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Schwerpunkt: Games in der Pandemie:In den letzten Zügen

Schach war mal das Spiel einsam brütender Genies. Das ändert sich gerade rasant. (Foto: Alper Özer)

Schach umgab lange Zeit die Aura der genial brütenden Meisterdenker. Dann kam Corona. Und ein quasselnder Großmeister, der Schach zum Gaming-Trend machte.

Von Philipp Bovermann

Seit dem Alter von 15 Jahren darf Hikaru Nakamura sich Schach-Großmeister nennen. Fünfmal hat er die US-Schachmeisterschaften gewonnen. Er ist die Nummer eins im Blitzschach-Ranking. Und seit dem Sommer ist er professioneller Gamer. Im August hat er einen Vertrag bei Team Solomid (TSM) unterschrieben, einer Art FC Bayern des Internets.

Der Verein hat sich vor allem über sein erfolgreiches "League of Legends"-Team einen Namen gemacht, in Wettkämpfen, bei denen junge Menschen in Trikots ihre Bildschirme mit bunten Explosionen überziehen. Doch nun gibt es einen neuen Gaming-Trend: Schach.

Begibt man sich auf die Suche, woher er kommt, landet man mal wieder bei der Corona-Pandemie. Auf der bei Gamern beliebten Streaming-Plattform Twitch stieg die Zahl der Menschen, die sich Schachpartien ansahen, ab März rasant an. Ein Amateur-Schachturnier im Juni war kurzfristig der meistgesehene Stream auf der Plattform. Andere Spiele profitierten ebenfalls von der zusätzlich zu Hause vor dem Computer verbrachten Zeit, aber weit weniger stark. Zwar meint man intuitiv zu ahnen, warum sich so viele Menschen in jener unübersichtlichen Zeit plötzlich entschleunigte Rochaden auf schwarzen und weißen Quadraten ansahen, aber es gibt wohl noch einen anderen, handfesten Grund: Hikaru Nakamura.

Der Großmeister hat inzwischen mehr als eine halbe Million Follower auf Twitch, vor Beginn der Pandemie waren es weniger als 100 000, dabei hat er seitdem nichts anderes getan als zuvor: online Schach zu spielen und sich dabei zu filmen, wie er, munter plaudernd, seine Gegner zerlegt. Es dürfte geholfen haben, dass er just in dieser Zeit einen reichweitenstarken Schüler hatte, den kanadischen Gaming-Streamer Félix Lengyel, im Netz bekannt als "xQc". Ihm und somit auch dessen 3,3 Millionen Followern erklärte Hakamura das Spiel ohne jegliche Allüren. Genügend Zeit, die Feinheiten eines neuen, anspruchsvollen Spiels zu erlernen, war durch die Ausgangsbeschränkungen ja da. Immer wieder versicherte Nakamura seinem Schüler geduldig, joa, das sei doch gar kein schlechter Zug. Die beiden scherzten und lachten zusammen. Der Großmeister liebt Albernheiten und gesteht während einer Partie zum Beispiel freimütig, er sei ein verdammter Nerd, der sein Leben mit einem bekloppten Brettspiel verbracht habe.

Computer spielen inzwischen Schachzüge, vor deren Genialität der Mensch wie vor einer glatten, senkrechten Felswand steht

xQc und ein paar andere bekannte Twitch-Streamer spielten daraufhin auf ihren Kanälen neben klassischen Computerspielen plötzlich auch Schach, meistens Blitzschach, regten sich über missglückte Züge auf, jubelten, klopften Sprüche, so wie Gamer das in Streams eben tun. Dadurch trat beim Schach der Spieler als Mensch in den Vordergrund, anstatt zu einem stumm rechnenden Monolithen vor dem Spielbrett zu erstarren.

Nakamura spielt selbstironisch mit dieser Inszenierung des Schachspielers als weltenthobenes Superbrain. Gelegentlich vernichtet er seine Gegner mit verbundenen Augen, sagt nur die Felder an, auf die er seine Figuren zieht, als wäre er reiner Verstand und als solcher eine Naturgewalt, die nichts aufhalten kann. Aber nebenher schlürft er Kaffee und kichert. In manchen Momenten scheint aus ihm die Ahnung zu sprechen, dass die Ära des Menschen, der als geniale Rechenmaschine über dem Spielfeld thront, vorüber ist. Kürzlich sagte er dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel, "dass die romantische Seite, die tiefe Strategie, bereits tot ist". Computer hätten das Spiel völlig verändert. Sie spielen inzwischen Züge, vor deren Genialität der Mensch wie vor einer glatten, senkrechten Felswand steht.

Vielleicht ist Nakamura einer der Träger einer erlöschenden Fackel, eine Art Prometheus auf dem Nachhauseweg. Der Großmeister der Schöpfung hat die Kontrolle über das Spiel verloren. Endlich kann er befreit und ohne stundenlanges Brüten seine Züge machen, ein bisschen auf den Putz hauen. Oder wie Gamer sagen: zocken.

© SZ
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