Internet-Pionier Johnson im Gespräch:"Wir erleben eine neue Form der Ignoranz"

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Plädoyer für einen bewussteren Umgang mit Informationen: Clay Johnson, einst einer der Strategen hinter Obamas Online-Wahlkampf, widmet sich in seinem neuen Buch den Folgen unseres übermäßigen und unreflektierten Konsums von Informationen. Ein Gespräch über eine Welt, in der die Bestätigung unserer privaten Ideologien nur eine Google-Suche entfernt ist.

Johannes Kuhn

Clay Johnson ist ein Pionier digitaler Politikstrategien. Er war 2004 Howard Deans Chefprogrammierer und konzipierte damit einen der ersten Online-Wahlkämpfe der Geschichte mit. Seine Firma Blue State Digital betreute 2008 auch den Internet-Wahlkampf von Barack Obama. In seinem Buch "The Information Diet" fordert er nun einen bewussteren Umgang mit den Informationen, die wir täglich konsumieren.

Clay Johnson

Aktivist und Autor Clay Johnson: "Der Konsum von Informationen hat physische Auswirkungen auf unser Gehirn."

(Foto: Jake Crewer, CC BY 2.0)

SZ: Sie vergleichen in Ihrem Buch die Aufnahme von Informationen mit der von Nahrung und attestieren uns, in dieser Beziehung eine Fast-Food-Gesellschaft zu sein. Von Informationen wird man aber weder dick, noch erhöhen sie den Cholesterinspiegel.

Clay Johnson: Es fühlt sich nicht so an, als ob Sie dick werden würden, doch der Konsum von Informationen hat physische Auswirkungen auf Ihr Gehirn. Londoner Taxifahrer dürfen beispielsweise kein GPS verwenden. Bei neurologischen Untersuchungen hat man festgestellt, dass ihr Hippocampus größer als der eines Durchschnittsmenschen ist - weil sie den Teil des Gehirns trainieren, der für Navigation zuständig ist. Aber Neuroplastizität funktioniert auch im negativen Sinne.

SZ: Wie soll man das verstehen?

Johnson: Die Folgen einer schlechten Informationsdiät äußern sich nicht im Cholesterinspiegel, sondern in kognitiven Effekten wie Anspannung, Stress, Gedächtnisverlust - oder in der Praxis in Ignoranz. Genauso wie wir bestimmte Nahrungsmittel wie Fett, Salz, Zucker lieben, so reagieren wir auch auf bestimmte Informationsreize positiv. Zustimmung beispielsweise. Menschen gewöhnen sich an salziges Fastfood, aber auch an Informationen, die sie in ihrem Glauben bestätigen.

SZ: Wie kann Informationsüberflutung zu Ignoranz führen?

Johnson: Was wir erleben, ist eine neue Form der Ignoranz. Vor 100 Jahren war sie dem Informationsmangel geschuldet, heute einer Maßlosigkeit. Es gibt so viele Informationsquellen, in denen wir das finden können, was wir möchten. Die Erde ist flach? Auf Seite flatearthsociety.org findet man die Bestätigung.

SZ: Das hört sich nach der gleichen Furcht vor Informationsüberflutung an, die der Internetkritiker Nicholas Carr vor einiger Zeit beschrieb.

Johnson: Nicholas Carr macht die Technologie, das Internet verantwortlich. Aber das Internet kann unsere Gehirne nicht umformen, die Entscheidung liegt bei uns. Es gibt Hunderttausende Nahrungsmittel da draußen, aber dennoch müssen wir nicht essen, bis wir Magenprobleme bekommen. Bei Nicholas Carr heißt die Lösung, die Technik stärker zu regulieren. Das ist so, als würde ich abnehmen, wenn ich die Kühlschrankregale neu sortiere.

SZ: Das Internet ist also nicht das Problem?

Johnson: Ein Blick in die Geschichte von Informationsverbreitung und Propaganda zeigt, dass die Frage nicht einmal ein modernes Problem beschreibt - alleine das 20. Jahrhundert war voller Desinformation. In den USA aber stellen wir gerade fest, dass es ein sehr akutes ist: Fox News berichtet das, was die Rechten hören möchten; MSNBC das, was den Linken gefällt. Bei den politischen Blogs ist es ähnlich. Das hat eine Wählerschaft geschaffen, die in getrennten Realitäten existiert, was es schwer für die Zentristen macht, Lösungen zu finden. Und die besten Lösungen in Washington kommen nun einmal aus der Mitte.

SZ: In Ihrem Buch vergleichen Sie die Medien mit den Nahrungsmittelkonzernen - wann wurden die Medien zu "Inhaltsfabriken"?

