Süddeutsche Zeitung

Internetplattform Wikileaks:Die Verräter

Mehrere Monate haben die Wikileaks-Macher daran gearbeitet, das brisante Irak-Video an die Öffentlichkeit zu bringen - nun kündigen sie an, interne E-Mails einer deutschen Partei ins Netz zu stellen.

Daniel Schmitt klingt gestresst: Gerade hat er ein Radio-Interview gegeben, das Telefonat mit der österreichischen Zeitung Standard hat er nach hinten verlegt, dazwischen muss er noch einen Termin mit dem Fernsehsender CNN koordinieren. Das Video, auf dem zu sehen ist, wie US-Soldaten auf Zivilisten schießen, hat die Enthüllungsseite Wikileaks weltweit in die Schlagzeilen gebracht - und das Telefon des Informatikers steht seither nicht mehr still.

Schmitt, der in Wirklichkeit anders heißt und seinen Beruf für Wikileaks aufgegeben hat, ist im Moment ein begehrter Gesprächspartner: Neben dem australischen Journalisten Julian Assange ist der Deutsche der einzige Verantwortliche der Seite, der öffentlich in Erscheinung tritt.

Das Portal, das die Geheimnisse der Mächtigen an die Öffentlichkeit zerrt, ist selbst auf Verschwiegenheit aufgebaut: Fünf ehrenamtliche Mitarbeiter und 800 bis 1000 Freiwillige, vom Informatiker bis zum Journalisten, helfen mit, dass brisante Dokumente an die Öffentlichkeit gelangen - von den geheimen Richtlinien für das US-Gefangenenlager Guantánamo über umstrittene E-Mails von Klimawissenschaftlern bis hin zu internen Dokumenten der isländischen Kaupthing-Bank, aus denen hervorgeht, dass das Institut ihren Eignern noch kurz vor der Bankenkrise unbesicherte Milliardenkredite gab.

Wikileaks hat sich dadurch nicht nur Freunde gemacht: In einem Bericht des US-Militärgeheimdienstes aus dem Jahr 2008 wird die Seite als "potentielle Bedrohung der Sicherheit der Streitkräfte" bezeichnet, werden Maßnahmen zur Sabotage der Seite diskutiert. Verschiedene Unternehmen haben versucht, die Seite auf dem Gerichtsweg vom Netz zu nehmen und sind dabei letztlich gescheitert. Alles gute Argumente, sagt Schmitt, um die Namen von Mitarbeitern und Helfern nicht an die große Glocke zu hängen.

"Ein enorm mächtiges Instrument"

Chinesische Dissidenten, Mathematiker und Techniker aus verschiedenen Ländern der Welt gründeten im Dezember 2006 die Plattform, heißt es auf der Seite. Als die ersten Dokumente veröffentlicht wurden, herrschte großes Misstrauen: Gerüchte, Wikileaks sei ein CIA-Projekt machten die Runde, Nutzer und Medien zweifelten die Echtheit der Informationen an.

Vier Jahre später ist die Seite längst als seriöse Quelle anerkannt: "Wir prüfen die Dokumente sowohl technisch, als auch inhaltlich", sagt Schmitt - neben forensischen Aspekten werden auch Inhalt, Kontext und die mögliche Motivation einer Veröffentlichung hinterfragt. Bislang konnten so nur weniger als ein halbes Dutzend falscher Dokumente auf die Wikileaks-Seite gelangen. So findet sich beispielsweise ein gefälschter Aids-Test von Apple-Chef Steve Jobs auf der Seite, der jedoch durch Kommentare als solcher gekennzeichnet ist.

Wie wichtig Wikileaks geworden ist, wird inzwischen auch in etablierten Medien erkannt. Die Möglichkeit, anonym auf der Seite brisantes Material hochzuladen, sei "ein enorm mächtiges Instrument" erklärte jüngst Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger, das weltweit "den Journalismus verändern" werde.

Die Veränderung des Journalismus wäre dem Australier Assange, der als Kopf des Portals gilt und bereits vor Jahrzehnten als Hacker aktiv war, wahrscheinlich zu wenig: Er argumentiert, dass die Veröffentlichung von Geheiminformationen "positive Reformen bewirken" könnten.

Idealismus mit Haken

Doch so idealistisch die Motivation sein mag, einige Methoden der Wikileaks-Verantwortlichen sind durchaus umstritten: Assanges Prinzip "In doubt we publish" führte dazu, dass unter anderem private E-Mails der US-Politikerin Sarah Palin oder die Mitgliederliste der rechtsextremen British National Party, inklusive Name, Adresse, Beruf und Alter den Weg auf die Seite fanden.

Die Grenze zwischen öffentlichem Interesse und Schutz der Privatsphäre seien hier überschritten worden, argumentieren Kritiker. "Das ist sehr schwierig", räumt auch Schmitt ein, "aber wenn wir einmal einen Teil der Dokumente zurückhalten würden, würde unsere Schwelle sinken, noch mehr zu zensieren."

Die größten Fallstricke sind derzeit jedoch nicht rechtlicher, sondern finanzieller Natur: 200.000 Dollar pro Jahr kosten Server und Verwaltung von Wikileaks, 400.000 Dollar würden nach Schmitts Angaben dazukommen, um die Seite zu professionalisieren und die bislang ehrenamtliche Arbeit zu bezahlen. Die Kosten für das Irak-Video beispielsweise veranschlagt Schmitt auf 50.000 Dollar - es dauerte mehrere Monate, es zu entschlüsseln, technische Verbesserungen vorzunehmen und mit Augenzeugen zu reden, um den Hergang zu rekonstruieren.

Ein neues Video kommt

Ende des vergangenen Jahres ging die Seite deshalb vom Netz - ein Weckruf, der fruchtete: Zwar sind viele Unterseiten weiterhin nicht erreichbar, doch sind inzwischen nach Schmitts Angaben umgerechnet etwa 465.000 Dollar an Spenden eingegangen, der Weiterbetrieb scheint gesichert. Zudem berät das isländische Parlament gerade darüber, das Land zu einem "sicheren Hafen" für Enthüllungsseiten zu machen und den Rechtschutz für solche Portale zu verbessern. Um seine Informanten zu schützen, agiert Wikileaks bereits von Servern in verschiedenen Ländern, zum Beispiel Schweden, wo der Quellenschutz Verfassungsrang hat.

Schlagzeilenträchtiger als die Lösung der Organisationsprobleme werden jedoch die anstehenden Enthüllungen sein: So kündigt Schmitt an, dass Wikileaks in den nächsten Wochen ein Video aus Afghanistan veröffentlichen werde, dessen Inhalt dem des Irak-Videos ähnele. Auch bei der rechtsextremen NPD dürfte man derzeit unruhig schlafen: In den nächsten Wochen sollen 37.000 E-Mails der Partei online gehen.

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