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Jacob Appelbaum:Missbrauchsvorwürfe erschüttern Berliner Hacker-Szene

Jacob Appelbaum

Jacob Appelbaum spricht auf der Berliner Republica 2014, einem Treffen der Netz- und Medienszene.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)
  • Der Hacker und Netzaktivist Jacob Appelbaum sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt.
  • Mehrere Personen beschuldigen ihn anonym und behaupten, dass Appelbaum sie "sexuell, emotional und körperlich missbraucht" habe.
  • Appelbaum hat in der Folge das Tor-Projekt verlassen, dementiert aber die Vorwürfe.

Von Johannes Boie

Ein Idol der Hackerszene droht zu stürzen. Den in Berlin lebenden Amerikaner Jacob Appelbaum kann man durchaus als "Rockstar" seiner Szene bezeichnen. Auf Netzkongressen wird er umschwärmt, von Journalisten ist er als Quelle geschätzt. Im Spiegel erschien sein Name unter Texten, zum Beispiel im April vergangenen Jahres unter einer Geschichte über den Geheimdienst NSA und Edward Snowden.

Dieses Wochenende ging nun eine Webseite online, auf der Appelbaum schwere Vorwürfe gemacht werden: Mehrere Menschen seien von ihm "belästigt, erniedrigt und sexuell, emotional und körperlich missbraucht worden", außerdem plagiiere er die Arbeit anderer. Einzelne Geschichten untermauern die Vorwürfe detailliert: Ein Text beschreibt, wie Applebaum eine unter Drogen stehende Person sexuell genötigt haben soll. Allerdings werden die Vorwürfe nur anonym vorgebracht, und auch derjenige, der die Webseite eingerichtet hat, nutzt einen Anonymisierungsdienst, um seine Identität zu verschleiern.

"Die Anschuldigungen sind komplett falsch"

In Folge der heftigen Anschuldigungen sah sich Appelbaum gezwungen, seine Mitarbeit an einem prestigeträchtigen Projekt aufzugeben. Der Hacker verlässt das Tor-Projekt, das sich um die Verschlüsselungssoftware Tor kümmert, mit der Nutzer anonym im Netz surfen und kommunizieren können. Appelbaum meldete sich außerdem am Montag selbst mit einem Statement auf Twitter zu Wort, in dem es heißt: "Um es klar zu sagen: Die Anschuldigungen gegen mich, ich hätte in krimineller Weise sexuellen Missbrauch begangen, sind komplett falsch." Er schreibt außerdem: "Es mag Momente in meinem privaten oder beruflichen Leben gegeben haben, in denen ich aus Versehen die Gefühle anderer verletzt oder beleidigt haben könnte." Dafür entschuldige er sich.

Die Berliner Netzszene ist nun in allergrößtem Aufruhr. Wer Appelbaum kennt, weiß um dessen schillernde Persönlichkeit. Er selbst rede im größeren Freundeskreis sehr direkt über sein eigenes Privatleben, heißt es aus Hackerkreisen. Ähnliche Vorwürfe wie jene auf der Webseite seien in der Szene seit Jahren bekannt. Andererseits habe Jacob Appelbaum nicht zuletzt wegen seines Erfolgs als Aktivist und Hacker nicht nur viele Fans, sondern auch eine viele Feinde und Neider. In jedem Fall treffen die Vorwürfe die sensible Szene hart, die viel auf ihre enge Gemeinschaft und gegenseitigen Respekt gibt.

Eine Person, die selbst innerhalb der Berliner Netzszene seit vielen Jahren an prominenter Stelle arbeitet, sagt: "Ich spüre ein enormes Aufatmen, dass das Schweigen endlich gebrochen wurde." Ob sich die Vorwürfe juristisch erhärten, müssten allerdings Ermittlungen zeigen. "Dazu fehlen noch die Namen der Opfer, damit die Polizei etwas tun kann." Ob diese sich überhaupt ohne den Schutz der Anonymität zu Wort melden würden, ist bislang offen. Der Berliner Staatsanwaltschaft sind bislang keine Vorwürfe gegen den Hacker bekannt.

© SZ.de/sih
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