Süddeutsche Zeitung

Internet in Zeiten der Corona-Krise:Gut, dass nicht mehr 1990 ist

Das Internet hilft in der Krise über viele Schwierigkeiten hinweg. Wäre in der Vergangenheit nicht so viel versäumt worden, könnte es sogar noch besser laufen.

Bereit für ein kleines Gedankenexperiment? Angenommen, die Corona-Pandemie hätte die Welt nicht im Jahr 2020, sondern schon 1990 getroffen. Wie hätte sich das auf die Arbeitswelt ausgewirkt, auf die Kommunikation? Das Internet war damals noch etwas für wenige Technikfreaks und Wissenschaftler. Und heute? Heute steigt zu Beginn der Büroarbeitszeit der Datenverkehr ungewöhnlich stark an. Weil viele wegen des Virus nicht ins Büro können, schalten sie sich per Videokonferenz zusammen. Sogar die Kanzlerin arbeitet über das Netz von zu Hause aus.

Vor 30 Jahren hätte man sich höchstens Faxe schicken können und natürlich telefonieren. Aber wie mühsam wäre das gewesen! Klar gibt es gute Gründe, in Büros zur Arbeit zusammenzukommen. Der Jäger und Sammler, der noch immer in uns steckt, lebte in Horden. Nicht nur die Meetings, die Konferenzen, auch und vor allem der kleine Plausch an der Kaffeemaschine oder in der Kantine, die kurze Unterhaltung auf dem Flur - sie sind es, die dieses archaische Bedürfnis nach Kontakt zu anderen Menschen stillen.

Vor 30 Jahren gab es Faxgeräte, aber keine Videokonferenzen

In Zeiten der Pandemie aber sind viele auf sich selbst oder ihren engsten Familienkreis zurückgeworfen. Was für ein Segen, dass das Internet und die vielen Dienste darin es jetzt in einer Situation wie dieser möglich machen, besser Kontakt zu halten, als das früher jemals möglich war. Was für ein Glück, dass nicht alle, aber doch viele Unternehmen weiterarbeiten können, obwohl alle oder nahezu alle ihre Mitarbeiter nicht in einem Bürogebäude zusammensitzen, sondern ein jeder und eine jede in seiner oder ihrer Wohnung.

Gut also, dass es das Netz gibt, aber es hätte auch noch besser laufen können. Viele Unternehmen waren nicht oder kaum vorbereitet auf eine Situation wie diese. Wer erst jetzt beginnen muss, Laptops für die Mitarbeiter zu besorgen und sichere Zugänge ins Firmennetz zu organisieren, tut sich schwer, weil viele andere gerade in derselben Situation sind. Oder das Schulwesen: Gelähmt von einer schwerfälligen Bürokratie, vom Gezerre, das die Bildungskleinstaaterei mit sich bringt, hinken die Schulen weit hinter dem her, was möglich wäre. Es fehlt an beinahe allem: An der technischen Ausstattung, aber auch an didaktischen Konzepten. Jetzt muss improvisiert werden, und die Hoffnung ist, dass unter dem Druck der Ereignisse Ideen geboren werden, die über die Virus-Zwangspause hinausreichen.

Woran es natürlich nicht nur in den Schulen mangelt, ist die Versorgung mit Breitbandanschlüssen. Mit Zugängen also, die schnell genug sind für die Anforderungen von heute. Das ist schon in manchen Vierteln großer Städte ein Problem, besonders aber auf dem Land. Dabei verband sich mit dem Internet einmal die Hoffnung, es könne dabei helfen, den Gegensatz zwischen Stadt und Land aufzulösen. Weil man eben nicht mehr (immer) in der Stadt sein muss, um zu arbeiten.

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Es hapert aber nicht nur bei der Technik. Wenn es jetzt in manchen Organisationen nicht recht klappt mit dem Umstieg aufs verteilte Arbeiten, dann liegt das auch daran, dass es keine gelernten Strukturen gibt, wer wie mit welchen Hilfsmitteln kommuniziert. Dabei sind die nicht bloß für eine globale Krise wie die jetzige wichtig, sondern auch, um den Mitarbeitern Flexibilität zu bieten. Nicht jeder arbeitet gerne zu Hause, viele aber zumindest zeitweise schon, nur haben sich manche Unternehmen dagegen gesträubt. Dass vielerorts Ämter und Behörden für den Publikumsverkehr geschlossen sind, wäre weniger schlimm, wenn es bessere Möglichkeiten gäbe, die dort erbrachten Dienstleistungen übers Netz in Anspruch zu nehmen.

Gut also, dass wir wenigstens das haben, was schon läuft, und das ist ja nicht wenig. Gut übrigens auch, dass die letztens viel gescholtenen großen US-Internetkonzerne sich bemühen, verlässliche Informationen zur Pandemie immer ganz oben einzublenden, wenn Nutzer danach suchen. Auch die Wissenschaftler, die jetzt nach Medikamenten und einer Impfung gegen Covid-19 suchen, profitieren von der Vernetzung.

Gut, dass nicht mehr 1990 ist.

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SZ vom 27.03.2020/mri
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