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Datenrecherche #hassmessen:Wenn das Emoji den Hitlergruß macht

teaser hassmessen

Emojis werden oft politisch instrumentalisiert.

(Foto: Matthias Balk/dpa / Bearbeitung: SZ)

Emojis sind mehr als niedliches Beiwerk der globalen Smartphone-Gesellschaft: Sie werden von politischen Gruppen gekapert. Die SZ-Datenauswertung radikaler Telegram-Gruppen zeigt, wie Emojis instrumentalisiert werden.

Von Elisabeth Gamperl, Berit Kruse und Martina Schories

Sie sind klein, bunt und sehen auf den ersten Blick ganz unschuldig aus: Emojis. Die Bildchen und Figürchen sind auf jedem Smartphone zu finden und über die Jahre zum Verständigungswerkzeug der globalen Internetgesellschaft geworden. Mehr als zehn Milliarden Emojis werden täglich verschickt. Sie liefern die emotionale Tonspur zur getippten Information und machen den Unterschied aus, ob eine Nachricht als freundlich und offen gedeutet wird oder als zynisch oder gar garstig.

Zwar war es das eigentliche Ziel der mehr als 3000 Symbole, sich mit visuellen Mitteln einfach und weltweit ohne Missverständnisse zu verständigen, trotzdem entwickeln gewisse Zeichen im Emoji-Alphabet ein Eigenleben. Manche davon werden für politischen Aktivismus verwendet oder von Gruppen als Erkennungsmerkmal genutzt.

Datenrecherche #hassmessen

Dieser Artikel ist Teil des Projekts #hassmessen. Die digitale Reportage zur Recherche und weitere Beiträge aus dem Themenschwerpunkt finden Sie hier: sz.de/hassmessen.

In der rechten Onlineszene etwa sind die bekanntesten Beispiele für zweckentfremdete Emojis das Milchglas 🥛 und das "Ok"-Zeichen 👌. Die Finger-und-Daumen-Geste und das Milchglas werden von Rechtsextremen als Ausdruck sogenannter "weißer Vorherrschaft" verwendet, wie die US-amerikanische Anti-Defamation League berichtet, die gegen Diskriminierung und Diffamierung von Jüdinnen und Juden eintritt.

Auch die SZ-Datenanalyse von fast zwölf Millionen Telegram-Nachrichten (lesen Sie hier die digitale Reportage) in den Netzwerken der Corona-Maßnahmen-Gegner bis in die extremistische Szene hinein liefert Einblicke in radikale Codes und Symbolik. Darunter etwa das grüne Frosch-Emoji 🐸, das mittlerweile in der rechten Internetkultur als rassistisches Hasssymbol verwendet wird. Der grüne Frosch steht für die Comicfigur "Pepe der Frosch" und war eigentlich lange harmlos, bis sie 2016 von rechten Anhängern des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump gekapert und zu einem Symbol der Alt-Right-Bewegung in den USA gemacht wurde. Gerade in den Telegram-Gruppen, in denen es um Verschwörungstheorien und Extremismus geht, ist das Frosch-Emoji sehr oft zu finden. Hier zum Beispiel in einer Nachricht einer QAnon-Gruppe, die Lügen über den Ausgang der US-Wahl verbreitet:

"Biden hat verloren.... Kleines 💥BOM 👀🐸🍿z@QWWG1WGA16PLUS1"

Die QAnon-Bewegung verbreitet Verschwörungsmythen und entwickelt gewaltbereites und demokratiegefährdendes Potenzial.

Neben dem Frosch sind auch andere Tiere in radikalen Telegram-Gruppen symbolisch aufgeladen und werden als Codes und Chiffren verwendet: etwa der Adler 🦅 und der Wolf 🐺 als patriotische Symbole - nicht nur, aber auch für Deutschland, wie hier in dieser Nachricht Anfang Februar:

"🐺 DEUTSCHLAND MUSS UND WIRD WIEDER ERSTARKEN IN ALL SEINER KRAFT UND HERRLICHKEIT! 🦅⚔️ (...) "

Beliebt im Emoji-Zoo des Netzwerks der Corona-Kritiker-Szene ist auch die Taube 🕊, die traditionell als Friedenssymbol verwendet wird und oft auch Protestaufrufe flankiert. Oder das Schaf 🐑, das für die sogenannten "Schlafschafe" steht, für Personen also, die Politik und Medien nicht fundamental misstrauen, die also nicht an Verschwörungsideologien glauben - wie beispielsweise in dieser Nachricht zur Corona-App:

"Corona App: 14 Millionen Mal runtergeladen - 14 Millionen Schafe in unserem Vaterland! 🐑"

Oder der Hase 🐰🐇, eine popkulturelle Referenz auf die Erzählung Alice im Wunderland und den Matrix-Filmen, zu der Phrase "Folge dem weißen Kaninchen": Wer einzelnen Hinweisen nachgeht, kleinen Unstimmigkeiten und widersprüchlichen Informationen, der wird, so heißt es in radikalen Communities, schon bald auf weitere Verschwörungsideologien stoßen - und am Ende vermeintlich begreifen, wie sie alle zusammenhängen.

