst. Die Argumente lauteten "Es ist ein Sakrileg" gegen "Wir müssen die Wirtschaft am Laufen halten", schildert sie die Diskussion. Auf ihrem Blog hat Barron Augenzeugenberichte des Erdbebens gesammelt.

Microsoft: Schelte für Spenden-PR

Mark MacKinnon, der Ostasien-Korrespondent einer kanadischen Zeitung, befindet sich derzeit im vom Tsunami überrollten Sendai und twittert seine Eindrücke von dort. "Die Stadt kehrt zu so etwas wie Normalität zurück", schreibt er, "Einige Geschäfte machen wieder auf, Menschen stellen sich höflich an." Die Ruhe sei ob der Lage verblüffend, aber aufgrund der Höflichkeitskultur im Land durchaus nachvollziehbar.

Hilfsorganisationen nutzen Facebook und Twitter, um für Spenden zu werben. Der amerikanische IT-Konzern Microsoft erhielt für seine Form der Spendenwerbung allerdings heftige Kritik: Über das Twitter-Konto seiner Suchmaschine Bing hatte das Unternehmen versprochen, bis zu 100.000 Dollar zu spenden - für jede Verbreitung der frohen Spendenbotschaft einen Dollar.

Weil dies jedoch bei den Nutzern als billiger Versuch wahrgenommen wurde, PR für die eigene Gutmütigkeit zu machen, hagelte es Kritik. Am Ende entschuldigte sich das Unternehmen und spendete die 100.000 Dollar sofort.

Auch im deutschsprachigen Netz werden die Folgen des Tsunamis und eine mögliche Atomkatastrophe heftig diskutiert, das Schlagwort Atomkraft landete zwischendurch weltweit bei den zehn meistverwendeten Twitter-Begriffen.

Eine Google-Karte zeigt, wie stark die Atomkraft-Debatte hierzulande wieder aufgeflammt ist: Die eingezeichneten 260 Anti-Atom-Mahnwachen, die am Montagabend stattfinden sollen, überdecken praktisch die gesamte Deutschlandkarte.

Links zum Thema:

Liste von Twitter-Quellen zur Situation in Japan (Personen vor Ort, Nachrichten) der Washington Post

Liste englischsprachiger Twitter-Nutzer, die sich in Japan befinden

Google-Seite mit Informationen zum Unglück

Google Personenfinder

Livestream des japanischen TV-Senders NHK World (auf Englisch) in der ZDF Mediathek

Themenseite zum Erdbeben bei sueddeutsche.de

Englischsprachiger Newsticker der japanischen Nachrichtenseite Kyodo News

Deutsche Facebook-Gruppe zum Gedenken an die Opfer

Spendenmöglichkeiten im Netz (Heise.de-Artikel)

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