Johnson: Medien sind profitorientierte Unternehmen. Als Ende des 20. Jahrhunderts Informationen für den Konsumenten immer preiswerter wurden, merkten sie, dass Unterhaltung mehr Aufmerksamkeit als Information bringt. Sie gaben den Menschen, was diese wollten - die Suchmaschinenoptimierung von Nachrichtenseiten ist ja nichts anderes. Ich glaube nicht an eine Verschwörung mit dem Ziel der Volksverdummung: Wenn die Nahrungsmittelindustrie fette, überzuckerte oder salzige Produkte anbietet, will sie die Menschen nicht krank machen. Es handelt sich um eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Hersteller und Verbraucher. Konsumenten mögen offensichtlich Dinge, die ihnen kurzfristig ein gutes Gefühl verschaffen, langfristig aber schaden.

SZ: Wie lassen sich gute und schlechte Informationen unterscheiden?

Johnson: Oft hilft unser Instinkt bei der Einschätzung. Wenn ich während der Nachrichten nur mit dem Kopf nicke, bin ich nicht gut informiert. Wenn ich auf Gegenmeinungen stets feindselig und aggressiv reagiere, bin ich wahrscheinlich schlecht informiert. Wenn ich merke, dass mein Informationskonsum sich negativ auf Erholung, Gedächtnisleistung und Konzentration auswirkt, wird es Zeit, sich Gedanken zu machen.

SZ: Das hört sich zunächst simpel an.

Johnson: Ist es in der Theorie, praktisch erfordert das aber eine neue Definition von Bildung. Wenn sich unsere Gesellschaft im Informationszeitalter weiterentwickeln soll, bedeutet Alphabetisierung nicht nur Lesen und Schreiben, sondern auch die Fähigkeit zur bewussten Informationsverarbeitung. Wer in 50 Jahren die Welt der digital vernetzten Computer nicht versteht und sich in ihr orientieren kann, wird als Analphabet gelten. Ich sehe die Gefahr, dass wir weite Teile der Gesellschaft zurücklassen, wenn wir das nicht als grundsätzlichen Bildungsauftrag identifizieren.

SZ: Was ist zu tun?

Johnson: Wenn wir glauben, wir könnten alleine mit Etiketten und Nährwertangaben Menschen zu gesunder Ernährung bringen, täuschen wir uns. Wir müssen ihnen dabei helfen, gesunde Entscheidungen zu treffen - auch bei der Informationsaufnahme. Deshalb ist die Frage der Internet-Alphabetisierung wichtiger als irgendwelche Regulierungen oder eine größere Rolle des Staates.

SZ: Brauchen wir also etwas wie digitale Bio-Konsumenten oder Locavores?

Johnson: Lokale Informationen sind tatsächlich zentral. Es gibt etwas, das ich sozio-lokale Nachrichten nenne: Das bedeutet, den Menschen zuzuhören, die für den Einzelnen am wichtigsten sind, der Familie, Freunden. Zugleich sollten wir uns wieder mehr dafür interessieren, was in unserer Nachbarschaft, unserer Stadt passiert. Das vergessen wir häufig, weil wir nur auf die große Politik blicken.

SZ: Sind soziale Medien dabei Hilfe oder Ablenkung?

Johnson: Bei bewusstem Konsum geht es nicht darum, Twitter und Facebook zu vermeiden, im Gegenteil: Diese Dienste sind äußerst wichtig, weil sie es uns auch ermöglichen, mit Menschen zu kommunizieren, denen wir trauen und denen es nicht um Skandalisierungen und Verzerrung von Fakten geht.

SZ: Wie können sich Institutionen ein solches Vertrauen erarbeiten?

Johnson: Wir haben unglaubliche Werkzeuge zur Verarbeitung von Informationen entwickelt, die Politik muss sie nun anwenden. Lokale Behörden sollten ihren Bürgern nützliche Daten zur Verfügung stellen, um ihnen Alltagsentscheidungen zu erleichtern. An welcher Straßenecke werden in meinem Ort die meisten Verbrechen verübt? Wo sind die Parkplätze am teuersten, wo ist die Luftverschmutzung am höchsten? Im digitalen Zeitalter müssen Bürger Zugang zu solchen Informationen bekommen. Die Parlamente müssen Methoden entwickeln, ihren Bürgern besser zuzuhören und Transparenz zu schaffen, damit unsere Demokratie wieder skalierbar wird. Ein zentraler Faktor der politischen Krise ist doch, dass das Moore'sche Gesetz von der kontinuierlich wachsenden Rechenleistung für die Gesellschaft gilt, nicht aber für die Politik.

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