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Hybris der Silicon-Valley-Manager:Empört euch nicht, erhebt euch!

Spanish Taxi Drivers Protest Against Uber Technologies Inc. Taxi App

Protest gegen Uber, hier in Spanien.

(Foto: Bloomberg)

In der globalen Wirtschaft steht der Nutzer im Mittelpunkt. Benimmt sich ein Anbieter daneben, kommt es auf ihn an. Er muss Eigeninitiative zeigen.

Es sollte doch alles anders werden, vor allem gerechter. Seit Jahren erschallt dieses Versprechen einer neuen Wirtschaft aus den Garagen und Wohnheimen des Silicon Valley. Offen, vernetzt, für jedermann zugänglich: die App-Ökonomie. Die Zeiten der Allmacht von Bankern und Industriellen, die sich zu Herren der Welt aufschwingen können, zu selbsternannten "Masters of the Universe", sollten vorbei sein. Schön wäre es - aber leider nehmen nun die jungen Manager aus dem Silicon Valley diese Plätze ein. Das können sie aber nur, weil die Verbraucher es zulassen. Dabei könnte der Einzelne dank Digitalisierung und Mobil-Boom gegensteuern. Denn in der App-Ökonomie ist er nicht mehr nur Konsument, sondern auch Rohstofflieferant: Er stellt seine Daten bereit. Und er verliert sich nicht mehr im Heer der Verbraucher, sondern kann sich vernetzen und so zum Machtfaktor werden.

Denn die globale Wirtschaft erlebt einen Paradigmenwechsel. Im Zentrum stehen nicht mehr allein Großindustrielle und Banker, sondern die Nutzer. Sie tauschen in der App-Ökonomie nicht einfach nur Geld gegen Leistung, sie liefern dieser neuen Wirtschaft ihre Daten. Und die erzeugt jeder ständig, und jeder kann sie nach eigenem Gutdünken verteilen.

Kleinlaute Entschuldigung

Wie bewusst das den Tech-Firmen ist, zeigen die jüngsten Ausfälle des Uber-Managers Emil Michael. Weil der Fahrdienst zuletzt weltweit viel Kritik einstecken musste, räsonierte er darüber, ob man nicht privaten Schmutz über Journalisten ausgraben könnte, um sie zu diskreditieren. Dabei attackierte er eine Bloggerin, die Uber kritisiert und angekündigt hatte, den Dienst nicht mehr zu nutzen. Michael warf ihr vor, verantwortlich zu sein, wenn andere Frauen diesem Vorbild folgten und dann im Taxi belästigt würden - Uber sei dagegen sicher. Solch wilde Anwürfe verraten viel über die Nervosität der Manager.

Das Netz reagierte mit einer Welle der Empörung auf die Entgleisung, das Unternehmen musste sich kleinlaut entschuldigen - aber hat sich etwas geändert? Haben Nutzer massenhaft die Uber-App gelöscht, um ihren Protest auch mit Taten zu hinterlegen? Wohl kaum.

Genau hier legt der Fehler. Sich zu empören, wie es der französische Widerstandskämpfer und Politaktivist Stéphane Hessel 2010 forderte, reicht nicht. Um die neue Macht auszuüben, braucht es Eigeninitiative. Und die ist heute einfacher zu entwickeln denn je. Es muss nicht mehr mit den Füßen abgestimmt werden, ein Wisch über den Bildschirm genügt. In der App-Ökonomie sind die Oligopole bei weitem noch nicht so gefestigt wie in der alten Wirtschaftswelt. Wer Energie oder Geld braucht, kann nur unter wenigen Anbietern wählen. Wer dagegen eine Fahrgelegenheit braucht, hat viele Möglichkeiten, vom Carsharing über Fahrdienste bis hin zum klassischen Taxi oder Bus. Und für jeden Zweck gibt es wiederum ungezählte Apps. Wenn Daten also das neue Öl sind, sitzt jeder auf seiner eigenen Quelle - und hat damit die Möglichkeit, einem bestimmten Anbieter den Hahn zuzudrehen. Einfach indem er eine App löscht und eine andere installiert. Wer das nicht tut, darf sich nicht über den Aufstieg neuer Machthaber wundern. Er hat diese mit seinen Daten und seiner Trägheit erst gemästet. Dabei hat er ihnen viel mehr preisgegeben als nur den Arbeitsplatz oder den Kontostand. Sie wissen auch, in welcher Bar er gestern Abend mit welchen Freunden war, wie viel getrunken wurde und wann es ins Bett ging.

Es liegt deshalb an den Verbrauchern, die neue Welt zu gestalten. Es kann gelingen, denn sie sind viele.

© SZ vom 22.11.2014/mri

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