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Icann:USA treten Kontrolle über Internet-Adressen ab

´Kleiner Bruder" von Stuxnet in Europa aufgetaucht

Netzwerkkabel stecken am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in einem Server des Superrechners Datura.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Die US-Regierung überträgt die Verwaltung von Internet-Adressen an die Icann.
  • Die Icann ist eine private Non-Profit-Organisation mit Sitz in Kalifornien.
  • Bislang hatten die USA großen Einfluss, Anfang Oktober läuft der Vertrag zwischen Icann und US-Regierung aus.
  • Tech-Konzerne wie Facebook und Google befürworten die Entscheidung, einige Republikaner kritisieren den Schritt scharf.

Von Johannes Boie

Die amerikanische Regierung wird die Aufsicht über zentrale Teile der Internet-Technik an eine private Organisation übertragen. Bislang kontrolliert das US-Handelsministerium einen Teil der Entscheidungen, die das Internet weltweit betreffen - vor allem die Vergabe von Internet-Adressen. Bisher wäre es zum Beispiel theoretisch möglich gewesen, dass die USA Länderkürzel wie .cn für China oder .ru für Russland einfach blockieren. Doch zum 1. Oktober läuft der entsprechende Vertrag zwischen dem US-Handelsministerium und Icann aus, der "Internet Corporation for Assigned Names and Numbers". Sie ist eine private, amerikanische Non-Profit-Organisation mit Sitz in Kalifornien.

Die amerikanische Vormachtstellung war historisch begründet, das Internet ist eine Erfindung der USA, die aus dem Verteidigungsministerium hervorging. Icann versucht bereits heute über zahlreiche Gremien Regierungen, Experten und Internetfirmen aus aller Welt in die Entscheidungsprozesse einzubinden.

Dass dennoch die amerikanische Regierung das letzte Wort behielt, führte in den vergangenen Jahren zu massiver Kritik anderer Staaten, obwohl die USA ihre Macht nur sehr dosiert ausspielten. Ein Eingriff fand zum Beispiel statt, als während des Afghanistan-Krieges das afghanische Länderkürzel .af teilweise blockiert wurde. Insbesondere arabische Länder, aber auch China und Russland verlangten von den USA den Rückzug. China und Russland hatten zudem gehofft, auch die Icann selbst in eine zwischenstaatliche Organisation zu verwandeln oder die Macht über das Netz an die Vereinten Nationen zu übertragen.

Die Wirtschaft applaudiert, konservative Politiker sind entsetzt

Die Technik, welche die US-Regierung nun aus ihrer Kontrolle entlässt, ist die sogenannte Root-Zone des Domain Name Systems (DNS). Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um jenes System, das sicherstellt, dass Internetnutzer einfach den Namen einer Webseite in ihren Browser eingeben können - und sich nicht, wie es das Internet ohne diese Technik verlangen würde, komplizierten Nummern anstelle der einfachen Namen merken müssen. Das Auslaufen des Vertrages bedeutet, dass sich die US-Regierung künftig aus diesem bürokratischen Prozess heraushalten wird. An der Technik selbst ändert sich nichts. Nutzer des Internets werden im Oktober keine Änderungen wahrnehmen.

Indem das US-Handelsministerium seine Aufsicht über Icann abgibt, führt es eine Strategie zu Ende, die bereits bei der Gründung der Icann im Jahr 1998 angekündigt worden war: der komplette Rückzug aus der Kontrolle über das Internet. Künftig werden die Amerikaner in der Icann theoretisch dieselbe Rolle einnehmen wie alle anderen Regierungen. Während Netzkonzerne wie Facebook, Google und Microsoft die Entscheidung unterstützen, äußerten sich insbesondere republikanische Politiker wie der ehemalige Präsidentschaftskandidat Ted Cruz entsetzt. Er warnte, die Macht "fremder Regierungen" werde nach der Entscheidung "signifikant zunehmen." Das Internet werde ohne das letzte Wort der US-Regierung künftig weniger frei sein.

© SZ vom 19.08.2016/sih

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