bedeckt München 25°

Hamburg:"Gated Communities" - ein treffendes Motto. Die Türen im Netz sind geschlossen

Deshalb: Montagabend, 21.45 Uhr. Für die meisten Nerds ist gerade Zeit fürs Mittagessen, denn der Kongress beginnt täglich gegen 11.30 und endet offiziell erst in der Nacht. Im Vortragsraum Nummer 6 will nun einer, der sich Steini nennt, anderen etwas beibringen, "Quantenphysik und Kosmologie für blutige Anfänger". Steini sitzt im Schneidersitz auf einem Tisch und massiert sich, während er spricht, seine Füße. Sein Vortrag ist ein wilder Bogen von Aristoteles zu Max Planck. Steini erzählt von der Ultraviolettkatastrophe, dem fotoelektrischen Effekt, von einer gemeinsamen Autofahrt von Einstein und Heisenberg. Und am Ende sieht man die Welt, zumal als blutiger Anfänger, doch ein wenig anders als zuvor, oder wie Steini es ausdrückt: "Und deswegen, ihr Lieben, ist es keineswegs klar, dass der Mond wirklich da ist, wenn keiner hinschaut."

So kann, wer sich von den Löt-Experimenten, den Schlösserknack-Workshops und den 3D-Druckern losreißen kann, in mehr als 100 Vorträgen und Workshops lernen. Im weitesten Sinne geht es fast immer um Digitalisierung: Es geht um Zensur des Mobilfunks in Iran, zur Frage, wie es sich mit einem - natürlich hackbaren - Herzschrittmacher lebt, und zwei Infineon-Ingenieure berichten darüber, wie Manipulationen direkt auf Computerchips statt in der Software eingebaut werden können. Es geht um Algorithmen, Netzpolitik, Zensur, drahtlose Technik - im weitesten Sinn um Politik, Gesellschaft, Kultur.

Das Motto des Treffens lautet in diesem Jahr "Gated Communities". Mit Recht, denn es stimmt ja, immer mehr (digitale) Türen werden verschlossen: Das Apple Universum zum Beispiel funktioniert nur mit Apple-Geräten, Facebook tut so, als bringe es das Netz in arme Länder, installiert aber in Wahrheit nur die gated community Facebook, und Regierungen pflegen ihre ganz eigenen communities, in denen die Bürger brav ihre Daten abliefern dürfen, um immer mehr überwacht zu werden.

So war 2015 für den CCC ein katastrophales Jahr. Die Vorratsdatenspeicherung, die man jahrelang bekämpft hat, ist Gesetz. Nach den Terroranschlägen von Paris gelten in Teilen Europas Notstandsgesetze, die die Demokratie zumindest teilweise aushebeln. Gleichzeitig ist der Krieg digital geworden: Die Drohnen der CIA sind für den CCC ebenso von Interesse wie hackende Terroristen. Und Edward Snowden hängt nach wie vor in Moskau fest.

Auf die Expertise einzelner CCCler vertraut sogar die Bundesregierung

Der Club tut, was er kann. So verklagt er Staaten wie Großbritannien oder die Bundesregierung wegen der Überwachung durch ihre Geheimdienste. Die Staaten wehren sich auf ihre Art. Auf die Anzeige gegen die deutsche Bundesregierung habe man einen "kryptischen Brief des Generalbundesanwalts erhalten", erzählt Kurz. Selbst eine Einstellung des Verfahrens wäre besser gewesen, denn gegen die hätte man vorgehen können.

Andersrum vertraut die Bundesregierung auch auf die Expertise einzelner CCCler. Legendär in diesem Zusammenhang und beim Kongress in Form eines elegant gemischten Liedes Anlass für viel Gelächter ist die Ansage von Thomas de Maizière gegenüber CCC-Sprecher Frank Rieger: "Da bräuchte ich mal von Ihnen eine Krisennummer."

Der Club hilft der Demokratie lieber auf dem dafür vorgesehenen Weg: In Hamburg verklagt der CCC die Handelskammer des Stadtstaates, weil die das im Stadtstaat geltende Transparenzgesetz zumindest nach Meinung des Clubs ignoriert. Gegen die Vorratsdatenspeicherung beteiligt sich der Club an einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht. In Karlsruhe gehen manche Club-Mitglieder längst ein und aus, um Stellungnahmen für die Verfassungshüter abzugeben.

Gleichzeitig erntet das Wachstum des Clubs intern auch - maßvolle - Kritik. Längst nicht alle Club-Mitglieder können sich zum Beispiel auf das alte Einverständnis einigen, dass Zusammenarbeit mit Geheimdiensten oder deren Dienstleistern strikt abzulehnen sei. Das Problem ist alt: Aus den Akten der Whistleblowerin Chelsea Manning wissen die CCCler, dass Geheimdienstler über ihre Konferenz schlendern. Hackern werden hohe Gehälter geboten. Einer, der Bescheid weiß, sagt, man müsse, wenn man wolle, "nur aufhören, die andauernden Angebote abzulehnen". Im vergangenen Jahr war auf dem Kongress ein junger Franzose als Redner geladen. Unmittelbar vor seinem Vortrag steckte jemand dem Club, dass der Mann ein Agent des französischen Militärgeheimdienstes war. Club-Sprecherin Kurz sagt, man habe seinen Auftritt im letzten Moment verhindert.

Gerade weil sich die Clubspitze nicht hierarchisch sieht, kann sie nur schwer durchgreifen. Es gibt deshalb Club-Mitglieder wie den langjährigen CCCler Volker Birk, einen Bürgerrechtler, die das Wachstum kritisch sehen: "Wir sind nicht ausschließlich gut darin, groß zu sein." Da wirkt es wie ein Symbol, dass die Clubwebseite unter der Last der Besucher während des Kongresses dauernd zusammenbricht. Funktioniert die intransparente Struktur und das Prinzip der Freiwilligkeit weiterhin? Auch in einem Club mit Tausenden Mitgliedern, Millionen Euro an Kosten und Einnahmen pro Jahr und mit der Verantwortung, für eine demokratische Gesellschaft, für Bürger- und Menschenrechte in einer digitalen Welt einzustehen? Darüber wird auch im Club debattiert. Dringlicher aber ist: Wo soll man im nächsten Jahr tagen? Gesucht wird ein sehr, sehr großes Gebäude.

© SZ vom 30.12.2015/jab

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite