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Jagd auf Plagiate im Internet:Verstecktes Aufdecken

Stets arbeiten etwa 100 Menschen an der Seite, zwanzig von ihnen bilden einen harten Kern. Sie kennen einander nicht, und wenn ihre Mission erfüllt ist, werden sie womöglich nichts mehr miteinander zu tun haben. Es ist eine Zweckgemeinschaft, eine Community auf Zeit, in der sich jeder auf den anderen verlassen kann. Wenn PlagDoc ein paar Stunden geschlafen hat, findet er neue Einträge auf den Plagiateseiten, neue Tipps und Hilfetexte für andere Nutzer vor. Das Pflichtgefühl, ihr gemeinsames Projekt rasch zu Ende zu bringen, hält die Gemeinschaft zusammen.

Guttenberg besucht Valentinstreffen

Auf der Internetseite "GuttenPlag Wiki" haben Nutzer Hunderte Hinweise auf Plagiate in der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg zusammengetragen.

(Foto: dapd)

Studenten, Doktoranden, Promovierte, Naturwissenschaftler, Informatiker, Philosophen und einige Experten aus dem Umfeld des Online-Lexikons Wikipedia tummeln sich im Chatraum der Plattform. Dort tauschen sie sich darüber aus, nach welchen Kriterien etwa eine gefundene Stelle bewertet werden soll- als "Komplettplagiat", als "verschleiertes Plagiat", bei dem einige Worte geändert wurden, "Bauernopfer", bei dem zumindest eine Fußnote angegeben ist, oder als "verschärftes Bauernopfer".

Die Diskussionen zwischen Benutzern mit Namen wie "Argus", "Deus" und "Vegadark" sind hart in der Sache, aber niemals politisch. Stundenlang arbeiten sie konzentriert. Kalt und analytisch, wie bei einer wissenschaftlichen Studie, scheinen sie vorzugehen: Man steht vor einem Phänomen, das möglichst vollständig beschrieben werden soll. Wer sich bei einer Aufgabe bewährt hat, wird mit einer neuen bedacht. Wer agitiert, fliegt raus. PlagDoc nennt solche Nutzer "Kasperl". Es gibt nur wenige Kasperl auf "GuttenPlag Wiki".

"Die Nutzer sammeln die Plagiatsstellen nicht aus Bosheit - sondern weil sie bei diesem Thema ganz starke Gefühle haben", sagt PlagDoc. Sie wollen bei der Aufklärung des Falles helfen, ihre Sammlung soll an die Universität Bayreuth gehen. PlagDoc fürchtet, dass die Kommission, die Guttenbergs Dissertation prüft, von der Politik unter Druck gesetzt wird. "Wir wollen einen Gegendruck aufbauen", sagt er. "Und wir wollen der Öffentlichkeit zeigen, dass das, was Herr zu Guttenberg gemacht hat, etwas anderes ist, als in der Schule beim Banknachbarn abzuschreiben."

Nachdem die Plattform an diesem Montag ihren Zwischenbericht veröffentlicht hat, ist ein Großteil der Arbeit erledigt. PlagDoc hat es Spaß gemacht. "Es ist die Herausforderung, etwas Verstecktes zu finden, etwas aufzudecken, das jemand anderer verborgen hat." Die Motivation kommt durch den schnellen Erfolg, wie beim Rätselraten. "Eigentlich ist es wie ein Spiel", sagt PlagDoc - ein Spiel, das ganz real ist. Ein Spiel, das am Ende einen Bundesminister sein Amt kosten kann.