Süddeutsche Zeitung

Innovative Internet-Start-ups:Vom langsamen Tod der kostenpflichtigen SMS

"Sie hassen uns eben am wenigsten": Die Telekom investiert 7,5 Millionen Dollar in das Start-up-Unternehmen Pinger. Und das, obwohl Pinger dem Mobilfunkanbieter durch eine Alternative zur SMS das Geschäft streitig macht. Experten gehen jedoch ohnehin davon aus, dass die Kurzmitteilung langfristig "komplett ersetzt" wird.

Sophie Crocoll

"Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Mobilfunkanbieter mit dem Feind schläft." Das sagt Greg Woock, Mitgründer und Chef des US-amerikanischen Start-up-Unternehmens Pinger. Woock ist in diesem Fall der Feind. Der Anbieter ist die Telekom. Die hat kürzlich über ihre Beteiligungsgesellschaft T-Venture 7,5 Millionen Dollar in Pinger investiert. Das ist deshalb ungewöhnlich, weil das Start-up Besitzern von Smartphones ermöglicht, über eine App kostenlos Nachrichten zu verschicken und zu telefonieren - und so Anbietern wie der Telekom ein wichtiges Geschäft streitig macht. Warum also dem Konkurrenten Geld geben? "Sie hassen uns eben am wenigsten", sagt Woock.

Pinger ist nicht das einzige Unternehmen, das Nutzer damit lockt, die Kosten für Anrufe und SMS zu umgehen. Der Internettelefondienst Skype bietet seinen Dienst längst für Smartphones an. Der Anbieter Viber, der seinen Sitz in Zypern hat, ermöglicht Nutzern seiner Smartphone-Software untereinander kostenlose Telefonate, sogar ohne dass sie sich anmelden und Kontakte anlegen. Andere Viber-Nutzer im Adressbuch kennzeichnet das Programm automatisch. Aus dem Silicon Valley in Kalifornien kommt die Anwendung WhatsApp, die auf den meisten Smartphones funktioniert. Über diese App verschicken geschätzt 100 Millionen Menschen weltweit Nachrichten - ohne zu bezahlen.

Für Mobilfunkanbieter bedeutet das hohe Verluste. "In den nächsten drei bis fünf Jahren werden 50 Prozent des SMS-Volumens abwandern, langfristig wird die SMS komplett ersetzt", sagt Alexander Mogg, Telekommunikationsexperte bei der Unternehmensberatung Roland Berger. Damit verschwindet ein lukratives Geschäft: In Deutschland werden über 40 Milliarden SMS verschickt, je Nachricht zahlen Nutzer dafür zwischen acht und 19 Cent.

"Die SMS ist nicht tot"

In Deutschland steigt die Zahl der verschickten SMS noch. In anderen Ländern ist das anders: Der holländische Anbieter KPN klagte im vergangenen Jahr, bereits 85 Prozent der Kunden mit Smartphone hätten WhatsApp installiert. Die KPN-Marke Hi, die sich an Jugendliche richtet, spürte das erstmals im dritten Quartal 2011: Das SMS-Volumen brach fast um ein Viertel ein. Auch beim Schweizer Anbieter Swisscom stagnierte Ende des Jahres die Anzahl der verschickten Nachrichten. Alexander Mogg sieht das als Indikator dafür, was Anbieter in Deutschland erwartet.

"Die SMS ist nicht tot", sagt dagegen Dirk Ellenbeck, Sprecher von Vodafone. Zwar seien die Umsätze mit den Nachrichten zurückgegangen, das liege aber daran, dass immer mehr Kunden SMS in Paketen kauften, statt jede Nachricht einzeln zu bezahlen.

Nicht nur das SMS-Geschäft verändert sich grundlegend, beim Kerngeschäft der Mobilfunkanbieter, dem Telefonieren, könnte es ähnlich kommen. Die Erlöse werden, wie schon seit Jahren, weiter sinken, schätzt der Branchenverband Bitkom. Abgelöst als wichtigste Anwendung würden diese Dienste schon bald vom mobilen Internet. "Gerade junge Leute unter 30 werden deutlich weniger telefonieren, sie verlagern ihre Kommunikation zunehmend in soziale Netzwerke, auch auf dem Handy", sagt Mogg.

