Süddeutsche Zeitung

IT-Sicherheit:Das Internet gegen die Mächte der Finsternis

Kriminelle kontrollieren Hunderttausende Geräte und können Infrastruktur lahm legen. Doch das Netz der Netze wird einen Weg finden, sich zu retten.

All die jüngsten Angriffe auf das Internet könnten als prima Vorlage für ein Drehbuch dienen. Dabei würde wahrscheinlich kein besonders guter Film herauskommen, eher Horror als Action. Dafür sparte man sich die Gagen für große Stars, weil Menschen nur Nebenrollen spielen. Als Opfer.

Verdichtet man die Nachrichtenlage auf die Dramaturgie so eines Filmes, beginnt alles damit, dass die Mächte der Finsternis unerkannt in die Kinder-, Wohn- und Schlafzimmer der Menschen eindringen. Dort bemächtigen sie sich all der kleinen Helfer, die das Leben leichter oder lustiger machen. Sie kapern Babyphones und Kabelboxen, Webcams, Toaster und Kühlschränke und rekrutieren sie für eine Armee der Geister. Die marschiert in einer Stärke von Hunderttausenden los, um die Welt zu zerstören. Flugzeuge fallen vom Himmel, Kraftwerke explodieren, Dämme brechen, die Weltwirtschaft kollabiert.

Es folgt der Auftritt der Superhelden. Das ist eine Armee digitaler Roboter und Waffensysteme, die den Angriff zurückschlagen. Die Welt ist gerettet. Zumindest dieses Mal. Denn die Mächte der Finsternis sind keineswegs besiegt. Sie haben sich nur zurückgezogen, um den nächsten Angriff zu planen.

Die Macht der Finsternis heißt Mirai

So ein Drehbuch ist übrigens wirklich in Arbeit. Ein Horrorfilmplot lässt sich nun mal leichter erzählen als das Drama einer "denial of service attack". Diesen Fachbegriff nutzt man, um zu beschreiben, was passiert, wenn man die Rechnerleistung Hunderttausender Elektrogeräte bündelt, um eine Schlüsselstelle des Netzes mit Anfragen so zu überlasten, dass sie ihren Geist aufgibt.

Im konkreten Fall dieses Herbstes heißt die Macht der Finsternis Mirai. Das ist das japanische Wort für Zukunft und hoffentlich kein Menetekel. Denn was dieses sogenannte Botnet in Amerika, Europa und Afrika angerichtet hat, gilt unter IT-Experten als eine Abfolge von Probeläufen. Da gibt es gute Gründe, sich zu fürchten.

In Amerika schmierte Ende Oktober an der Ostküste das halbe Internet ab. Kurz darauf folgte ein Angriff auf Liberia, der fast das ganze Land aus dem Netz katapultierte. Der nächste Angriff traf die deutsche Telekom.

Es mag schon sein, dass ein Abend ohne Internet dem Sozial- und Familienleben ganz guttut. Es sind ja auch noch keine Flugzeuge vom Himmel gefallen oder Kraftwerke explodiert. Zwar hat der Mirai-Angriff in Liberia schon deutlichen Schaden an der Volkswirtschaft angerichtet. Für Nutzer in Amerika und Deutschland blieb es allerdings beim Ärger. Und der war rasch vorbei.

"Irgendjemand versucht, das Internet abzuschießen"

Nun produziert Hollywood erfolgreiche Horrorfilme gerne in Serie. Da muss sich das Grauen von Folge zu Folge auch steigern. Bitte schön: Der IT-Sicherheitsexperte Bruce Schneier verfasste im September einen Essay mit dem Titel "Irgend jemand versucht das Internet abzuschießen". Er interpretierte eine Serie von Attacken als Vorbereitung für einen Großangriff, der dem Netz sein buchstäbliches Ende bereiten könnte.

Was dann? Es gibt keinen Plan B, wie die Welt ohne Internet funktionieren könnte. Vieles, was man derzeit liest, klingt nach Mobilmachung aus vergangenen Jahrhunderten. Aufrüsten müsse man gegen solche digitalen Angriffe, sich mit allen Mitteln wehren, die Feuerkraft erhöhen, Waffen entwickeln.

Wer solchen Appellen folgt, wird sicher den einen oder anderen Angriff besser abwehren. Für Firmen und Regierungsämter ist das kurzfristig überlebenswichtig. Das ändert allerdings nichts daran, dass das sogenannte Internet der Dinge mit seinen vernetzten Haushaltsgeräten, den oft ruppig zusammengeschusterten Protokollen des Internets und den auf Effizienz ausgelegten Firmennetzen angreifbare Bestandteile der digitalen Welt bleiben.

Das Netz der Netze ist fast unzerstörbar

Die digitale Entwicklung kann man nicht zurückdrehen. Man kann sich aber an ihre Anfänge erinnern. Das Internet wurde einst vom Darpa-Forschungsinstitut der amerikanischen Streitkräfte entwickelt. Ein Netzwerk für Kommunikation sollte geschaffen werden, das auch einen Atomkrieg überleben könnte.

Dieses Konzept trägt das Internet noch immer in sich. Streng genommen gibt es "das Internet" gar nicht. Das ist nur der Oberbegriff für eine vernetzte Welt, in der sich jede nur erdenkliche Rechenleistung verbinden lässt, egal ob sie in einem Mainframe Computer oder in einem Toaster steckt. Mit dem linearen Erzählmodell eines Horrorfilms kann man deswegen auch nur einen Einzelangriff abbilden. Auf lange Sicht wird man das Internet wieder als das fast unzerstörbare Netz der Netze betrachten müssen, als das es konzipiert wurde. Selbst wenn ein Knotenpunkt ausfällt, soll das Internet einen Umweg finden, der die Lücke schon bald wieder schließt.

Der Denkfehler, das Internet als Monolith der Monolithen zu betrachten, folgt der verführerischen Logik der Märkte. Die großen Digitalkonzerne würden das Internet gerne in wenige Räume oder sogar in einen einzigen geschlossenen Ort umwandeln, der von ihnen kontrolliert wird. Das aber macht das Netz so angreifbar und die Gefahr des digitalen Kollaps zum ganz realen Horror.

Die reine Verteidigung der eigenen Sicherheit reicht nicht mehr aus

Es gibt schon ein paar Modelle, wie sich das Internet neu konzipieren ließe. In Nairobi hat beispielsweise das Programmier-Kollektiv Ushahidi ein Modem für die Dritte Welt entwickelt, das Strom- und Netzausfälle automatisch überbrückt, indem es in Sekundenschnelle alternative Netz- und Stromquellen aktiviert. Der Wissenschaftshistoriker George Dyson empfiehlt wiederum, die alten Telegrafennetze zu renovieren, um eine Art Schmalstband-Internet zu haben, das bei großflächigen Ausfällen als Notfallsystem dient.

Die Denkansätze ähneln sich, so wie sich etwa Judo und Ultimate Fighting ähneln. Abwehr durch Ausweichen oder durch Gegenangriff? Im Netz ist das Zerstörungspotenzial der Frontalangreifer unverhältnismäßig groß. Deswegen reicht die reine Verteidigung der eigenen Sicherheit nicht mehr aus. Nur wer die ursprünglichen Widerstandskräfte des Internets begreift und weiterdenkt, kann digitale Sicherheit langfristig garantieren.

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SZ vom 03.12.2016/sih
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