Süddeutsche Zeitung

IT-Gipfel in Essen:Wo Geld nicht das Problem ist

Auf dem IT-Gipfel in Essen umschmeicheln Politiker die deutsche Start-up-Szene. Sie versprechen mehr Geld und bessere Gesetze. Doch die wirklichen Sorgen der jungen Gründer, so hören sie, liegen ganz woanders.

Marcus Gerwinn ist so einer, auf den hier alle hoffen: 25 Jahre alt, studierter Wirtschaftsinformatiker, zum weißen Hemd trägt er Jeans und sorgfältig verstrubbeltes Haar. Gerwinn hat ein gutes Gespür dafür, wie selbstbewusst er sein darf, damit man ihn gerade noch für mutig und nicht für arrogant hält. Am Dienstagabend ist er in den Ring gestiegen.

Zehn Start-ups durften da auf Einladung der Politik gegeneinander antreten. Jedes hatte fünf Minuten Zeit. Manche haben sich verhaspelt, manche haben sich in technische Details verloren. Gerwinn hat einen Aktenordner auf den Boden geknallt - und wie zur Begrüßung gesagt: "Das ist mein Papierkram." Dann hat er erklärt, wie er den Leuten das Leben erleichtern will: Belege sammeln, sortieren, suchen. All das hat er gemeinsam mit vier Studienfreunden von der Universität Münster einem Algorithmus beigebracht. Eine App namens Filee, das war Gerwinns Botschaft, soll nun die Nerven aller schonen, die sich mit ihrer Steuererklärung herumschlagen.

Wenn es jemanden gibt, der das Leitmotiv des siebten IT-Gipfels verkörpert, dann ist es Gerwinn: Digitalisieren, vernetzen, gründen - das ist das Motto, zu dem etwa 1000 Vertreter aus Politik und Wirtschaft am Mittwoch in Essen zusammengekommen sind. Das Treffen findet genau dort statt, wo Friedrich Krupp einst die Grundlage für sein Unternehmen legte - und für dessen weltweiten Aufschwung im Zuge der Industrialisierung. Daran erinnert Hannelore Kraft, SPD-Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen und so etwas wie die Hausherrin beim IT-Gipfel. Das, was einst der Stahl war, das sind nun also Apps. Kraft weiß, wie schmerzhaft dieser strukturelle Wandel für all jene ist, die nicht ganz so jung, nicht ganz so smart sind wie Gerwinn.

Branche liefert 150 Milliarden Euro Umsatz

150 Milliarden Euro werden die deutschen IT-Unternehmen mit ihren 980 000 Mitarbeitern in diesem Jahr umsetzen. Das ist im internationalen Vergleich nicht schlecht. Aber es gibt eben auch einige Länder, die, gemessen an ihrer Größe, noch etwas besser sind. Die USA, natürlich. Aber auch Südkorea und Dänemark.

Der IT-Gipfel, er soll auch dazu dienen, etwas besser als diese Länder zu werden. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) kündigt deshalb an, wie er mit Investitionszuschüssen den Gründergeist beleben will. 150 Millionen Euro wird sein Haus in den nächsten vier Jahren privaten Investoren unter der Bedingung gewähren, dass sie sich mindestens drei Jahre lang an einer Neugründung beteiligen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) appellierte zudem an die Länder, im Bundesrat das Gesetz nicht zu blockieren, das solche Start-ups davon befreien soll, Steuern für diesen Streubesitz zu zahlen.

Zehntausende Fachkräfte fehlen

Eine gute Sache? "Es ist Geld da, aber es geht an den Gründern vorbei", sagt Verena Delius, die in Berlin den Spieleentwickler Goodbeans gegründet hat und von sich selbst sagt, dass sie Teil jener neuen Generation von Unternehmern ist, die erst einmal machen, statt nach dem Staat zu rufen.

Wer heute einen Gründerzuschuss bei der staatlichen Förderbank KfW beantrage, sagt sie, müsse auf drei Jahre festlegen, welche Geräte er für die Firma anschafft. Vor drei Jahren aber habe es das iPad noch nicht einmal gegeben. Inzwischen würden auf dem flachen Rechner, der sich per Handstreich bedienen lässt, unzählige ihrer Spiele heruntergeladen, weil das Ding für Kinder so intuitiv zu bedienen sei.

Für viele Gründer, das sagt auch Steffen Poralla von dem Start-up Upcload, das eine virtuelle Kleideranprobe für Bestellungen im Netz anbietet, sei Geld nicht das größte Problem. Das größte Problem für Upcload? "Dass unser Technikchef demnächst in Elternzeit geht. Es ist unheimlich schwer, gute Entwickler zu finden."

Fachkräftemangel tritt alle Unternehmen

Der Mangel an guten Mitarbeitern ist nicht nur ein Problem von Start-ups. Es bremst längst auch die größeren Unternehmen aus. Und die Klagen über den Fachkräftemangel, sie sind auch an diesem Tag in Essen zu hören. Mehr als 40.000 Stellen, so heißt es, sind derzeit in der IT-Branche unbesetzt, weil es an geeigneten Mitarbeitern fehlt. Auch dafür, sagt Rösler, habe die Politik einiges getan. Etwa den Weg für die Blue Card frei zu machen, die den Einsatz von Akademikern innerhalb der EU erleichtern soll. Aber er räumt ein, dass Deutschland bei seiner Willkommenskultur noch einiges nachzuholen habe.

Auch die Unternehmen engagieren sich inzwischen: Der Softwarekonzern SAP hat ein Bündnis gestartet, das junge Menschen für die Anforderungen der Zukunft rüsten will - und dabei ausdrücklich auch auf die Talente in Südeuropa schielt.

"Probleme", sagt Gründer Gerwinn und grinst, "gibt es nicht. Nur knappe Ressourcen. Und die spannende Aufgabe, wie man die so nutzt, dass es doch klappt."

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SZ vom 14.11.2012/pauk
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