Intershop-Gründer Stephan Schambach:Der erste Onlineshop Europas

Der war weit weg, in Dortmund, 1,50 Mark kostete die Datenverbindung pro Minute. Bis dahin gab es vor allem wissenschaftliche Web-Anwendungen. Schambach kam auf die Idee, das Internet kommerziell zu nutzen. Er holte sich zwei IT-Studenten und programmierte eine Software. Der erste Onlineshop Europas war geboren. Mit Katalog, Suchfunktion, Registrierung, Warenkorb, Check-out - wie bei heutigen Onlineshops. Zu kaufen gab es rund 20 000 Hardware-Produkte: Computer, Monitore, Kabel, Grafikkarten. Ein paar Kunden kamen über Mundpropaganda. Um bekannter zu werden, veranstalteten Schambach und seine Kollegen eine Pressekonferenz. Keiner kam. Erst als sie die dargebotenen Snacks und Getränke selbst verzehrt hatten, rief doch noch ein Journalist an, der gerade sowieso in der Nähe von Jena im Stau steckte. Der erste Zeitungsartikel erschien, die Aufmerksamkeit war groß. Doch Schambach gab bald den Versandhandel ab, um sich auf die Software-Entwicklung zu konzentrieren.

Angebote zur Geldwäsche

Dafür brauchte er Geld. Er schaltete eine Zeitungsanzeige: "Kapitalbeteiligung gesucht". Damit die Jenaer Sparkasse nicht Wind bekam, dass die Gründer pleite waren, lief die Annonce über eine Kanzlei. Von einem "konkurrenzlosen Produkt im Bereich Teleshopping", war darin die Rede. "Wir haben es Teleshopping genannt, weil wir nicht wussten, ob das Internet jemand versteht", sagt Schambach. So kamen sie an sehr viele Angebote zur Geldwäsche. Und an einen Investor, der schrieb: "Ja, wir machen Venture-Kapital." Schambach verstand nicht, was das ist, die beiden Herren im Anzug, die kurz darauf in Jena auftauchten, verstanden das mit dem Onlineshop nicht. "Die haben gefragt: Der Shop, ist der jetzt da in dem Computer drin?", erzählt Schambach lachend. Am Ende bekam Intershop etwa zwei Millionen Mark. Es war die erste Risikokapital-Investition in eine deutsche Softwarefirma. Weitere Investoren kamen hinzu, auch amerikanische, und so zog Schambach ins Silicon Valley und gründete dort eine Niederlassung.

1998 ging Intershop an die Börse, an den Neuen Markt, später auch an die Nasdaq. Die Aktien stiegen und stiegen, Intershop wuchs und wuchs, hatte 1200 Mitarbeiter und einen Börsenwert von elf Milliarden Euro. Schambach wurde als Star gefeiert. Dann platze die Internetblase, die Intershop-Aktie stürzte ab, und Schambach versuchte zu retten, was zu retten war, mit einer neuen Idee: Software als Service, den Onlineshop über Cloud vermieten, statt auf CD verkaufen. "Ich war überzeugt, dass Marken überfordert sind mit dem Eigenbetrieb von E-Commerce." Schließlich verließ er Intershop und gründete 2004 Demandware, diesmal direkt in den USA.

Es gelang ihm wieder etwas Neues, er schuf die erste große Cloudanwendung für E-Commerce. Doch das Vertrauen in den Internethandel war weg. Nur mit Mühe fand Schambach Investoren. Als sich aber das Cloud-System durchsetzte, expandierte Demandware, ein großer Teil der bekannten Modemarken zählte zu den Kunden, der Start an der New Yorker Börse 2012 erinnerte an die frühen Intershop-Zeiten. Als Demandware 2016 für 2,8 Milliarden Dollar vom Software-Konzern Salesforce übernommen wurde, hatte sich Schambach längst neuen Plänen gewidmet - und Newstore gegründet. Die neue Firma konzentriert sich auf E-Commerce über mobile Geräte. Schambach ist überzeugt: "Läden kann man komplett mit Smartphone-Apps betreiben, ohne Kasse, ohne weitere Hardware." Newstore will Online- und Offlineshops verbinden.

Inzwischen akzeptiert es Schambach, Seriengründer genannt zu werden. "Wenn ich überzeugt bin, dass man eine technische Entwicklung anders angehen muss, dann möchte ich mir die Freiheit nehmen, das auch zu tun", sagt er. Alle zehn Jahre sei das doch "irgendwie okay", neu zu gründen. Mit seiner Erfahrung, seinem Kapital und seinem Gespür könnte er sich auch zurückziehen aus dem Geschäft, nur noch ab und zu in vielversprechende Start-ups investieren. Das habe er versucht, sagt Schambach, aber es habe ihm keinen Spaß gemacht. "Ich muss noch selbst gestalten."

© SZ vom 12.11.2018/mri
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