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Internet-Überwachung:Eine Liste paranoider Angst

Diese Liste lässt sich auf den ersten Blick nur als Ausdruck paranoider Angst verstehen. Denn die mutmaßliche Sprache und Schlüsselreize des Terrors und der Gefährdung beinhaltet vor allem Allerweltsvokabeln. Erwartbar ist vielleicht noch, dass DHS-Agenten bei "Cyberattacke", "Hacker", "Selbstmordattentäter", "Terror", "Bombe", "Taliban", "Nuklear" und "Chemische Waffe" hellhörig werden sollen.

Dass aber Begriffe wie "U-Bahn", "krank", "elektrisch", "Schwein", "Schnee", "Blitz", "Heilung", "Grenze", "Welle", "Wolke", "Symptome", "Grippe", "Antwort", "Telekommunikation", "Rotes Kreuz", die Nennung Mexikos, der Stadt Tuscon in Arizona und jede Erwähnung des DHS schon als Anzeichen von (menschengemachter) Katastrophe und/oder Terrorismus hindeuten soll, vermag nicht einzuleuchten.

Normale Sprachverwendung

Das, was hier als Ausdruck von Gefährdung geführt wird, ist normale Sprachverwendung, der nur dann Verdächtigkeit zuzuschreiben wäre, wenn man schlichtweg alles für verdächtig hielte. Dann aber wäre nahezu jeder sprachliche Ausdruck Indiz für Terror, und jedes Soziale Netz müsste wie ein Trainingscamp der Taliban betrachtet werden.

Denn auch wenn Terroristen den Begriff "Grippe" ab und an gebrauchen könnten, sagt die Verwendung von "Grippe" zunächst einmal nichts über Terrorismus aus. Wenn aber jede "Grippe"-Nennung von Bedeutung für das DHS ist und nach seiner internen Logik eine Observierung nötig macht, wie will das Department dann die Abermillionen Postings auch nur sichten, in denen eines seiner verdächtigen Wörter verwandt wird?

Dieser Begriffsfuror des DHS erinnert darum an eine Episode von Jorge Luis Borges. In der Kurzgeschichte "Von der Strenge der Wissenschaft" beschreibt er das Reich mit der einzig vollkommenen Karte. Sie hatte nämlich "genau die Größe des Reiches und deckte sich mit ihm in jedem Punkt." Eine Karte also im Maßstab 1:1. So mutet die Wörterliste aus dem Giftschrank der DHS an, welche die Verwendung von Sprache generell unter Verdacht zu stellen scheint und entsprechend observieren will. Wie könnte das möglich sein?

Instrumentarium zur Erhebung und Auslese von Big Data

Die Liste des DHS deutet daraufhin, dass nicht ein einzelnes Instrument zur Aufzeichnung von Verdachtsmomenten im Kampf gegen Terror und Katastrophen eingesetzt wird, sondern ein gestaffeltes, ineinander greifendes Instrumentarium zur Erhebung und Auslese von Big Data Verwendung finden muss.

Erst die Profilierung der Daten unter Einsatz smarter Algorithmen macht es möglich, aus vielen Datensätzen unterschiedlicher Provenienz Muster zu erkennen. So scheint die Veröffentlichung der Schlüsselbegriffe des DHS nun zu belegen, dass US-Sicherheitsbehörden unterschiedliche Daten-Pools errichten, deren kluge Verknüpfung erst konkretere Hinweise möglich macht. Denn anders als Hinweisverstärker zur Verdachtsfindung machen die Suchbegriffe des DHS keinen Sinn.