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Digitales Leben:Böser Streich

Touch

Touchscreeens im Haushalt - ein offensichtliches Missverständnis.

Warum braucht heute eigentlich jedes Haushaltsgerät einen Touchscreen? Die Wischtechnik ist oft völlig überflüssig - und manchmal sogar gefährlich.

Vielleicht wäre dieser Wutausbruch nicht nötig, wenn Matt Jefferies etwas mehr Geld zur Verfügung gehabt hätte. Doch das Budget der ersten "Star-Trek"-Episoden in den Sechzigerjahren war begrenzt. Also sparte der Szenenbildner Jefferies am Design der Enterprise. Während die Cockpits echter Raumschiffe zu dieser Zeit voller Hebel und Knöpfe waren, steuert Captain Kirk, indem er tippt und wischt: Die Enterprise wird von Touchscreens dominiert.

Jefferies hätte damals gern echte Schaltinstrumente gekauft, erzählte Michael Okuda, der künstlerische Leiter der späteren "Star-Trek"-Filme, dem Portal Ars Technica: "Wenn er das Geld gehabt hätte, diese Dinge zu kaufen, hätte die Enterprise ganz anders ausgesehen." Aber glatte, schwarze Flächen waren nun mal unschlagbar günstig.

Der Rest ist Technikgeschichte: Touchscreens haben die Welt erobert, seit iPad und iPhone kommt kaum ein Produkt mehr ohne berührungsempfindliches Display aus. Die Apple-Designer wären nicht die ersten Entwickler, die sich von Science-Fiction-Filmen inspirieren haben lassen. Womöglich verkörpern omnipräsente Wischbildschirme auch einfach den natürlichen Lauf der technischen Evolution, und "Star Trek" ist unschuldig. Fest steht nur: Die Touchscreenisierung des Alltags nervt kolossal.

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Wer über Technik schimpft, wirkt schnell wie ein mürrischer Kulturpessimist. Das liegt mir fern: Ich mag Touchscreens. Auf Handys und Tablets wischt es sich völlig problemlos. Nur macht nicht alles, was schick und modern anmutet, das Leben der Nutzer einfacher.

Am offensichtlichsten ist das Missverständnis in der Küche. Plane Oberflächen mögen wunderbar ins minimalistische Designerloft passen. Wer seine Kücheninsel aber nicht nur nutzt, um Cocktails zu servieren, macht sich zwangsläufig die Hände schmutzig. Zum Kochen gehören Wasser und Öl, in der Küche spritzt und brodelt es. Wann lassen sich Touchscreens besonders schlecht bedienen? Wenn die Finger feucht und fettig sind.

Nach sieben Mal Tippen ist der Herd eingestellt. Oder auch nicht.

Den meisten Designern ist das offensichtlich egal. Fast kein Hersteller bietet moderne Induktionskochfelder mit Knöpfen an. Natürlich wird das Essen auch mit einem Touchscreen warm, aber Spaß macht es nicht. Von scharfem Anbraten auf sanftes Schmoren wechseln: sieben Mal tippen. Das Nudelwasser kocht über: piep piep piep, Fehler E 13. Alle Töpfe und Pfannen vom Herd, wischen, warten, weiter geht's. Wirklich? Nein, erst die Hände und die Herdplatte abtrocknen, sonst lässt sich das Ding ja nicht mehr anschalten.

Kochfelder, Backöfen, Mikrowellen, Wasserkocher und sogar Toaster, überall sollen Kunden tippen und wischen, statt zu drücken und zu drehen. Das ist nicht nur lästig, weil die angeblich innovative Technik in der Hitze des Gefechts rasch versagt. Es ist auch unverständlich, weil sich ihr analoger Vorgänger seit Jahrhunderten bewährt hat.

Drehknöpfe verbrauchen keinen Strom und fallen fast nie aus. Mit einer beherzten Bewegung aus dem Handgelenk lässt sich in Sekundenbruchteilen das gesamte Leistungsspektrum ausschöpfen. Fettige Finger sind kein Problem, und man muss nicht mal den Blick vom Kochtopf abwenden: Wie alle Knöpfe, Hebel und Schalter quittiert der Drehregler die Eingabe mit einem satten haptischen Feedback, auf das jeder Touchscreen-Entwickler neidisch wäre.

Leider lassen sich Knöpfe nicht als Technikrevolution vermarkten, sie sind vom Aussterben bedroht. Als Kind hatte ich einen Radiowecker, den ich blind und im Dunkeln bedienen konnte. 20 Jahre später steht ein Wlan-Lautsprecher neben meinem Bett, der viel mehr kann und besser klingt. Aber alle Funktionen werden durch Wischgesten auf der glatten Oberfläche ausgelöst. Deshalb wünsche ich mir oft den Radiowecker zurück, denn um die Musik auszuschalten, muss ich jetzt das Licht anmachen, ertasten lässt sich nichts.

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