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Hongkong:Das Tiktok-Dilemma

"Eher mild": Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam verteidigt vor der Presse das umstrittene Sicherheitsgesetz.

(Foto: Vincent Yu/AP)

Die Video-Plattform Tiktok ist eine chinesische App, will aber keine sein. Nun hat sie sich in Hongkong selbst abgeschaltet - doch der globale Konflikt um die Zukunft des Internets beginnt erst.

Von Jannis Brühl und Christoph Giesen, München/Peking

Das Internet gibt es zweimal: in China und in den anderen Ländern der Welt. Chinesen googeln nicht, sie suchen mit Baidu. Mit ihren Freunden tauschen sie sich bei Wechat und nicht bei Facebook aus. Statt bei Amazon kaufen sie bei Alibaba ein. In China gibt es kein Instagram, kein Youtube, kein Twitter, selbst eine eigene Wikipedia hat sich etabliert, Baike heißt der politisch streng redigierte Dienst. Bislang war die Rollenaufteilung klar: China schottet sich ab - bis die App Tiktok auf den Markt kam.

Die App gerät ins Räderwerk der großen Politik: In Indien auf dem Index, die USA drohen mit Verbot

Genutzt wird sie vor allem von Teenagern. Das Prinzip ist simpel: Man zeichnet mit dem Smartphone ein Video auf und lädt es hoch. Sobald man Tiktok startet, beginnt im Hintergrund künstliche Intelligenz zu werkeln, schon nach wenigen Videos, die man zu sehen bekam, hat die App die Interessen ausgewertet und blendet zielsicher nur noch für den Nutzer relevante Clips ein. Jugendliche verbringen so Stunden auf Tiktok, hangeln sich von einem Video zum nächsten. Tiktok ist der erste globale Erfolg einer chinesischen App, mehr als 75 Milliarden Dollar ist die chinesische Entwicklungsfirma Bytedance bereits wert, doch nun ist der Dienst ins Räderwerk der großen Politik geraten. In Indien ist die App auf dem Index gelandet. Die Vereinigten Staaten drohen mit einem Verbot von Tiktok. Und in Hongkong haben sich die Macher nun selbst abgeschaltet.

Aus Angst vor dem neuen Gesetz zum Schutz der nationalen Sicherheit in Hongkong, teilte Tiktok am Dienstag mit, werde man sich vom Hongkonger Markt zurückziehen. Regierungschefin Carrie Lam hatte zuvor eine "rigorose" Umsetzung des "Sicherheitsgesetzes" in der Sonderverwaltungszone angekündigt. Man werde Zensurgesuche oder Bitten der Hongkonger Behörden zu Nutzerdaten nicht Folge leisten, erklärte Tiktok daraufhin. Ähnlich äußerten sich Facebook, Google oder Twitter. Auch Dienste wie Telegram, Zoom und Linkedin teilten mit, Anfragen Hongkonger Behörden nach Daten von Nutzern vorerst nicht zu beantworten.

Was bei Tiktok wie eine politische Unabhängigkeitserklärung klingt, ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Denn hinter Tiktok steht ein Unternehmen mit zwei Gesichtern. In China heißt die Anwendung Douyin, beide Apps sind weitestgehend identisch. Douyin aber unterwirft sich chinesischen Gesetzen und ist weiterhin in Hongkong nutzbar.

Warum dann dieser halbherzige Rückzug? Die Furcht ist offenbar groß vor dem, was man das Huawei-Dilemma nennen könnte. Der chinesische Netzwerkausrüster beteuert seit Monaten, in keinem Fall Kundendaten an den chinesischen Staat weiterzugeben. Die Gesetzeslage in der Volksrepublik ist aber eindeutig: Sehen Behörden die nationale Sicherheit bedroht, erlaubt ihnen das chinesische Nachrichtendienstgesetz, Firmen und Einzelpersonen zur Kooperation zu zwingen und Geheimhaltung anzuordnen. Die Vereinigten Staaten haben Huawei daher auf eine schwarze Liste gesetzt und vom Ausbau des 5G-Mobilfunknetzes ausgeschlossen. John Lee vom Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin sagt: "Sich aus Hongkong zurückzuziehen erlaubt es Tiktok, politische Probleme zu vermeiden. Die könnten durch Anfragen nach Nutzerdaten durch Hongkonger Behörden sowohl in China als auch den USA entstehen, die ein wesentlich wichtigerer Markt für Tiktok sind."

In den USA könnte Tiktok nun Huaweis Schicksal ereilen. Am Montagabend drohte US-Außenminister Mike Pompeo mit einem Verbot von Social-Media-Apps aus China. "Es ist etwas, das wir uns anschauen", sagte Pompeo dem Sender Fox News. Ob die Zuschauer denn Tiktok nutzen sollten, fragte die Moderatorin. Pompeo antwortete: "Nur wenn Sie wollen, dass Ihre privaten Daten in Händen der Kommunistischen Partei Chinas landen."

In Indien herrscht bereits Frust bei jungen Videomachern und ihren Millionen Fans, Tiktok funktioniert dort nicht mehr. Indiens Behörden haben Tiktok und 58 weitere Apps aus der Volksrepublik jüngst verboten, darunter auch Wechat, den Messenger, über den viele Chinesen ihr halbes Leben abwickeln. Die Sanktion erfolgte nach Grenzkämpfen im Himalaja zwischen Indien und China, bei denen 20 Soldaten starben. Internetdienste wie Apps seien der dynamischste Sektor der chinesischen Wirtschaft und würden von der Regierung entsprechend unterstützt, sagt John Lee von Merics. Die Sättigung des chinesischen Marktes mache es immer wichtiger für Chinas App-Entwickler, auch im Ausland erfolgreich zu sein. Es ist also für Tiktok besonders bitter, dass nach seinem größten Auslandsmarkt Indien nun auch die USA mit Blockade drohen.

Berlin sieht das Entstehen getrennter Tech-Sphären mit "großer Sorge"

Der Streit zwischen China und der Welt beschleunigt die Entwicklung hin zu einem "Splinternet", vor dem Fachleute warnen: Staaten schotten sich aus politischen Gründen ab, das Netz fragmentiert sich. Die App Stores von Apple und Google werden zu Konfliktfeldern im Ringen der Mächte. Auch im Auswärtigen Amt in Berlin ist man deshalb besorgt: "Sogenanntes Decoupling - das Entstehen verschiedener voneinander abgetrennter Tech-Sphären - ist nicht in deutschem Interesse und wird von uns mit großer Sorge gesehen."

Das Silicon Valley geht derweil auf Distanz zu China. Googles Geheimpläne, eine Such-App für China zu entwickeln, die vom Staat zensiert wird, flogen auf und wurden eingestellt. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg warnt inzwischen vor dem Machtstreben der Volksrepublik. Vor wenigen Jahren noch lobte er öffentlich Staats- und Parteichef Xi Jinping, empfahl dessen Buch und ging bei gesundheitsgefährdenden Luftwerten in Peking demonstrativ joggen. Seine neuentdeckte Kritik an China könnte Kalkül sein: Je dramatischer er die Gefahr chinesischer Technologie-Dominanz beschwört, desto geringer das Risiko, dass US-Behörden Facebook regulieren oder gar zerschlagen.

© SZ vom 08.07.2020
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