Internet-Währung Bitcoin:Misstrauensvotum gegen das internationale Finanzsystem

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Der Boom der Bitcoins ist ein Misstrauensvotum gegen das internationale Finanzsystem. Das Vertrauen in Leitwährungen wie Dollar, Yen und Euro schwindet. Seit die Zentralbanken in Japan und den USA der lahmenden Konjunktur mit der Notenpresse auf die Sprünge helfen wollen, wächst weltweit die Sorge vor Vermögensverlusten. Zwar sind die befürchteten Preissteigerungen bisher ebenso ausgeblieben wie das immer wieder prophezeite Auseinanderbrechen des Euro. Doch die Angst schafft sich eine eigene Realität: In Zeiten der Geldflut und der Euro-Krise sind Bitcoins zu einer Art Fluchtwährung geworden. Eine Schöpfung der Technik und deshalb von niemandem zu manipulieren, sagen die Verfechter. Eine Spinnerei und deshalb von niemandem zu kontrollieren, entgegnen die Skeptiker.

Anders als Dollar, Yen und Euro können Bitcoins nicht gedruckt werden. Ihr Angebot ist durch den Softwarecode begrenzt, der sie geschaffen hat. Die Produktion wird automatisch bei 21 Millionen Bitcoins eingestellt. Entstanden sind bislang etwa halb so viele. Diese gezielte Verknappung der Geldmenge ist vom früheren Goldstandard inspiriert. Sie soll vor Inflation schützen. Doch es gibt auch eine technische Grenze: Je mehr Bitcoins im Umlauf sind, desto komplexer ist der Code, der eine virtuelle Münze von der anderen unterscheidet. Und desto mehr Rechner muss man am Laufen halten, um die digitalen Münzen zu schürfen - und das frisst Strom.

Derzeit reicht ein Windrad, das rund um die Uhr rotiert, um den Strom für die weltweite Produktion der Bitcoins abzusichern. Bei Schmelkus fallen jährlich etwa 500 bis 600 Euro für den Betrieb seines digitalen Bergbaus an. Für ihn lohne sich das trotzdem, sagt er. Denn die Prozessoren, die Rechenherzen in seinem Computer, werden immer effizienter.

Kursanstieg lockt Spekulanten

Der kometenhafte Kursanstieg der Bitcoins lockt auch Spekulanten an. Es gibt sogar schon einen Hedgefonds, der mit Bitcoins handelt und in Bitcoins gehandelt wird. Die maltesische Anlagefirma Exante vermarktet ihn als "Investment in die Ökonomie der nächsten Generation". Den Fonds gibt es seit drei Monaten, der bisherige Wertzuwachs: sagenhafte 1000 Prozent. Fondsmanager Gatis Elgitis hat einen günstigen Zeitpunkt gewählt, um den Bitcoinmarkt zu erschließen. Dennoch sagt er: "Es geht uns weniger ums Geschäft als um mediale Aufmerksamkeit." Investmentprofis wissen: Der Markt der Bitcoins ist zu klein, um dauerhaft zur Alternative zu klassischen Währungen zu werden.

Aber dieser Markt ist groß genug, um ins Visier von Hackern zu geraten. Am vergangenen Wochenende etwa kaperten Kriminelle die Computer ahnungsloser Menschen und installierten dort Schadsoftware, mit der Bitcoins produziert werden können. Als Einfalltor diente ihnen der Internettelefondienst Skype. Attacken aus dem Cyberspace hatten zuvor schon den Dienst Instawallet in die Knie gezwungen, eine Art digitale Sparkasse, die Bitcoins verwahren soll. Und ein Hackerangriff könnte auch der Grund dafür sein, dass der Kurs am Mittwoch vom Rekordhoch bei 266 Dollar binnen weniger Stunden auf 105 Dollar abstürzte. Genau weiß das niemand. Wenn eine Blase platzt, ist nur eines gewiss: der Schaden.

Bei Mt. Gox beeilte man sich am Mittwoch jedenfalls, den Eindruck zu zerstreuen, man sei Opfer eines Angriffs geworden. Das Unternehmen mit Sitz in Tokio ist so etwas wie eine Wechselstube der Bitcoins mit angeschlossenem Geldspeicher. Fast 80 Prozent der digitalen Münzen werden über die Plattform gehandelt. Die Transaktionen können rund um die Uhr aus jeder Ecke der Welt abgewickelt werden. Ein paar Klicks genügen.

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