Internet Warum Tausende einem alten Mann beim Schlafen zusehen

Bob Pagani streamt seinen Schlaf auf Periscope, und Tausende Nutzer schauen zu.

(Foto: Screenshot / Periscope)
  • Die Stimmung im Netz ist "unausgeglichen, streitsüchtig und dauerpampig".
  • Wer digitale Entspannungstherapie sucht, kann Bob Pagani beim Schlafen zusehen oder fallende Domisteine in Endlosschleife beobachten.
  • Die beinahe meditative Kraft des Alltäglichen bildet den Gegenpol zur Dauerempörung im Netz.
Von Michael Moorstedt

Jeden Abend versammeln sich ein paar Tausend Menschen online, um Bob Pagani beim Schlafen zuzusehen. Man hört ihn schnarchen, im Hintergrund spielt ruhige Musik, ab und zu schreckt er aus seinem Schlummer auf und murmelt einige Worte in die Webcam, das ist für das Publikum immer ein besonderes Highlight.

Warum das wichtig ist? Aus Gründen der Entschleunigung. Das Internet bräuchte dringend einmal Urlaub, befand vergangene Woche ein schlauer Kommentator im Bayerischen Rundfunk. Die Stimmung im Netz sei "unausgeglichen, streitsüchtig und dauerpampig". Selten sei es so kratzbürstig wie zuletzt zugegangen.

Der Kommentator bezog sich auf hasserfüllte Hashtags und toxische Tweets und sinnierte über eine einfachere Zeit, in der das Internet schlichtweg dazu benutzt wurde, um Urheberrechte zu verletzen. Es brauche mal wieder mehr Mut, Dinge gleichgültig zu finden - und nach einem kurzen Blick in den eigenen Social-Media-Feed kann man nur noch uneingeschränkt zustimmen. Wenn schon nicht Urlaub, dann könnte man dem Netz doch wenigstens ein bisschen Entspannungstherapie verordnen.

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Es gibt sie noch, die guten Dinge, auch im Internet. Man findet sie nur nicht bei all den Expertengesprächen und Twitter-Threads, sondern dort, wo man mal keine Metaebene vermuten muss. So wie etwa Bob Paganis Schlaf-Liveschalten. Keine Aktivität scheint banal genug zu sein, um sie nicht online zu versenden. Vielleicht ist es genau das, was dem Internet und den Menschen, die sich darin bewegen, abhanden gekommen ist. Die Lust an der sinnbefreiten Kontemplation. Die beinahe meditative Kraft des Alltäglichen.

Da gibt es Videos auf Youtube, in denen nichts anderes zu sehen ist als verschmierte Farbpaletten. Und noch mehr Filmaufnahmen von fallenden Dominosteinen in Endlosschleife. Unter dem Stichwort Mukbang etwa sieht man auf der Streamingplattform Twitch, wie Menschen enorme Mengen an Nahrung in sich hineinstopfen. All die erwähnten Formate haben Hunderttausende Fans. Die Grenzen zwischen Ablenkung und Fetisch verschwimmen.

"Ich habe keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin"

Doch wenn man mal wieder einer Hydraulikpresse dabei zugesehen hat, wie sie eine Barbie-Puppe zermalmt, wenn mal wieder eine Baumwurzel auf der Drehbank zu einer Vase geraspelt wird und das Geschehen auf dem sonst so hocherhitzten Bildschirm gerinnt wie das Wachs in einer Lavalampe, merkt man, woran sich das Hypermedium von heute orientiert. Nämlich an einer Zeit, als man spätnachts im gänzlich analogen TV sehr langen Bahnfahrten und Lagerfeuern beiwohnen konnte.

Es gibt noch keinen schmissigen Begriff für diesen Daseinszustand und niemand versucht, ihn zu vermarkten. Er befindet sich irgendwo im Zwischenreich von Trend und Spleen. Die Website moodica.com immerhin versucht sich darin, das gemütliche Geschehen nach Gefühlslagen zu sortieren. Unter Begriffen wie Beschleunigung oder Hunger lässt sich nach entsprechenden Aufnahmen suchen. Die Kommentare zu den Videos klingen so: "Es ist 2 Uhr morgens und ich habe keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin. Aber ich finde es großartig."

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