Intershop-Gründer Stephan Schambach:Der Web-Pionier aus dem Osten

Intershop-Gründer Stephan Schambach: Stephan Schambach, 48, ist Seriengründer im Bereich E-Commerce. Mit Intershop wurde er zum Star des Neuen Marktes, heute konzentriert er sich mit dem 2015 gegründeten Start-up Newstore auf mobiles Online-Shopping.

Stephan Schambach, 48, ist Seriengründer im Bereich E-Commerce. Mit Intershop wurde er zum Star des Neuen Marktes, heute konzentriert er sich mit dem 2015 gegründeten Start-up Newstore auf mobiles Online-Shopping.

(Foto: oh)

Stephan Schambach durfte in der DDR nicht studieren. Anfang der 1990er begegnete er dem Erfinder des Webs und gründete den ersten Onlineshop Europas. Die Geschichte eines frühen Internet-Stars.

Von Veronika Wulf

Auf den Namen Stephan Schambach folgt nicht selten ein Superlativ oder ein Kompliment. "Früher Star der ostdeutschen Wirtschaft" und "Web-Pionier" nannten ihn Medien und Moderatoren, "Ikone des E-Commerce" oder einfach nur "Held". Auf der Website seines eigenen Unternehmens steht: "Seit 1992 verändert Stephan Schambach die Welt."

Und dann steht da dieser eher zurückhaltende Mann, Ende vierzig, rotblonde Haare, eckige Brille - und relativiert erst mal, sobald man auch nur beginnt, einen dieser Heldentitel zu nennen. "Das liegt nur daran, dass es in Deutschland nicht so viele erfolgreiche Softwareunternehmer gibt", sagt Schambach im Berliner Büro von Newstore, dem dritten E-Commerce-Unternehmen, das er gegründet hat. "Ich finde es einfach schade, dass es nicht mehr gibt." Natürlich sind die Superlative nicht aus der Luft gegriffen, das weiß auch Schambach. Er ist einer der Erfinder des Onlineshoppings, erfolgreicher Unternehmer, Vorbild für viele Gründer. Sogar den berühmten Samwer-Brüdern, die später Zalando und Rocket Internet gründeten, gab er den entscheidenden Anschub für ihr erstes Start-up.

Bei seiner eigenen ersten Gründung war Schambach 19 Jahre alt. Knapp 30 Jahre und einige Erfolge später wirkt er noch immer jung, neugierig. Die Newstore-Räume in der Nähe des Potsdamer Platzes haben den typischen Start-up-Anstrich: Industrielampen und Korkwände, an die Ideen und Skizzen gepinnt sind. Eine Mitarbeiterin arbeitet am Laptop auf einem Sitzsack, zwei bärtige Männer mit Kapuzenpulli spielen Tischkicker. Schambach steht hinter seinem Schreibtisch, die Tischplatte auf Bauchhöhe. "Ich bin nicht so der Sitztyp", sagt er. Hinter ihm hängt ein silbernes Fahrrad an der Wand, mit dem er zur Arbeit radelt.

Schambach fliegt etwa alle zwei Wochen nach Boston, wo Newstore seinen Hauptsitz hat. "Wir haben bisher knapp 120 Millionen Dollar Kapital in Newstore investiert, das hätten wir hier wahrscheinlich nicht zusammenbekommen." Denn in Europa fehle eine Techbörse nach dem Vorbild der Nasdaq. Schambach wird nicht müde, einen Nachfolger des Neuen Markts zu fordern. Nur die Aussicht auf einen guten Ausstieg bringe Investoren dazu, große Summen zu investieren.

Eltern nicht auf Parteilinie

Von Schambachs Büro ist es nicht weit zu dem Ort, wo früher die Berliner Mauer verlief, ein wichtiger Teil seiner Biografie. Schambach wurde in der DDR geboren, wuchs in Jena auf. Er war ein intelligenter Junge, der an Physik- und Mathe-Olympiaden teilnahm, im Keller des Elternhauses an Verstärkern und Computern bastelte und Anwendungssysteme für einen Uni-Professor baute. Doch Abitur und Studium wurden ihm verwehrt, die Eltern waren nicht auf Parteilinie. Eine Art Fachschulstudium zum "Labortechniker Physik" war das Beste, was er bekommen konnte.

Als die Mauer fiel, brach Schambach das Studium ab und trampte - langhaarig, in Jeans und Cowboystiefeln - durch Franken, von Firma zu Firma, auf der Suche nach Computerteilen. "Ich war ein 19-jähriger Naseweis und sah nicht so vertrauenswürdig aus", erinnert er sich. Doch irgendwann klappte es. Er gründete sein erstes Unternehmen: die Hard und Soft Stanja KG, die Computer verkaufte und Software für Kunden programmierte. Doch das wurde ihm bald zu langweilig. "Ich wollte was entwickeln und nicht nur die Computer von anderen verkaufen", sagt er.

1992 gründete er die Softwarefirma, die später Intershop Communications hieß - eine Anspielung auf die DDR-Läden, die Westwaren verkauften. Die Produktidee: eine Texterkennungssoftware. Das ging zwei Jahre gut, dann war der Kredit über eine halbe Million bei der Jenaer Sparkasse mit 17 Prozent Zinsen aufgebraucht. Eine neue Idee musste her.

Auf einer Messe traf Schambach einen Doktoranden, der eine Diskette mit einer selbst entwickelten Software verteilte. "Ich dachte: Was ist das für ein Typ? Soll mich in Ruhe lassen", sagt Schambach. Die Diskette nahm er trotzdem, aus Neugier. Eine gute Entscheidung: Der Doktorand war Tim Berners-Lee und auf der Diskette war das World Wide Web, kurz WWW, jenes Hypertext-System, das das Internet erst populär machte. "Wir haben damit einfach rumgespielt, weil es super interessant war", sagt Schambach. Seine Firma hatte eine ISDN-Leitung zum nächsten Einwahlknoten.

Der erste Onlineshop Europas

Der war weit weg, in Dortmund, 1,50 Mark kostete die Datenverbindung pro Minute. Bis dahin gab es vor allem wissenschaftliche Web-Anwendungen. Schambach kam auf die Idee, das Internet kommerziell zu nutzen. Er holte sich zwei IT-Studenten und programmierte eine Software. Der erste Onlineshop Europas war geboren. Mit Katalog, Suchfunktion, Registrierung, Warenkorb, Check-out - wie bei heutigen Onlineshops. Zu kaufen gab es rund 20 000 Hardware-Produkte: Computer, Monitore, Kabel, Grafikkarten. Ein paar Kunden kamen über Mundpropaganda. Um bekannter zu werden, veranstalteten Schambach und seine Kollegen eine Pressekonferenz. Keiner kam. Erst als sie die dargebotenen Snacks und Getränke selbst verzehrt hatten, rief doch noch ein Journalist an, der gerade sowieso in der Nähe von Jena im Stau steckte. Der erste Zeitungsartikel erschien, die Aufmerksamkeit war groß. Doch Schambach gab bald den Versandhandel ab, um sich auf die Software-Entwicklung zu konzentrieren.

Angebote zur Geldwäsche

Dafür brauchte er Geld. Er schaltete eine Zeitungsanzeige: "Kapitalbeteiligung gesucht". Damit die Jenaer Sparkasse nicht Wind bekam, dass die Gründer pleite waren, lief die Annonce über eine Kanzlei. Von einem "konkurrenzlosen Produkt im Bereich Teleshopping", war darin die Rede. "Wir haben es Teleshopping genannt, weil wir nicht wussten, ob das Internet jemand versteht", sagt Schambach. So kamen sie an sehr viele Angebote zur Geldwäsche. Und an einen Investor, der schrieb: "Ja, wir machen Venture-Kapital." Schambach verstand nicht, was das ist, die beiden Herren im Anzug, die kurz darauf in Jena auftauchten, verstanden das mit dem Onlineshop nicht. "Die haben gefragt: Der Shop, ist der jetzt da in dem Computer drin?", erzählt Schambach lachend. Am Ende bekam Intershop etwa zwei Millionen Mark. Es war die erste Risikokapital-Investition in eine deutsche Softwarefirma. Weitere Investoren kamen hinzu, auch amerikanische, und so zog Schambach ins Silicon Valley und gründete dort eine Niederlassung.

1998 ging Intershop an die Börse, an den Neuen Markt, später auch an die Nasdaq. Die Aktien stiegen und stiegen, Intershop wuchs und wuchs, hatte 1200 Mitarbeiter und einen Börsenwert von elf Milliarden Euro. Schambach wurde als Star gefeiert. Dann platze die Internetblase, die Intershop-Aktie stürzte ab, und Schambach versuchte zu retten, was zu retten war, mit einer neuen Idee: Software als Service, den Onlineshop über Cloud vermieten, statt auf CD verkaufen. "Ich war überzeugt, dass Marken überfordert sind mit dem Eigenbetrieb von E-Commerce." Schließlich verließ er Intershop und gründete 2004 Demandware, diesmal direkt in den USA.

Es gelang ihm wieder etwas Neues, er schuf die erste große Cloudanwendung für E-Commerce. Doch das Vertrauen in den Internethandel war weg. Nur mit Mühe fand Schambach Investoren. Als sich aber das Cloud-System durchsetzte, expandierte Demandware, ein großer Teil der bekannten Modemarken zählte zu den Kunden, der Start an der New Yorker Börse 2012 erinnerte an die frühen Intershop-Zeiten. Als Demandware 2016 für 2,8 Milliarden Dollar vom Software-Konzern Salesforce übernommen wurde, hatte sich Schambach längst neuen Plänen gewidmet - und Newstore gegründet. Die neue Firma konzentriert sich auf E-Commerce über mobile Geräte. Schambach ist überzeugt: "Läden kann man komplett mit Smartphone-Apps betreiben, ohne Kasse, ohne weitere Hardware." Newstore will Online- und Offlineshops verbinden.

Inzwischen akzeptiert es Schambach, Seriengründer genannt zu werden. "Wenn ich überzeugt bin, dass man eine technische Entwicklung anders angehen muss, dann möchte ich mir die Freiheit nehmen, das auch zu tun", sagt er. Alle zehn Jahre sei das doch "irgendwie okay", neu zu gründen. Mit seiner Erfahrung, seinem Kapital und seinem Gespür könnte er sich auch zurückziehen aus dem Geschäft, nur noch ab und zu in vielversprechende Start-ups investieren. Das habe er versucht, sagt Schambach, aber es habe ihm keinen Spaß gemacht. "Ich muss noch selbst gestalten."

© SZ vom 12.11.2018/mri
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