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IT-Experte Freiling zur Vorratsdatenspeicherung:"Dann ist Toll Collect eine wunderbare Überwachungsinfrastruktur"

SZ: Sie sind beim "Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung". Was ist Ihr Anliegen?

Freiling: Die Informatik beschäftigt sich zu wenig mit ihren Schattenseiten. Wir wollen die Entwicklungen nicht so unkritisch begleiten, wie die Industrie das häufig macht, die ihre Produkte verkaufen will.

SZ: Wie bewerten Sie die elektronische Gesundheitskarte und Steuererklärung?

Freiling: Bei solch großen Systemen stellt sich immer die Frage, ob man sie genügend absichern kann und welche gesellschaftlichen Nebenwirkungen sie haben. Wir sehen das bei Toll Collect, der Autobahn-Maut. Obwohl im Gesetz stand, dass die gesammelten Daten nicht den Ermittlungsbehörden zugänglich gemacht werden dürfen, stellt man jetzt fest: Über Umwege geht das doch. Mit einer Vignette hätte das nicht passieren können. Man weiß nicht, wie die Technik und ihre Benutzung sich in Zukunft entwickeln. Vielleicht ist später gesellschaftlich anerkannt, was heute noch kritisiert wird. Dann ist Toll Collect eine wunderbare Überwachungsinfrastruktur.

SZ: Sie warnen also davor, all das zu tun, was die Technik inzwischen ermöglicht?

Freiling: Das Datensammeln ist ja der Informatik immanent. Früher hat man die Süddeutsche Zeitung gekauft, ausgewählte Artikel gelesen, den Rest überblättert und dem Altpapier übergeben. Was Sie gelesen haben, blieb privat. Heute klickt man sich online durch die Berichte, und jeder Klick wird registriert. Alles, was Sie tun, kaufen oder kommunizieren, ist nachvollziehbar. Darin liegen Gefahren.

SZ: Dennoch glauben Sie, dass das alles noch beherrschbar ist?

Freiling: Manchmal weiß ich auch nicht mehr, was ich glauben soll. Aber ich bin generell ein Optimist und denke, wenn genügend vernünftige Menschen sich zusammenfinden, kann man die Technik in Bahnen lenken, die nicht in die Katastrophe führen.

SZ: Befinden Sie sich da nicht in ständigem Zwiespalt? Als IT-Experte, Berater für Online-Durchsuchungen und Kritiker?

Freiling: Gute Frage. Als Wissenschaftler will ich verstehen, wie Dinge funktionieren, aber ich will auch verstehen, wie sie auf die Gesellschaft zurückwirken.

© SZ vom 30.12.2011/joku
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