Haushaltsroboter Früher Minensucher, jetzt Staubsauger

  • 20 Prozent des Geldes, das in den USA für Staubsauger ausgegeben wird, geht für Roboter drauf.
  • Die Technik, die im Staubsaug-Roboter eingesetzt wird, wurde ursprünglich für Kriegseinsätze entwickelt.
Von Hakan Tanriverdi

Dienstbarer Geist: Der Roboterstaubsauger von iRobot orientiert sich mit einer Kamera im Raum - in ihm stecken Erfahrungen aus der Militärtechnik.

(Foto: PR)

Man sieht der kleinen Scheibe überhaupt nicht an, dass mit ihr ein Stück Waffenhistorie durch das Wohnzimmer rollt. Dafür sind die Töne viel zu niedlich, mit denen signalisiert wird, dass es nun losgeht. Es klingt wie in den Arcade-Spielhallen der 1990er-Jahre, nach der Geräuschkulisse von Pacman und Pong. Die Scheibe setzt sich in Bewegung, das Staubsaugen beginnt. Zwei Meter vor, zwei Meter zurück, leicht versetzt, und von vorn. Ein kleines Quadrat ist nun sauber.

Fünf Meter weiter steht Colin Angle und drückt den Smartphone-Bildschirm. Per App erteilt er dem Staubsauger Befehle. Saugen, aufhören, morgen um 10 Uhr fortführen, Statistiken anzeigen. Angle ist Chef der Firma iRobot, die kleine Scheibe ist seine neueste Erfindung. Sie heißt Roomba 980. 14 Millionen früherer Roomba-Modelle hat die Firma weltweit schon verkauft. Im Internet finden sich dutzende Testvideos (samt Klickzahlen in Millionenhöhe), in denen Katzen oder Schildkröten auf die Scheibe gesetzt werden und gemütlich durch die Wohnung rollen.

Algorithmus für Kriegseinsätze

"20 Prozent der US-Dollar, die für Staubsauger ausgegeben werden, gehen für Roboter drauf", sagt Angle. Das Geld, das seine Firma abstaubt, 70 Prozent des Marktanteils, stammt zum größten Teil von dieser Scheibe und ihren Vorgängern. Das neue Modell, das es seit Oktober in den USA zu gibt, kostet 900 Dollar - nicht wenig für einen Staubsauger.

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Die Technik, die im Staubsaug-Roboter eingesetzt wird, wurde ursprünglich für Kriegseinsätze entwickelt. "Der Algorithmus, auf dem der Roomba aufbaut, wird verwendet, um Minen aufzuspüren", sagt Angle. Die Militär-Roboter werden in unbekanntem Terrain losgeschickt. Mit ihnen können Soldaten aus der Ferne Bomben deaktivieren. Der Roboter verfügt über eine Kamera, das Bild wird per Funk übertragen. Nach der Atom-Katastrophe in Fukushima rollten vier Roboter von Angles Firma durch die Reaktoren, um das Gelände zu erkunden.

Mit einer Kamera macht sich die Sauger-Scheibe ein Bild ihrer Umgebung

Auch nach den Attacken vom 11. September 2001 wurden zuerst Roboter in Gebäude geschickt, um herauszufinden, ob diese einsturzgefährdet waren. Erst danach eilten die Einsatzkräfte zu Hilfe. Soldaten sollen sich bei Angle mit dem Satz bedankt haben, dass sie tot gewesen wären ohne die Militär-Roboter, die iRobot ebenfalls im Sortiment hat. Mehr als 4000 Stück der Militärgeräte sollen weltweit im Einsatz sein, sagt der Hersteller.

Bevor Angle zu iRobot kam, studierte er am MIT und entwickelte dort bereits einen kleinen Roboter, den die amerikanische Weltraumbehörde NASA Ende der 1990er-Jahre auf den Mars schickte, um dort die Landschaft zu erkunden. "Aber das ist kein gutes Geschäftsmodell", sagt Angle. Die Bequemlichkeit der Menschen hingegen sei schon eine gute Möglichkeit, um Geld zu verdienen. Darum geht es bei dem neuen Modell, das Angle vergangene Woche in New York vorgestellt hat.

Kein Zufallsprinzip mehr

Mit den neuen Sensoren ist der Staubsauger nun in der Lage, sich während der Reinigung eine Karte zu erstellen. Andere Firmen bieten diese Option seit Längerem, etwa Samsung oder der deutsche Traditionshersteller Miele. iRobot, Pionier der kleinen Staubsaugerroboter, zieht nun bei dieser Technik nach. Die Vorgängermodelle irren planlos durch die Wohnung - und reinigen Stellen mitunter doppelt und dreifach. Ein Roboter mit digitaler Karte könne seine Energie effektiver einsetzen als einer, der nur nach dem Zufallsprinzip herumfährt. Hinzu kommt, dass der Roboter nun bei schwachem Akku an die Ladestation zurückkehren und Energie tanken kann, um anschließend die Karte zu nutzen. Damit könne er an der Stelle weiter saugen, an der er zuvor aufgehört habe. "Wir können damit auch sehr große Räume reinigen", sagt Angle.

Zur Neuausstattung gehört auch eine Kamera. Diese ist zwar leistungsschwach, aber in der Lage, Bilder auf bestimmte Merkmale hin zu analysieren. Erkennt der Staubsauger zum Beispiel einen Türrahmen und rollt anschließend unter Tischen und Stühlen durch, verliere er vielleicht die Orientierung, sagt Angle. Doch sobald er den Türrahmen erneut erkenne, wisse der Roboter automatisch wieder, wo genau im Haus er sich befinde. Während des Events zeigte ein kleines Plakat, wie weit es Angle mit der Bequemlichkeit gerne treiben will. Zu sehen ist ein Roboter, der mit seinen Klauen nach einer Flasche Bier greift. Trinken, so viel kann man annehmen, wird er sie wohl kaum.

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