Im Profil Shawn Fanning

Programmierer der Kopier-Software Napster und Gründer der Musiktauschbörse.

Von Bernd Graff

Das Lieblingswort des nicht einmal 20-jährigen Shawn Fanning ist "weird" (unheimlich, verrückt). "Wirklich verrückt" fand er es, nach nur einem Internetjahr mit seiner Entwicklung Napster im vergangenen Mai zu den 25 bedeutendsten Personen des Internets gezählt zu werden. Weird ist die Geschichte dieses 19-Jährigen tatsächlich. Shawn Fanning, ein Mann mit Drei-Tage-Frisur, hat in diesem einen Jahr die größte Musikstückesammlung der Welt aufgebaut - und das, ohne selber über diese ständig wachsende Sammlung zu verfügen.

Shawn Fanning

(Foto: Foto: dpa)

Das ist nur möglich, weil er alle Stärken des Netzes bündelt. Anders als Jeff Bezos, der Gründer des Internetbuchhandels Amazon.com, und Marc Andreessen, der Programmierer der Internetsoftware Netscape Communicator, ist Fanning kein Mann, der das Internet um irgendeine Neuheit bereichert hätte - im Gegenteil: Fannings Entwicklung, die Software Napster, sitzt auf den längst etablierten Netzstandards wie eine Sahnehaube auf dem Trockenkuchen.

Die nach dem Spitznamen Fannings benannte, kostenlose Software beweist, dass man heute über alle Möglichkeiten des Internets souverän und effizient verfügen kann - ohne technische Finesse, allein auf Grundlage eines genialen Prinzips: Wer der Musik-Liebhaber-Gemeinde beitrat, die Napster zusammenband, wurde automatisch Nutznießer und Spender von Musikkopien im so genannten MP3-Format.

Die Napster-Rechner der in San Mateo, Kalifornien, ansässigen Firma fungierten dabei nur als Makler, die gespeichert hatten, wo sich gesuchte Musikstücke auf den Rechnern ihrer Gemeindemitglieder befanden, zu denen sie dann Verbindung aufnahmen. Es war, als ob man in einem Labyrinth den roten Faden gefunden hätte. Dieses Konzept des organisierten Give & Take fanden zum Schluss 20 Millionen Musiksuchende auf der ganzen Welt faszinierend. Mit Hilfe von Napster tauschten sie an die 14.000 Musikstücke pro Minute untereinander aus. Natürlich lief dieser immer kostenlose Datentransfer an den kommerziellen Interessen der offiziellen Musikvertreiber vorbei, weswegen Napster in der vergangenen Woche gerichtlich der Garaus gemacht werden sollte. Der Gerichtsbeschluss wurde allerdings kurz vor Inkrafttreten wieder aufgehoben. Die Napster-Betreiber bekamen die nötige Zeit, ihren gewaltigen Musikindex auf urheberrechtlich geschützte Titel hin zu durchforsten. Es werden sehr, sehr viele sein.

Vor Gericht wirkte Fanning, ein Studienabbrecher der Bostoner Northeastern University, der sich selber scheu und zurückhaltend nennt, keineswegs nervös, sondern wie ein professioneller Geschäftsmann, der seinen hochdotierten Anwalt ein kleineres Ungemach bereinigen lässt. Fanning hat angeblich nichts mit Napster verdient. Er hat aber hart gearbeitet und kaum Parties durchzecht. Jetzt steht der Self-Made-Mann an der Schwelle zu einer neuen Existenz: Seine Firma wurde gerade für 15 Millionen Dollar von einem Investment-Konsortium aufgekauft. Shawn Fanning arbeitet in dem Unternehmen nun als angestellter Programmierer.