Innovation fürs Handy Verloren in Berlin

Die Ufa hat die erste TV-Serie fürs Mobiltelefon gedreht - und zeigt sie erst mal nicht.

Von Senta Krasser

Viel sieht man nicht. Es ist klaustrophobisch finster in Berlins Untergrund, wohin sich drei Jugendliche verirrt haben - und nicht mehr herausfinden. Mal ragt eine Hand, mal ein Kopf mit angstverrissenen Augen aus der blaugrünstichigen Dunkelheit. "Scheiße, Sackgasse", ruft einer. Schreie gellen, Fäuste trommeln gegen Türen. "Kill your darling", also "Töte deinen Schatz", ist in blutverschmierten Buchstaben zu lesen.

Kameramann Frank Guhnert mit Darstellern der Handyserie "Kill your darling"

(Foto: Foto: Phoenixfilm)

Kill your darling, so heißt die erste TV-Serie, die speziell fürs Handy gemacht ("Made for Mobile") wurde und in ihrer Ästhetik stark an den amerikanischen Billig-Schocker Blair Witch Project erinnert. Produzent ist die Ufa.

Während andere Unternehmen noch abwarten (Bavaria), basteln (Endemol) oder mit Foto-Soaps (Ninas Welt, Icon Media) und Games (zur Sat-1-Serie Niedrig und Kuhnt, MME) experimentieren, treibt die Filmfirma aus Potsdam die Entwicklung von fiktionalen Handyfernsehformaten an. Sie hat bereits weitere Made-for-Mobile-Projekte pilotiert wie die Krimiserie Don' t trust anybody (Mann verliert Gedächtnis) oder eine Comedy-Sendung.

Zwei Jahre Arbeit und sechsstellige Summen

Summa summarum zwischen 500.000 und einer Million Euro soll die Ufa nach Branchenschätzung in Kill your darling investiert haben; so viel kostet ein kleines Fernsehspiel im Großschirmprogramm. Zwei Jahre wurde am Buch dieser Suspense-Serie in 30 Folgen à drei Minuten gearbeitet.

Regisseure durften sich ausprobieren, um klare Regeln für das neue Medium zu finden und Schauspieler zu dirigieren, wie sie sich selbst mit Spezial-Kameras gegenseitig filmen sollen: Totalen sind tabu, das Bild ist meist auf Close-ups eingestellt und die Schreck-Story steuert dicht im Drei-Minuten-Takt auf den nächsten Kick, den Cliffhanger zu.

Marc Lepetit, der Producer von Kill your darling, sagt, man habe bewusst eine Geschichte gedreht, die auch als 90-Minüter im großen Fernsehen funktionieren könnte und sich als DVD verkaufen ließe. Denn mit der Ausstrahlung auf Handy-Bildschirmen lässt sich die Ufa Zeit. Irgendwann im Laufe von 2007 soll es so weit sein.

Es stünden noch viele Antworten aus - welcher Übertragungstechnik man zum Beispiel den Vorzug gebe, erklärt Lepetit: "Ob dies mit DVB-H oder UMTS geschieht, müssen wir zusammen mit dem Provider entscheiden, mit dem wir unterzeichnet haben." Eine nicht unwichtige Entscheidung mit Auswirkungen auf den Handy-TV-Markt, der noch so marginal im Werden ist, dass es kaum Nutzeranalysen gibt.

Interaktive Schreck-Story

DVB-H, das wie das gewohnte Fernsehprogramm dem Prinzip folgt "einschalten - gucken", wird voraussichtlich auch 2007 nicht verfügbar sein. Über UMTS ("einschalten - downloaden - gucken") dagegen können schon jetzt, gegen Geld und zuweilen mit langen Wartezeiten verbunden, Inhalte aus dem Internet auf die Taschenglotze geladen werden. Mit echtem Fernsehen hat das allerdings nicht viel zu tun.

"Das Handy ist als klarer Content-Lieferant beim Zuschauer noch nicht erkannt", sagt Ufa-Mann Lepetit, "aber es gibt für jeden Zuschauer den passenden Handy-Content." Kill your darling soll vornehmlich die 16- bis 29-Jährigen erschauern lassen - wobei die Prüfung durch den Jugendschutz noch aussteht. Zielgruppengerecht hat die Ufa sich noch ein interaktives Element ausgedacht, um das junge Publikum zu binden.

Mit der Figur Tim, einem kleinen Sherlock Holmes, macht sich der Zuschauer auf die Suche nach den drei verschollenen Freunden. Im Zusatzpaket zur multimedialen Schnitzeljagd - über deren Preis noch keine Einigung besteht - sind SMS von und an Tim möglich sowie Video-Anrufe und MMS. "Die Kids wollen aktiv in die Geschichte eingebunden werden", glaubt Lepetit.

2,5 Milliarden Euro haben Kinder und Jugendliche 2005 für ihr Handy aufgebracht. Werden sie auch für Serien wie Kill your darling bezahlen? Derzeit sind 82,8 Millionen Anschlüsse in Deutschland angemeldet (Stand August). Das sind mehr als die Zahl der Bundesbürger - der Trend geht zum Zweit- und Drittgerät. Die Frage ist, wie viele das auf Streichholzschachtelformat geschrumpfte Angebot tatsächlich nutzen werden.

"Vorhersagen sind schwierig", sagte einst der Physiker Niels Bohr, "vor allem, wenn es um die Zukunft geht."