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Hatespeech im Netz:Ein Vergewaltigungswunsch ist nie gerechtfertigt

"Wie präsentieren Sie sich im Netz?", "Wie viel geben Sie von sich Preis?", "Gibt es Selfies von Ihnen?" Solche Fragen musste ich hören, nachdem ich anderen von den Beleidigungen und Drohungen im Netz erzählt habe. In solchen Fällen antworte ich gern mit einer Gegenfrage: Wie muss ich mich denn im Netz präsentieren, damit ein Vergewaltigungswunsch an mich gerechtfertigt wäre? Wir schreiben das Jahr 2016 und mich gruselt es, wenn ich daran denke, dass ich diese Art von Unterhaltungen immer noch führen muss.

Wie viel jemand im Netz von sich preisgibt und in welcher Weise er oder sie sich darstellt, obliegt einzig und allein ihm oder ihr selbst; es darf nicht als Rechtfertigung für Angriffe dienen, welcher Art auch immer. Das Netz ist öffentlicher Raum. Das kurze Oberteil einer Frau erlaubt keinem Mann irgendwelche Obszönitäten zu posten. Regeln wie diese müssen online wie offline in gleichem Maße gelten. Wenn wir anfangen, bestimmte Dinge zu diskutieren oder gar versuchen, im Onlinekontext zu relativieren, machen wir sie zum festen Bestandteil der Netzkultur.

Soweit ist das Problem bekannt, und zwar nicht erst seit gestern. Was also ist zu tun? Ich bin überzeugt, dass nur eine schnellere Reaktion der Plattformbetreibenden und der zuständigen Behörden Erfolg versprechen kann. Gleichzeitig muss an Betroffene ausdrücklich appelliert werden, Übergriffe zu melden und diese gegebenenfalls anzuzeigen.

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Und ja, es gibt Zivilcourage im Netz. Sehen Nutzende, dass Accounts Hass sähen, können sie diese dem Plattformbetreiber melden. Ausgehend davon, dass ein Medium wie Twitter das Problem tatsächlich in den Griff bekommen will, wäre eine erhöhte Anzahl von Meldungen ein deutlicher Hinweis, diesen Account genauer unter die Lupe zu nehmen.

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Letztlich geht es um Meinungsfreiheit im Netz. Es ist mehr konstruktiver Austausch und weniger Hass nötig. Wer beim Kampf gegen Hatespeech laut "Zensur!" schreit, missachtet, dass Beleidigungen und Drohungen Nutzer und Nutzerinnen einschüchtern und sie langfristig mundtot machen können. Hass ist keine Meinung und gleichzeitig Gift für jeden Diskurs.

Ich habe meinen Twitter-Account inzwischen gelöscht. Ich lasse damit nicht nur den Hass, sondern auch viele gute Gespräche, Ideen und schöne Momente hinter mir. Für mich als Person, die sich regelmäßig im Netz bewegt, ist das, als ob ich nicht mehr in meine Stammkneipe gehen kann, weil ich dort damit rechnen muss, jederzeit von einer Gruppe Betrunkener angegriffen zu werden. Zu denken, die Bedrohungen hören mit der Deinstallation einer App auf, ist jedoch naiv. Die Gruppe durchsucht weiterhin das Netz nach mir. Noch Tage nach meiner Löschung postet der Mann bei Street View gezogene Bilder meines Wohnhauses und schreibt, er wär jetzt gern dort und: Ich werde schon noch sehen, was mein Verhalten bewirkt hat.

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Es gibt viel zu tun.