Auffallend sind auch die Farbkombinationen, die in Telegram-Postings benutzt werden: Schwarz, Rot und Gold, aber oft auch Schwarz, Weiß und Rot in Form von Herzen oder Kreisen. Diese Farbkombination steht für die Flagge des deutschen Kaiserreiches - in dieser Nachricht taucht auch der Adler gleich noch einmal auf:

"Vollgas Kameraden 🙏 🦅⚔️⚫⚪🔴⚔️🦅"

Auch andere Flaggen werden von den Nutzerinnen und Nutzern vor allem in Nachrichten, die der Datenauswertung zufolge extremistisch oder verschwörungsideologisch sind, verwendet. Das gilt vor allem für die Flaggen von Ländern, die häufig in Verschwörungserzählungen eingebunden sind, für Israel zum Beispiel, den Iran und Russland. Auch die US-amerikanische Flagge spielt in diesen Nachrichten eine wichtige Rolle - im Zusammenhang mit lobenden Worten für den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, mit Erzählungen über vermeintliche Wahlfälschungen zugunsten von Joe Biden oder aber mit der aus den Staaten importierten QAnon-Ideologie.

Seit 2015 können menschliche Motive in sechs Farbtönen dargestellt werden. Auffällig ist, dass in den meisten ausgewerteten Foren vor allem gelbe Gesichter oder helle Hauttöne gepostet werden. Vor allem dann, wenn es um sexistische oder beleidigende Inhalte geht, finden sich in den Nachrichten Emojis mit anderen, also dunkleren Hauttönen. Gerade das Emoji einer Frau mit Kopftuch 🧕 wird dann eingesetzt, wenn es um Abwertung geht. Das heißt: Nutzer dieser Foren verwenden dann dunkle Hauttöne, wenn bestimmte Menschen oder Gruppen abgewertet oder beleidigt werden sollen. Aus solchen Postings, die hier bewusst nicht gezeigt werden, trieft Rassismus und oft auch Frauenfeindlichkeit.

Verdächtig sind auch die Emojis mit erhobener Hand. Die meist männliche erwachsene Figur mit ausgestrecktem rechtem Arm 🙋‍♂️steht in ihrer ursprünglichen Bedeutung für den Wunsch, etwas zu fragen oder zu sagen. Der Analyse zufolge wird dieses Emoji hier aber oft auch als Gruß-Zeichen verwendet. Und das Emoji mit weißer Hautfarbe wird gerade in Foren mit tendenziell rechtsextremen Inhalten besonders häufig eingesetzt. Die Vermutung liegt also nahe, dass die Figur in diesem Kontext auch als Hitlergruß verwendet wird. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Recherche der Onlineplattform Buzzfeed, die im Jahr 2019 deutsche Propagandaforen des Nachrichtendienstes Whatsapp auswertete und auf dieses Emoji aufmerksam wurde. Diese Grafik zeigt die Anzahl der verwendeten Emojis mit der gehobenen Hand. Besonders häufig werden gerade Figuren mit heller Haut in rechtsextremen und QAnon-Gruppen gepostet:

Zwar deutet vieles darauf hin, dass auch in den Telegram-Gruppen dieses Emoji als Hitlergruß verwendet wurde, eine unwiderlegbare Beweisführung ist aber schwierig. Das ist auch der Grund, warum Emojis so gerne gepostet werden: weil sie uneindeutig sind. Bei kontroversen politischen Meinungen oder sogar justiziablen Äußerungen wie dem Hitlergruß fühlen sich die Nutzer sicherer, eine Botschaft hinter einem niedlichen Gesicht zu verstecken. Das bestätigt auch die niederländische Historikerin und Emoji-Expertin Lilian Stolk, die zum Einsatz von Emojis in Nachrichten forscht: "Man verbirgt seine eigene politische Meinung hinter einer Schicht Ironie." Wer ein doppeldeutiges Emoji verwendet, könne Stolk zufolge eine tatsächliche Verbindung zu rechtsextremem Gedankengut leugnen, weil es ja "nur lustig" gemeint sei. Aber gleichzeitig stellt das Symbol immer noch eine Verbindung zu diesen Ideen her - gerade für Eingeweihte.

Für Außenstehende ist es schwierig, alle Referenzen, Witze und Emojis zu deuten. Mit Insidern entwickele man in einer Gruppe einen Zusammenhalt, "weil man die Codes versteht", sagt Stolk. Es ist sozusagen ein niederschwelliger Einstieg in eine soziale Gruppe und in Telegram-Foren wie diese auch der erste Schritt in die Radikalisierung, wie Extremismus-Expertin und Politikberaterin Julia Ebner bestätigt: "Man wird in eine exklusive Gruppe aufgenommen, in der eine ganz bestimmte Sprache gesprochen wird." Gerade am Anfang des Radikalisierungswegs sei das sehr mächtig.

In den Gruppen geht es nicht nur um das Gefühl von Macht und Wissen, die Emoji-Analyse deutet auch darauf hin, dass die Themen in den Foren sehr emotionalisieren. Das Herz 💛🧡❤️ und das Gesicht mit den Freudentränen 😂 werden von den Nutzerinnen und Nutzern sehr oft verwendet. Auch das Explosions-Emoji 💥 ist unter den zehn meistbenutzen Emojis und deutet daraufhin, dass der jeweilige Nutzer wohl auf inhaltlichen Zündstoff hinweisen möchte.

In der Beliebtheitsskala weit oben sind auch Emojis wie Ausrufezeichen ❗oder Pfeile ⬇️.

Mit solchen Symbolen lassen sich Postings gut strukturieren, hervorheben oder man kann mit einem Pfeil ➡️ auf einen Link hinweisen. Denn bei Hunderten, Tausenden Nachrichten, die pro Tag in den einzelnen Gruppen oder Kanälen abgesetzt werden, geht es auch darum, sich von anderen abzuheben und um Aufmerksamkeit zu buhlen. Ganz so, als wollen die Nutzerinnen und Nutzer, dass ihr Posting aus der Masse hervorsticht - aus der schieren Masse der Hass-Nachrichten.

© SZ/sebi/mri
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