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Internet-Aktivismus:Macht und Ohnmacht der Vernetzung

Man wird also vorerst nicht abschließend beurteilen können, ob das soziale Engagement in Netzwerken tatsächlich so wertlos ist wie Gladwell schreibt. Schließlich beobachten wir das meiste gerade erst in seinem Entstehen.

Hacker legen Twitter lahm

Der "Fail Whale" ist das Symbol für einen Twitter-Ausfall. Nach Ansicht des US-Autors Malcolm Gladwell wäre ein ständiger Wal-Bildschirm kein Verlust für politische Bewegungen.

(Foto: dpa)

Man kann aber beurteilen, wie dieses Entstehen eingeordnet wird. Und für die Frage, wie eine Gesellschaft mit den Veränderungen der Digitalisierung umgeht, ist diese Debatte selber eine Art Beispielepisode. Denn alle Wortmeldungen, die Gladwells Text ausgelöst hat, unterscheiden sich von der Art, wie man in Deutschland über das Internet diskutiert.

Niemand stellt die soziale Vernetzung an sich in Frage oder redet sie klein. Gladwell selber lobt sogar ausdrücklich die fabelhafte Effizienz, mit der das Netz (und gerade soziale Instrumente) uns neue Ideen und Informationen erschließen lässt. Bei seiner Kritik verzichtet er auf Begriffe wie Geschwätzigkeit oder Banalität. Dass soziale Netzwerke die Gesellschaft verändern, scheint für Gladwell wie für Shirky unbestreitbar. Es geht ihnen lediglich um den Grad der Veränderung.

Genau in diesem graduellen Punkt setzt Shirky in seinem Widerspruch an. Sein aktuelles Buch Cognitive Surplus liest sich wie eine vorweggenommene Antwort auf Gladwell. Shirky geht darin Schritt für Schritt auf die gängigen Reaktionsmuster gegen die Beteiligungskultur im Netz ein: Er erläutert, woher die Menschen die Zeit nehmen (sie schauen weniger fern), warum sie ihre Inhalte ohne Bezahlung erstellen (Geld raubt die intrinsische Motivation, die nach Autonomie und Kompetenz strebt) und belegt sogar, warum Gladwells Argument vom "wahren Protest" nicht greift: Wann immer eine grundlegende Veränderung gelernte Zusammenhänge in Frage stelle, schreibt Shirky, reagiere die Menschheit darauf, indem sie das Gelernte zur Norm erhebe, zum wahren Kern der Sache.

Ein historischer Unfall

Dies geschieht bei der Bezeichnung von Freundschaft in sozialen Netzwerken genauso wie beim vermeintlich wahren Protest in den sechziger Jahren. Das Neue und Unbekannte wird als unecht dargestellt - völlig unabhängig von seinem wirklichen Wert. Um den zu ermessen, sei es notwendig, das Gelernte zu hinterfragen. Denn oft entstehe dessen Wert vor allem aus Gewöhnung und aus historischen Unfällen.

Und dann folgt ein Beispiel aus dem Erzählrepertoire von Clay Shirky: das Merken von Telefonnummern. Dass man sich lange Ziffernfolgen einprägte, um Freunde anrufen zu können, hält Shirky für einen eben solchen historischen Unfall. Heute merkt sich das Mobiltelefon alle Nummern (und noch viel mehr), der Unfall ist behoben und damit hat sich auch das vormals gewöhnliche Verhalten erledigt.

Folgt man diesem Gedanken, geht es also weniger darum, wie ungewöhnlich Twitter und Facebook sind, sondern vielmehr darum, was wir für wahr und echt halten. In diesem Sinne lautet die Frage: War politischer Protest ohne Internet tatsächlich besser?

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