Anzeigen scheinen die Nutzer nicht zu stören

Es wird immer einfacher für Anbieter, auch Sprache als Datenpaket von einem Nutzer zum anderen zu leiten. Apps auf dem Mobiltelefon und neue, schnellere Mobilfunkstandards machen das möglich. Bei WhatsApp und Viber geht der Datentransport an den Mobilfunkanbietern vorbei. Pinger dagegen tritt wie ein weiterer Anbieter auf, bezahlt Vodafone oder Telefónica für ihre Dienste und bekommt von ihnen für die eigenen Leistungen Geld. Nutzer erhalten von Pinger eine Telefonnummer, können also richtige SMS verschicken und jedes normale Telefon anrufen - und nicht nur in einem eigenen System chatten. Pinger passe strategisch zum Geschäft der Telekom, sagt eine Sprecherin der Beteiligungsgesellschaft T-Venture. Zudem komme man sich nicht in die Quere: Pinger richte sich vor allem an junge Menschen, von denen viele den Dienst nicht auf dem Mobiltelefon nutzten, sondern Pinger auf ihrem iPod oder iPad installieren und so diese zum Handy machen.

In Deutschland funktioniert der Dienst mit einem Punktesystem: Für jede vertelefonierte Gesprächsminute und verschickte SMS werden zehn Punkte abgezogen, umgekehrt für eingehende Anrufe und Nachrichten gutgeschrieben. Sein Modell hält Woock für erfolgreicher als das anderer Anbieter: "Viber? Damit kannst du kein Taxi rufen. Skype? Das ist teuer!"

Denn wer mit Skype ein Telefon anrufen will, muss dafür bezahlen, so nimmt das Unternehmen Geld ein. Viber wird es wohl in Zukunft ähnlich machen. Der Dienst wolle mit zusätzlichen Diensten Geld verdienen, sagt eine Sprecherin. Pinger finanziert seinen Nutzern die kostenlosen Dienste dagegen vor allem über Werbung. Im vergangenen Jahr hat das Start-up damit etwa 20 Millionen Dollar umgesetzt.

Die Nutzer scheinen die Anzeigen nicht zu stören, über zwölf Millionen sind es mittlerweile, vor allem in den USA. Sie verschicken im Monat zwei Milliarden SMS. Nach Pingers Start in Deutschland vor etwa einem halben Jahr soll der Dienst bis Ende 2012 in zehn weiteren Ländern eingeführt werden. "Wir werden Pinger in jedem Markt der Welt zugänglich machen", sagt Woock.

Mobiltelefonbesitzer an kostenlose Dienste gewöhnt

Die großen Mobilfunkanbieter wollen den kostenlosen Angeboten nun einen eigenen Dienst entgegensetzen. Ausgedacht hat sich das der internationale Verband der Mobilfunkbetreiber. Über den Dienst sollen auch Fotos verschickt und Videogespräche geführt werden können. In Deutschland will Vodafone damit im Mai starten, die Telekom soll im Sommer folgen. Man wolle die Kunden damit überzeugen, wie einfach der Dienst zu bedienen sei, sagt Ellenbeck. Beobachter überzeugt das Angebot nicht: Es wird im Gegensatz zu Pinger, Viber und WhatsApp Geld kosten, wenn auch nicht klar ist, wie viel. Außerdem haben sich Besitzer von Mobiltelefonen schon an die kostenlosen Dienste gewöhnt.

Punkten wollen die Mobilfunkbetreiber mit ihrem Dienst auch beim Thema Datenschutz. Doch Unternehmensberater Mogg glaubt nicht, dass jemand die kostenlosen Dienste meidet, weil sie seine Daten preisgeben. "Gerade die jüngeren Zielgruppen gehen mit den eigenen Daten meist freizügiger um", sagt er.

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SZ vom 25.04.2012/mkoh
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