Internet-Debatte Das Netz, ein Tal vertrauter Fremder

Alte Unterscheidungsweisen haben ausgedient: Der digitale Graben verläuft nicht mehr zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Nutzern und Konsumenten.

Von Dirk von Gehlen

Man kann Wolfgang Grupp keinen Vorwurf machen. Der Chef des Sportartikelherstellers Trigema hält nicht viel vom Internet, und als man ihn danach fragte, sagte er das auch.

Vertraut und doch so fremd: Das Internet verwischt die gelernte Unterscheidung zwischen Anonymität und Prominenz.

(Foto: iStock)

Dass seine Meinung, bei Twitter äußerten sich nur Idioten - einmal im Netz publiziert - von den so Beschriebenen gelesen, verlinkt und kommentiert würde, war für den Mann, der seine Ansichten sonst gerne in Fernsehsendungen kundtut, nicht vorstellbar.

Da es dann aber genau so kam, und das nicht gut war fürs Image von Trigema, mussten Grupps Öffentlichkeitsarbeiter wenig später verbreiten, seine Aussagen seien gar nicht so gemeint gewesen. Gesagt hatte er: "Ich bin der Meinung, dass die Welt besser wäre, wenn es das Internet nicht gäbe."

Der öffentliche Diskurs hat diese Meinung überholt. Spätestens seit die Bundesregierung seit Anfang des Jahres auf das Internet und einige der prominenteren Nutzer zugeht, beginnen selbst ausgewiesene Technikfeinde ihr Unwohlsein mit dem Medium mit der Kompromissfloskel "Ich habe ja nichts gegen das Internet, aber...".

Der digitale Graben scheint sich zu schließen

In einer Zeit, in der eine Enquete-Kommission mit dem Titel "Internet und digitale Gesellschaft" eingesetzt wird, erscheint das offene Schimpfen aufs Web überholt. Die Politik, schrieb die Netzaktivisten Constanze Kurz vom Chaos Computer Club (CCC) unlängst in der FAZ, blase mittlerweile "zum großen Halali auf die sagenumwobene Netzgemeinde".

In den meisten Fällen basiert diese Entwicklung weniger auf der Einsicht in die Unumkehrbarkeit der Digitalisierung als lediglich auf der Beobachtung, dass der Alltag vieler Menschen einfach nicht mehr zusammengeht mit der feindseligen Ablehnung des Internet.

Doch das Zugehen aufs Digitale führt zu einer interessanten Veränderung: Der digitale Graben, von dem in den vergangenen Jahren immer wieder die Rede war, scheint sich zu schließen. Wenn alle online sind, verwischt der Unterschied zwischen den Ureinwohnern und den Zugereisten des Netzes, den sogenannten digital natives und den digital immigrants.

Väter organisieren ihre Freizeit mittlerweile ebenso über Facebook-Termine wie ihre Söhne, Kegelclubs verbreiten Ausflugsfotos genauso über Flickr wie Schulklassen, und auch die 140-Zeichen-Statusmeldungen bei Twitter gibt es inzwischen aus allen Altersgruppen.

Oder verschiebt er sich nur?

Doch der Trend ist ein trügerischer - denn an Wolfgang Grupps Analyse zum Wesen des Digitalen sieht man, dass der Graben sich nicht schließt, sondern verschiebt. "Twitter ist für mich einfach nur dumm und die Menschen, die das nutzen, sind für mich Idioten", hatte Grupp gesagt und gefragt: "Haben die Menschen eigentlich nichts Besseres zu tun, als über belanglosen Kram zu schreiben? Wen interessiert das?"

Diese Frage ist zur zentralen Bruchstelle einer neuen Spaltung geworden: der Unterscheidung nämlich zwischen den aktiven Nutzern und den distanzierten Zuschauern des digitalen Publizierens.

Auf der einen Seite stehen dabei diejenigen, die vermeintlich belanglosen Kram veröffentlichen. Sie verstehen das Netz als Lebens- und Kommunikationsraum, der wie ein Fluss ständig in Bewegung ist. Twitter zum Beispiel ist für sie ein kostenloser und schneller Nachrichtenfilter, das Publizieren im Netz Teil eines unablässigen sehr spannenden Gesprächs.

Auf der anderen Seite befinden sich jene, die im Internet vor allem einen neuen Weg zur Informationsverbreitung sehen. Sie drucken die Texte aus, die dort publiziert werden und konsumieren sie genauso linear wie eine gedruckte Zeitschrift oder ein Buch. Für sie ist unverständlich, warum Menschen Status-Meldungen auf Twitter oder Facebook veröffentlichen. Sie verstehen sie nicht als Gespräch, sondern als Publikation. Für sie das Internet kein Raum, sondern bestenfalls ein Weg, ein neuer Transportweg.