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Smart Home auf der Ifa:Wer soll das alles kaufen?

Die Industrie trommelt seit Jahren fürs Smart Home. Doch vielen Kunden sind die Ideen zu kompliziert. Die Unternehmen suchen verzweifelt nach Anwendungsfällen für ihre Entwicklungen.

So also soll das dann funktionieren: Für den Business-Trip von Berlin nach Paris nimmt man künftig nicht mehr das Flugzeug. Das Auto ist doch viel komfortabler. Kein normales Auto natürlich. Ein Auto, wie es sich Maurice Conti vorstellt. Conti ist Designer und arbeitet bei Alpha, der Innovationseinheit des Telekommunikationskonzerns Telefónica. Contis Auto fährt natürlich von selbst, und es ist ein Büro, wenn die Geschäftsreisende in das Fahrzeug einsteigt, "mit derselben Umgebung, die Sie auch im Büro haben".

Ist der Arbeitstag vorbei, verwandelt sich das rollende Büro auf Wunsch in ein Kino, natürlich mit Imax-Qualität und super-duper Rundumsound. Nach dem Kinoabend legen sich die Sitze von selber flach, und die Reisende kann sich zur Ruhe begeben. Am nächsten Morgen steht sie dann ausgeschlafen vor ihrem Hotel in Paris, wo sie duschen kann. Denn davon sagte Conti nichts.

Aber auch so finden sich genügend Gegenargumente gegen Contis Vision, die er bei einem Zukunftsgespräch mit dem Chef des Elektronikkonzerns LG, IP Park, zum Besten gab. Das vielleicht wichtigste formulierte ein anderer Podiumsteilnehmer, Ralph Wiegmann vom internationalen Forum Design. Wer Dienste wie ein solches Auto nutze, übergebe der Technik viel Verantwortung, "dazu muss man viel Vertrauen aufbauen". Wiegmann sieht aber die Gefahr, dass die Menschen bei dieser Reise auf der Strecke bleiben. Da mögen die Firmen fantasieren von einem "Zuhause auf Rädern", wie LG-Chef Park das nannte, "das Zuhause ist nur ein Gefühl, es kann überall sein", glaubt er.

Damit nämlich alles mit allem zusammenarbeitet, damit - wieder eine Idee von Conti - der Kühlschrank dem neuen Roboterstaubsauger sagen kann, wie die Wohnung beschaffen ist, muss der das erst einmal wissen. Wieso das aber einen Kühlschrank überhaupt etwas angeht, diese Frage wurde nicht beantwortet. Ein wenig wirkt alles so, also suchten die Unternehmen verzweifelt nach Anwendungsfällen für Techniken, die sie entwickelt haben.

Ein vernetztes Haus registriert, wie sich seine Bewohner verhalten

So richtig smart sind die Smart Homes von heute noch ohnehin nicht, sagt Andreas Bös von Conrad Connect, einem Spin-off des Elektronikhändlers Conrad: "Oft werden falsche Hoffnungen geweckt." Was es heute gebe, sei in aller Regel nur vernetzt, aber nicht schlau. Denn "dazu muss man erst einmal die Daten verstehen".

Das kann dann so aussehen: Ein vernetztes Haus registriert, wie sich seine Bewohner verhalten. Wann stehen sie auf, wann sind sie in der Küche, wann im Wohnzimmer, wann geht der Fernseher an, wann das Licht im Bad? Sind die Hausbesitzer dann im Urlaub, simuliert das Haus die Anwesenheit der Bewohner besser als bloß eine Stehlampe im Wohnzimmer mit Zeitschaltuhr.

Solche Systeme, die von ihren Nutzern lernen, könnten eines der größten Probleme rund um die schlauen Häuser lösen: ihre Steuerung zur vereinfachen. Was nützt es, wenn nur die Ingenieurin im Haus weiß, wie das System funktioniert, alle anderen aber dastehen mit ihren Smartphones in der Hand und nicht weiterwissen. Wenn es nur das Licht ist, das sie nicht ankriegen, ist es weniger schlimm, kommt man aber nicht mehr zur Tür herein, wird's allmählich ernst.

Durch die Anhäufung von Daten wird ein zweites Problem zwar nicht geschaffen, aber doch verstärkt: Die Daten betreffen das private Umfeld, und da will man eigentlich so wenige wie möglich davon an irgendwelche Firmen geben, von denen man letztlich nicht genau weiß, was diese damit anstellen. Es muss nur ein Techniker im Rechenzentrum den falschen Schalter umlegen und schon sind die Daten online für alle abrufbar, immer wieder kommt es zu solchen Pannen. Die Nutzer müssen zudem darauf vertrauen, dass die Geräte auch gegen das Eindringen von außen abgesichert sind. Auch solche Fälle hat es in jüngerer Zeit genug gegeben. Überwachungskameras - ausgerechnet! - als Einfallstor für Hacker, das gab es tatsächlich, Millionen der Geräte wurden gekapert und für Attacken auf Internetdienste missbraucht.

Am häufigsten werden Systeme genutzt, bei denen man Licht per Sprache einschalten kann

Dass das vernetzte Heim trotz des mittlerweile schon jahrelangen Trommelns der Industrie noch immer kein richtiger Hit ist, liegt an genau diesen beiden Faktoren. Kein normaler Nutzer möchte sich - erstens - mehr Komplexität ins Haus holen, sondern er will es bequemer, womöglich auch sicherer und vielleicht auch energiesparender, etwa wenn die Heizung mitdenkt und das System herunterregelt, wenn keiner im Haus ist.

Zweitens: Wie viel Risiko sind die Nutzer bereit einzugehen, dafür, dass ihnen ihr Haus etwa mitteilt, "willst du nicht das Fenster auf der Westseite schließen, es soll doch heute Gewitter geben"? Es sind eben schon sehr private Daten, die niemanden etwas angehen. Zwar versprechen die Anbieter, die Daten sicher aufzubewahren, aber schiefgehen kann immer etwas und ist es auch schon oft genug.

Auch dass Konzerne, die hinter den sprachgesteuerten Assistenten Siri, Alexa Google Assistant und Co. von Menschen haben überprüfen lassen, was die Nutzer ihrer Dienste von den Maschinen eigentlich wollen, ist vielen übel aufgestoßen. Sie glaubten, sie würden nur mit Maschinen kommunizieren. Doch um die Dienste zu verbessern, müssen natürlich Menschen ran. Immerhin jeder dritte Deutsche soll einen solchen Assistenten bereits genutzt haben, wie viele in einem wirklich smarten Haus leben, ist schwierig zu definieren, denn eine Alexa macht noch kein Haus schlau. Am häufigsten werden Systeme genutzt, bei denen man das Licht per Sprache einschalten kann. Die Daten, die man preisgibt, sind überschaubar, der Effekt im Wortsinn sichtbar.

Gefragt sind auch vernetzte Audio-Systeme, "man bekommt fast keine Audioanlagen mit Kabeln mehr", sagt Michael Mauser, Leiter des weltweiten Tagesgeschäfts beim Soundspezialisten Harman. Mittlerweile böte die Technik genug Kapazität, um auch drahtlos Audio in höchster Qualität zu übertragen. Und auch hier gilt: "Das Smartphone ist die Fernbedienung".

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